Die Verstaatlichung der Kriegserinnerung

Von Boris Schumatsky · 31.08.2009
Der Kriegsinvalide hatte eine Harmonika, zwei Krücken und ein Bein. Für uns Kinder aus der Umgebung sang er gerne ein unkämpferisches Soldatenlied, eine Art russische "Lili Marleen". Es war der Sommer, in dem sich der Kriegsausbruch zum 30. Mal jährte, ich war sechs. Ich hasste Kriegsveteranen noch nicht, und ich wusste nicht, dass ich einmal in der Bundesrepublik leben wollen würde, wo man sagen darf, Soldaten sind Mörder.
In der Schule trichterte man uns ein, wir seien ein Siegervolk, das einen Großen Sieg im Großen Vaterländischen Krieg errungen hat. Das mussten wir so oft in unsere Hefte schreiben, bis uns die Hand weh tat, also benutzten wir respektlos ein Kürzel: Sieg im GVK. Oder Veteran des GVK. Die Veteranen mit ihren Medaillen und dem Schlachtruf "Für die Heimat, für Stalin!" repräsentierten den Gründungsmythos der Sowjetmacht. Es mag eine ähnliche Form von Ablehnung gewesen sein, wie bei manchen Jugendlichen in Deutschland, die sich im Geschichtsunterricht "nicht schon wieder mit dem Holocaust" beschäftigen wollen und für die "Du Opfer" ein Schimpfwort ist.

Als ich vor knapp 20 Jahren nach Berlin kam, war der westdeutsche negative Gründungsmythos noch intakt: Die Ablehnung des Nationalsozialismus und Krieges. Nach dem muffigen Nationalstolz waren soviel historischer Mut und Weltoffenheit erfrischend. Vor der Synagoge in der Berliner Oranienburger Straße traf ich damals einen sowjetischen Kriegsveteranen, einen von Hunderten jüdischer Rotarmisten, die in die Bundesrepublik gezogen waren. Es war wieder einmal ein "Tag des Sieges". Der alte Mann trug auf dem Anzugrevers seine Medaillen, die er sich im Krieg gegen Deutschland erkämpft hatte. In der Sowjetunion wurden sie an allen staatstragenden Feiertagen angelegt, stellvertretend für das ganze Siegervolk. In der Oranienburger Straße waren diese Medaillen ein Beleg für den Erfolg deutscher Vergangenheitsbewältigung. Er konnte sie bedenkenlos zur Schau stellen trotz aller Morde, die von seinen marodierenden Kriegskameraden an der deutschen Zivilbevölkerung verübt worden waren.

Weder Russland noch seine damaligen Kriegsverbündeten haben sich je entschuldigt für die Zivilopfer von Sowjetsoldaten oder britischen Piloten. Die Bundesrepublik, die neben dem Holocaust auch die Kriegsverbrechen anerkennt, steht alleine in der europäischen Erinnerungslandschaft. Diese Sonderstellung nutzt in Deutschland vor allem denen, die mit Wortschöpfungen wie "Bombenholocaust" die Judenvernichtung relativieren wollen.

Aus der Leugnung eigener Kriegsverbrechen zieht in Russland vor allem der Kreml Nutzen. Der Mythos des gerechten GVK wurde bereits während des Tschetschenien-Krieges wieder gesellschaftsfähig. Heute lernen die russischen Schüler, dass es keine sowjetische Besatzung Polens und Baltikums gab. Sie lernen auch, dass Stalin ein erfolgreicher Manager war. Es entsteht eine stickige Atmosphäre des Nationalstolzes, in der ich es einst nicht ausgehalten habe.

Seit ich in der Bundesrepublik lebe, bröckelt der einzigartige deutsche Gründungsmythos. Nach Martin Walsers Rede über die "Moralkeule" Auschwitz und nach dem Streit um den Spruch "Ich bin stolz, ein Deutscher zu sein" wächst die Sehnsucht nach einem positiven Mythos. Die Leitkultur hat es nicht soweit geschafft, vielleicht schafft es das Wunder namens Wirtschaft?

Meine Großtante Katja war einen Monat nach dem Naziüberfall freiwillig in den Krieg gezogen. In den Jahrzehnten danach war sie von der Verstaatlichung der Kriegserinnerung stets angewidert, sie trug nie ihre Medaillen. Sie war eine stille Person, sie sprach auch nie über den Krieg. Nur einmal erzählte Katja, dass damals niemand im Gefecht "Für die Heimat, für Stalin!" gerufen hatte, wie es die Politoffiziere forderten. Sie fragten stets, "Habt Ihr wieder nicht gerufen?" Die Soldaten antworteten: "Doch, haben wir." Die Erschaffer des neuen Staatsmythos mussten ihnen glauben. Selber trauten sie sich nie so nah an die Front, erzählte mir Katja. Ich habe an sie nie als an eine "Kriegsveteranin" gedacht.


Boris Schumatsky, Publizist und Schriftsteller, geboren in Moskau, studierte Kunstgeschichte in Leningrad und Politologie in Berlin. Während der Perestroika schrieb er politische Essays für deutschsprachige Tageszeitungen. Seit 1992 arbeitet Schumatsky zuerst als freier Autor für RIAS und später für DeutschlandRadio. Sein letztes Buch "Silvester bei Stalin" (PHILO-Verlag) erzählt die Geschichte seiner Familie in der Zeit der russischen Revolution und des Zweiten Weltkriegs. Jetzt lebt Schumatsky als freier Publizist und Schriftsteller in München und arbeitet an seinem zweiten Buch, das die Umbruchszeit in Deutschland und Russland zum Thema hat.
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