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Länderreport / Archiv | Beitrag vom 17.12.2007

Die Wege der Bilder

Das Rheinische Landesmuseum Bonn und seine Ankaufspolitik

Von Mandy Schielke

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Seit knapp zehn Jahren stöbert die Kunsthistorikerin Carola Widmann in den Archiven des Museums, nebenbei in ihrer Freizeit. Wer hat wann, welche Entscheidungen getroffen. Wie sind Kunstwerke und archäologische Funde ins Museum gekommen?

Dabei hat sie sich die Zeit zwischen 1933 und 1945 vorgenommen, die Geschichten und Wege von Bildern recherchiert, die Museumsdirektoren und ihre Ankaufspolitik unter die Lupe genommen. Demnächst werden die Recherchen veröffentlicht. Damit ist das Rheinische Landesmuseum Bonn das zweite Museum in Nordrhein-Westfalen, das seine Geschichte während der Nazizeit aufarbeitet und veröffentlicht.

I. Vorspiel

Steigt man am Hauptbahnhof Bonn aus dem Zug dauert es zu Fuß keine zehn Minuten bis zum Museum: Quantiusstraße, Treppe hoch. Am Kiosk und dem Blumenladen vorbei, Colmanstraße. Dann steht man vor dem Rheinischen Landesmuseum. Die äußere Hülle ist aus Glas. Es sitzt wie in einer Vitrine. Jemand am Eingang bezeichnet es als Gemischtwarenladen. Archäologie, Möbel, Kunstgewerbe, Malerei.

Marion Widman hat einen zügigen Gang. Die Schulterpolster in ihrem schwarzen, weiten Hosenanzug hopsen dabei gleichmäßig hoch und runter. Die kleine Frau ist seit 15 Jahren im Museum, hat Ausstellungen organisiert, sich um den Aufsichtsdienst gekümmert, die Restaurationswerkstatt geleitet, irgendwann auch mal kommissarisch auf dem Direktorenstuhl gesessen. 1998 wird das Museum umgebaut. Frau Widmann wird Baureferentin. Ihre erste Aufgabe: Herauszufinden, ob das Haus Kriegsschäden davongetragen hat.

"Ich bin dann in das Bonner Jahrbuch der damaligen Zeit abgetaucht, erste Ausgabe nach dem Krieg, was da steht nach dem Krieg. Ich konnte die Frage beantworten, es waren Kriegsschäden zu verzeichnen. Was mich dann allerdings relativ stutzig gemacht hat, das Seitenweise die Erwerbungen während der Kriegsjahre aufgelistet waren. Das waren in der Zeit von 39 - 45 immerhin 73 Gemälde."

Aber von diesem Teil der Geschichte wollte anfangs niemand so richtig etwas wissen, berichtet die 53-Jährige. Immer wieder sprach sie von ihrer Entdeckung. Die Reaktion der Museumsleitung damals:

"Wohlwollend, desinteressiert."

Ihre Neugier aber war entfacht und hat sie auch nicht mehr losgelassen. Die zierliche Frau hat sich mittlerweile am Besprechungstisch in ihrem dunklen Büro niedergelassen und erzählt, dass sie zunächst in die eigenen Archive abgetaucht ist, später ins Rheinische Archiv nach Brauweiler, nach Berlin, Potsdam, München und Amsterdam reiste, mit Kollegen in Königsberg, London oder Santa Barbara/Kalifornien telefonierte. Ruhig, zurückgelehnt sitzt sie auf dem gepolsterten Stuhl und schildert ihre Arbeit. Man kann sich gut vorstellen, wie sie geduldig Blatt für Blatt zwischen Aktenregalen wendet. Die Gründlichkeit des deutsche Beamtentums sei ihr bei ihren Recherchen sehr entgegengekommen, erzählt sie, lächelt dabei zaghaft und erklärt, dass die Herren, die während des Krieges zu Auktionen nach Berlin oder Amsterdam reisten, gewissenhaft Reiseberichte angefertigt haben und so Spuren für sie hinterließen.

