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Länderreport / Archiv | Beitrag vom 22.03.2013

Die vergessene Geschichte

Das Eisenacher Entjudungsinstitut

Von Blanka Weber

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Die Wartburg bei Eisenach (AP Archiv)
Die Wartburg bei Eisenach (AP Archiv)

GI Berg ist ein Deckname der Staatssicherheit, verwendet für einen namhaften Kirchenmann der DDR: Walter Grundmann. Der GI – also der "Geheime Informator" starb 1976 in Eisenach. Der hoch dekorierte Kirchenmann machte aber bereits in der NS-Zeit Karriere. Sein Ziel damals: Jüdische Aspekte aus Bibel, Gesangbuch und Kirchenschriften zu verbannen.

Es ist eines der ältesten Häuser im Stadtzentrum von Eisenach, ein typisches, etwas schief wirkendes, mittelalterliches Fachwerkhaus mit dunklen, verzierten Balken und weißgekalkten Lehmwänden. Hier ging Martin Luther von 1498 – 1501 zur Schule. Heute ist das Haus ein Museum und zeigt nun eine Ausstellung zu einem der umstrittensten Themen der Stadt: Dem einstigen Institut zur Entjudung der Kirche. Fragen stellt eine Generation, deren Eltern und Großeltern nur ungern darüber reden, erklärt Sebastian vom Martin-Luther-Gymnasium:

"Entsetzt hat mich am meisten, dass die meisten Eisenacher von dem Institut überhaupt keine Ahnung haben, auch die, die damals hier in Eisenach gelebt haben. Meine Familie wohnt schon sehr lange hier. Und wenn ich meine Großeltern und Urgroßeltern gefragt haben, ob sie denn wissen, dass das Institut hier war, die haben dann alle gesagt, hab ich noch nie gehört, das kenn ich nicht. Und die Stadt tut eben auch nicht wirklich etwas dafür, um das zu ändern. Es ist weder eine Tafel hier noch sonst irgendetwas dran zu sehen."

Sebastian ist 18 Jahre alt und hat, wie seine Mitschüler für die Ausstellung in den Archiven der Stadt, der Kirche und der Staatssicherheit geforscht und gefragt, was es mit der Person Walter Grundmann auf sich hat:

"Und ich fand dass immer umwerfend, wie er es geschafft hat, seinen Lebenslauf so abzuändern, dass er immer noch in einem positiven Licht dasteht. Er hat seinen ganzen Lebenslauf immer so dargestellt wie eine lange Verkettung ungünstiger Ereignisse, so: Eigentlich kann ich nichts dafür, aber da war das und da war das und da musste ich eben so und so handeln, also er hat sich immer in einem sehr günstigen Licht darstellen können. Da hab ich mich wirklich fest gelesen."

Walter Grundmann - wer war dieser Mann?

Ein liebevolle Familienvater, ein hoch dekorierter Kirchenmann, ein belesener Intellektueller, mehrsprachig, brillanter Redner und begabter Lehrer – sagen seine ehemaligen Schüler, die er seit den 50er Jahren im Katechetenseminar der Evangelischen Kirche unterrichtete. Doch es gibt eben auch die zweite Seite. Jenen Mann, der 1930 Mitglied der NSDAP wurde, der die Machtergreifung Adolf Hitlers drei Jahre später mit der Schrift "Totale Kirche im totalen Staat" begrüßte und sich darin auf das "Deutschtum" berief. Ein Mann, der im neuen, im nationalsozialistischen System Karriere machen konnte, weil ein anderer Wissenschaftler – wegen mangelnder Linientreue - den Platz räumen musste. Grundmann erhielt 1936 den Lehrstuhl Neues Testament und Völkische Theologie an der Universität Jena.

Er war ein Mann, der bis zuletzt, bis zu seinem Tod 1976, öffentlich mit der Frage haderte, ob Jesus nun ein Jude war oder nicht, sagt die Theologin Barbara Sofia Reichert:

"Ich bin einfach wahnsinnig enttäuscht, dass ein Mensch, der diese Auffassungsgabe hat und der sich theologisch so tiefgründig auch gebildet hat und gewusst hat, dass er einfach nicht ehrlicher mit sich ins Gericht gegangen ist und nicht ehrlicher, auch für sich, aufarbeiten und nach dem Krieg hätte damit umgehen können."