Hanns Joachim Apffelstedt, rheinischer Kulturdezernent, Mitglied der NSDAP, Mitglied der SA, in Parteikreisen angesehen. Franz Rademacher, Abteilungsleiter der Gemäldegalerie im Rheinischen Landesmuseum.

"Apffelstedt, der Kulturdezernent und Rademacher haben eigentlich monatlich ihre Tour durch das besetzte Frankreich, Belgien, die Niederlande gemacht. Oder sind auch nach Berlin gereist, es gab ja auch genügend Auktionen im Deutschen Reich."

Alfred Stange vom Kulturhistorischen Institut der Universität in Bonn begleitete die Herren gelegentlich zu den Auktionen nach Berlin und nach Frankreich. Einkaufsreisen werden vom Museum selbst und gleichgeschalteten Fördervereinen bezahlt. Der Kulturetat wird zwischen 1933-1938 auf 25 Millionen Reichsmark angehoben. In den Kriegsjahren wird der Ankaufsetat dann noch einmal auch durch das Reichsministerium in Berlin erheblich aufgestockt.

II. Hintergründe

"Ich mache das in meiner Freizeit, ich mache es soweit es mein eigentlicher Job erlaubt auch in der Dienstzeit. Da werden keine Extragelder zur Verfügung gestellt."

Denn Extra-Stellen für Kunsthistoriker, die den Bestand akribisch auf seine Herkunft prüfen, zumal was die Kunst angeht, die zwischen 1933-1945 in die Museen gelangt ist, gibt es nicht. Jetzt hat Bernd Neumann, Kulturstaatsminister im Kanzleramt, angekündigt, dass der Bund ab 2008 eine Million Euro für Provenienzforschung – also die Recherche nach der Herkunft, der Geschichte von Kunstwerken - zur Verfügung stellen wird. Eine zentrale Forschungsstelle soll dafür in Berlin eingerichtet werden. Christoph Brockhaus, Direktor des Wilhelm Lehmbruck Museums in Duisburg hat mit in der Arbeitsgruppe beim Kulturstaatsminister gearbeitet und hält das Ergebnis für eine Leistung, die sich sehen lassen kann. Gabriele Uelsberg, Direktorin des Rheinischen Landesmuseums in Bonn bewertet das Ganze als einen ersten Schritt in die richtige Richtung:

"Es macht auch Sinn, dass man das bündelt, dass nicht jedes Haus für sich allein forscht, sondern dass man das mal auf solch eine Forschungsebene zieht, um von den Kenntnissen zu profitieren, weil es sind ja in der Regel die gleichen Archive, die man aufsucht, es sind die gleichen Protagonisten über die man recherchiert."

Martin Roth, Direktor der Staatlichen Kunstsammlungen Dresden ist da deutlich skeptischer, er hält den jährlichen Etat von einer Million Euro für viel zu gering, um die notwendigen Herkunftsrecherchen in deutschen Museen umfassend durchzuführen. Eine Restitution in Berlin hatte die Diskussion um die Notwendigkeit von Provenienzrecherchen auf die politische Agenda gebracht.

Zur Erinnerung: Ernst Ludwig Kirchners Gemälde "Berliner Straßenszene" von 1913 wurde im Sommer des vergangenen Jahres aus dem Berliner Brücke-Museum an die Erbin des einstigen jüdischen Besitzers zurückgegeben und erzielte kurz darauf bei einer Auktion 34 Millionen Dollar.

III. Die Geschichte eines Bildes

Marion Widmann steht jetzt in der Restaurationswerkstatt. Es ist Donnerstagnachmittag, nach Feierabend. Sie hat sich hat ich weiße Handschuhe aus dünner Baumwolle übergezogen. In den vergangenen zehn Jahren konnte sie die Herkunft von zwei Bildern recherchieren, die das Rheinische Landesmuseum zwischen 1933 - 1945 ankauft hat.

"Ich bin jetzt bei Gemälde Nummer drei.""

Jan van Goyen: Küstenlandschaft mit Festung, 1651, monogrammiert und datiert. Papier auf Eichenholz, 25 cm mal 40,5 cm. Inventarnummer: 40.31.