Es gab keine öffentliche kritische Auseinandersetzung

Die heutige Militärpfarrerin war vor zehn Jahren Gemeindepastorin in drei umliegenden Dörfern von Eisenach. Und: Sie war Schulpfarrerin am Evangelischen Martin-Luther-Gymnasium, nur wenige Schritte vom Luther-Haus entfernt. Ihr fiel auf, dass weder im kirchlichen noch im städtischen Umfeld über die Rolle des ehemaligen Entjudungsinstitutes gesprochen wurde. Es gab keine öffentliche kritische Auseinandersetzung, weder Fragen noch Antworten. Die Akten waren 30 Jahre nach Walter Grundmanns Tod unter Verschluss und schlummerten im Kirchenarchiv:

"Neben dem Martin-Luther-Gymnasium ist die alte Kreuzkirche und die Kreuzkirche ist das Archiv der damals noch Thüringer Landeskirche. Bis heute besteht das noch als Archiv. Und dort lagen die persönlichen Unterlagen, Zeugnisse, Schriften von dem Dr. Walter Grundmann. Und ich wusste, dass die dort lagen und 2006 erst eröffnet werden, die einem dann natürlich nochmals ganz spezielle Einblicke geben in seine Arbeit, seine Denkweise, seine Schriften."

Für Barbara Sofia Reichert begann eine Zeit des Fragens, des Aufarbeitens und der Suche nach Antworten, warum auch die Kirche während der DDR so unkritisch mit dem späteren Leiter des Eisenacher Katecheten-Seminars umgehen konnte. Sie erinnerte sich an eine Begegnung mit ehemaligen Grundmann-Schülern in Eisenach:

"Ich hab 1985 meinen Sohn geboren und bin dann mit ihm in Eisenach durch die Stadt und ich habe eine Katechetin getroffen, die bei Grundmann Unterricht hatte und von ihm auch sehr geschwärmt hat und hat gesagt, ach ein Kind, das ist ja schön und wie heißt er denn? Und ich hab gesagt: ‚David‘. Und da hat sie mich angeguckt und hat gesagt: ‚Wie kann man dem Kind nur so einen jüdischen Namen geben?‘ - Und ich denke, das wirkt bis heute auch fort. Und er hat bis zum Schluss nie sagen können, dass Jesus wirklich Jude war – er hat dann bis zum Schluss bis zu seinem Tod nur gesagt: ‚Wir wissen nicht welche Identität Jesus hatte.‘"

Stasi-Vergangenheit kam erst spät ans Licht

Als die engagierte Theologin gemeinsam mit Schülern ab 2006 begann, die Geschichte Walter Grundmanns zu recherchieren, war dessen Tätigkeit für die Staatssicherheit noch nicht bekannt. All das ist erst in den letzten Jahren ans Tageslicht gekommen, aufgrund der gefundenen Stasiakten, erzählt Reinhard Buthmann, Mitarbeiter der Außenstelle für Stasi-Unterlagen in Erfurt. Die Stasiakte des Geheimen Informanten mit dem Decknamen Berg – alias Walther Grundmann – besteht aus über hundert Seiten:

Buthmann: "In diesen Akten sind Ermittlungsberichte enthalten, biografische Angaben, Lebenszeugnisse, Suchzettel des MfS, Gesprächsnotizen, interne, Kontaktgespräche und schließlich wenn es um einen IM sich handelte die so genannten Treffberichte, Verfügungen, Einschätzungen und so weiter."

Grundmann hatte keine Bedenken zu berichten, sagt Reinhard Buthmann. Alles sei seinen "ganz normalen IM-Weg gegangen": Es gab Aufträge und diese habe er erfüllt. Bespitzelt hat er zwischen 1956 und 1961 Kirchenvertreter in Ost und West.

Buthmann: "Also der Bereich der Bischöfe, der Kontakte der Bischöfe, der Landesbischöfe untereinander, die gesamten kirchlichen Bewegungen in der Bürokratie und man kann eigentlich sagen: Alles. Alles, was in oberen Kirchenkreisen zur Diskussion stand, hat er auch entsprechend berichtet. Sehr konzentriert, analytisch äußerst klar. Er brauchte nicht sehr viele Seiten, sondern er war im Grunde genommen nach drei Seiten fertig mit umfangreichen Bestandsanalysen zu kirchlichen Angelegenheiten breitester Art."