Sicher hebt sie es von einem blanken Tisch aus Metall und Kunststoff hin zum Fenster auf eine mit Filz überzogene Arbeitsplatte. Kein großer Fisch, was den Wert angeht, vermutet die promovierte Volkskundlerin.

"Die Straßenszene von Kirchner war in jeder Zeitung, in den besten Zeiten fast täglich. Aber das sind ganz andere Größenordnungen, da ging es um Millionen, bei uns geht es im Einzelfall nicht um Millionen, bei uns geht es um die Aufarbeitung dieser Zeit."

1941 wird das Rheinische Landesmuseum geschlossen, die Kunstobjekte zum größten Teil ausgelagert, in Depots direkt in Bonn, aber auch im Westerwald. Dort - im "bombensicheren" Kloster Marienstatt landet auch Jan van Goyens "Küstenlandschaft mit Festung". Nach dem Krieg wird Bonn englisch besetzt. Das Depot im Westerwald gehört jedoch zur französischen Besatzungszone. Die französische Militärregierung beginnt mit der Rückgabe der Kunstwerke, die in den Kriegsjahren erworben wurden, schickt sie über ihren zentralen Collecting Point in Baden-Baden nach Frankreich, Belgien, und in die Niederlande.

"Zum Beispiel gehörte der Jan van Goyen dazu, der ging zurück in die Niederlande. Und das Rheinische Landesmuseum hat damals natürlich mit einem gewissen Zeitverzug mitbekommen, erstens dass da Dinge herausgenommen wurden und haben bei diesem Jan van Goyen sofort protestiert. Der sei ja nicht gekauft worden, der sei getauscht worden und wenn müsste das gesamte Tauschgeschäft rückgängig gemacht werden."

1940 war es zum Tauschgeschäft zwischen dem Rheinischen Landesmuseum und dem Amsterdamer Kunsthändler D. A. Hoogendijk gekommen: Van Goyens Küstenlandschaft mit Festung und zwei weitere Bilder gegen ein Ölgemälde, dass das Museum zuvor einem Hamburger Privatmann abgekauft hatte. Tauschwert des van Goyen Bildes aus dem 17. Jahrhundert damals. 6000 Reichsmark. Der Vorbesitzer: Max Meirowsky, jüdischer Industrieller und Kunstsammler emigrierte von Berlin nach Amsterdam. Dort verkaufte er das Gemälde am 22.6.1939 für 1200 Gulden. 1587 Reichsmark zum aktuellen Tageskurs des Junitages.

"Die Rechnung ist heute noch erhalten in Holland im Firmenarchiv Hoogendijk, das aber noch gesperrt ist bis 2019."

Aber Frau Widmann kennt einen Kollegen in Utrecht, der ihr hilft, persönlichen Kontakt zum Sohn des Kunstsammlers Alfred Hoogendijk, Wilhelm Hoogendijk, herzustellen. Briefwechsel. Irgendwann darf sie konkrete Fragen an ihn richten.

IV. Der Sammler Max Meirowsky

Die Frau mit den grauen, kinnlangen Haaren hat sich verbissen in den Fall, seit fast zwei Jahren beschäftigt sie sich mit dem Gemälde des niederländischen Malers und seinem ehemaligen Besitzer: Max Meirowsky.

"Hat er es aus Geldnot verkauft, um sich seine Emigration zu ermöglichen? Hat er es zu einem regulären Preis verkauft oder unter Wert? Jein, kann man da wie in den meisten Fällen entschieden antworten. Meirowsky hat nicht unter Geldnot, unter Zwang verkauft aber hätte der überhaupt verkauft, wenn er nicht hätte emigrieren müssen?"

Sie steht auf, und zieht einen weiteren Ordner aus dem weißen Holzregal.

"Allein diese zwei Ordner - nur die Korrespondenz und das Leben von Meirowsky."

"Hier haben wir die Anmeldung in Amsterdam. 8. Juli 1939."

Die Originalanmeldung in Kopie, nebst beglaubigter deutscher Übersetzung.

"Name, Nationalität, Geburtsort, das ist Gutstadt in Ostpreußen, Geburtsdatum 17.2 1866. Ich geh jetzt mal in die deutsche Übersetzung: die Länge: 1,58 er muss also relativ klein gewesen sein, die Haltung gerade, die Stirn normal, Haare grau. Bart: keinen und so weiter, und so weiter bis zur Religion: Israelitisch."

Letzter Wohnort im Deutschen Reich: Berlin. Wohnsitz in Amsterdam: das beste Hotel der Stadt.

Laut Marion Widmann hat Max Meirowsky nach dem Krieg keine Ansprüche auf das Kunstwerk geltend gemacht. Ein Indiz dafür, dass der jüdische Kunstsammler es ordentlich verkauft hat, findet die 53-Jährige. Denn:

"Gleich nach dem Krieg hat Meirowsky Restitutionsansprüche an die Bundesrepublik gestellt. Grundstücke betreffend, Konten betreffend, seine Kunstsammlung betreffend, die in zwei großen Auktionen in Berlin, sogenannten Judenauktionen, versteigert wurde. Er ging ja mit einem Bruchteil seines Kunstbesitzes auf Emigration."

Vor ein paar Jahren hat sich die Stiftung, die Meirowsky noch vor seinem Tod gegründet hat, doch noch einmal beim Museum gemeldet und Ansprüche auf den Jan van Goyen angemeldet. Das ist über zwei Jahre her. Seitdem hat man nichts mehr von ihnen gehört, sagt Frau Widman.

Sie hat sich wieder zurück auf den Stuhl gesetzt. Dann hält sie kurz inne, kneift die fahlen Augen zusammen. Sie kommt nicht los von ihrem Fall und irgendwie auch nicht von Max Meirowsky.

"Er starb 1949 hoch betagt in Genf."

"Was mich bei diesem Max Meirowsky unglaublich fasziniert. Der hat Kunst gekauft, mit Kunsthändlern verhandelt bis wenige Tage vor der Emigration. Eigentlich hat man ja immer die Vorstellung, dass diese Leute nur noch die Emigration und das - wie komm ich hier raus - vor Augen haben. Es war nicht so. Dieses bis zum letzten Moment seine persönliche Würde, sein normales Leben als Kunstsammler aufrecht zu erhalten, mit einer für uns heute ganz ungeheuerlichen Nervenstärke."

Im Juni 1950 war der van Goyen nach Umwegen wieder zurück im Rheinischen Landesmuseum - über Marienstatt im Westerwald, Baden-Baden, Paris, Amsterdam, Baden-Baden nach Bonn.

V. Und weiter ...

Gabriele Uelsberg, Direktorin des Rheinischen Landesmuseums ist beeindruckt von der Recherchearbeit ihrer Kollegin.

"Mit dem Jan van Goyen ist jetzt eines der Werke bis zum bitteren Ende untersucht worden. Was uns zeigt, dass jeder Fall so komplex ist, dass man nicht pauschal sagen kann, das ist so oder das ist so. Und wenn ich bedenke, Frau Widmann ist hier im Haus Abteilungsleiterin, dass heißt, sie hat weitaus andere Aufgaben zu tätigen, dann weiß ich, wie viel Stunden sie privat am Wochenende damit zugebracht hat."

Provenienzforschung ist für sie aber grundsätzlich nichts für nebenbei. Marion Widmanns Augen strahlen bei so viel Lob der Chefin. Viel verspricht sie sich davon, dass ihre Rechercheergebnisse jetzt im Bonner Jahrbuch veröffentlicht werden.

"Erstens Mal, dass es bekannt wird, dass das Rheinische Landesmuseum sich offensiv mit dem Thema beschäftigt. Und ich erwarte Verbindungen zu Kollegenkreisen, die sich mit Ähnlichem sonst wo beschäftigen und ich hoffe mir mehr über diesen Max Meirowsky zu erfahren."

Sie bleibt also dran.

"Das zieht sich. Ein Glück muss ich bis 67 arbeiten."

Länderreport

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