Gebäude des ehemaligen Entjudungsinstituts steht noch

Walter Grundmann ist 1976 in einem Familiengrab in Eisenach bestattet worden. Noch heute gibt es Angehörige, die sich um sein Grab kümmern. Vor dem breiten, schlicht gehaltenen, hellen Granitstein steht ein Kreuz. Die Inschrift: ein Bibelspruch.

An seine Arbeit erinnert jedoch nichts in der Stadt, obwohl es das Gebäude des ehemaligen Entjudungsinstitutes noch immer gibt. Es ist im Villenviertel der Stadt zu finden, an einem Hang gelegen – inmitten individuell- meist imposanter Architektur diverser Stile: Fachwerk, Klassizismus, Neobarock. Original neben Nachahmung.

Die Bornstraße ist heute eine beliebte Wohngegend mit angrenzendem Waldbestand. In den 90er Jahren verkaufte die Evangelische Kirche das Gebäude nebst Grundstück auf der Basis von Wertgutachten an zwei Privatbesitzer. Zuvor war es Priesterseminar und Wohnraum für Vikare. Beim Verkauf, so heißt es heute, hätten der Hintergrund und die Person Walter Grundmann keine Rolle gespielt.

Kein Schild weist am Haus oder auf der Straße auf die Geschichte des Gebäudes hin, bemerkt Max, ein Schüler des Martin-Luther-Gymnasiums, der für die Ausstellung recherchierte:

"Na, es ist immer noch keine Tafel, Gedenktafel, dran und ich fürchte, dass die Einwohner, die in dem Haus wohnen auch nichts darüber wissen, was in diesem Haus war, wer da gearbeitet hat und woran da gearbeitet wurde."

"Bekennende Kirche" und "Deutsche Christen"

Bis 1944 sollen etwa 200 Personen, die meisten jedoch ehrenamtlich, zum Team des Institutes gehört haben. Wissenschaftlicher Leiter war ab 1939: Walter Grundmann. Aufgestiegen innerhalb der Evangelischen Kirche und unterstützt in seinem Vorhaben von elf der 16 Landeskirchen. Ein Mann, der sieben Jahre zuvor noch Hilfspfarrer nahe des sächsischen Kamenz war, später den NS-Pfarrerbund Sachsen leitete, die Glaubensbewegung Deutsche Christen in Sachsen gründete und auf Empfehlung – jedoch ohne Habilitation – 1936 an die Universität Jena kam. Thüringen hatte damals bereits seit vier Jahren eine braune Landesregierung mit Fritz Sauckel an der Spitze.

Auch die Kirche veränderte sich in dieser Zeit und spaltete sich in die gewissermaßen als Opposition auftretende "Bekennende Kirche" und in die zunehmend erstarkenden "Deutschen Christen". Fragen der "Rassenhygiene", der jüdischen Herkunft spielten ab sofort auch in kleinsten Gemeinden eine Rolle. Ehen von Christen und Juden versagte die Thüringer Kirche - gesetzlich verordnet – ihren Segen. Es war die Zeit, in der Walter Grundmann Karriere machen konnte – sowohl an der Universität Jena als auch innerhalb der Kirche, sagt der heutige Lehrstuhlinhaber Professor Karl-Wilhelm Niehbuhr:

"Die Jenaer Universität sollte die nationalsozialistische Eliteuni werden und ist auch ganz gezielt ausgebaut worden dafür in den 30er Jahren. Das Land Thüringen hat schon vor ´33 eine Nationalsozialistische Regierung gehabt und in der Kirche ist in der Tat die Thüringer deutsche Christenbewegung die schärfste, zumindest die schärfste innerkirchliche, deutsch-christliche, also nationalsozialistisch bestimmte Bewegung gewesen. Warum das nun gerade in Thüringen sich so konzentriert hat, das weiß ich nicht, ich nehm’ das erstaunt zur Kenntnis, weil sonst ja Thüringen ja nicht immer die führende Rolle in der deutschen Geschichte gespielt hat."

Die Ernennungsurkunde Walter Grundmanns trug die Unterschrift Adolf Hitlers. Damals nichts Besonderes – sagt Karl-Wilhelm Niebuhr. Beide hätten einander vermutlich nie getroffen:

"Viel wichtiger ist, dass er ganz gezielt mit einem politischen Auftrag nach Jena berufen worden ist auf einen Lehrauftrag für völkische Theologie. Als ganz junger – gerade mal 30-Jähriger Theologe, der hier dezidiert nationalsozialistische Ideologie betreiben sollte. Das wusste jeder, das wusste er auch selber und das wollte er auch. Also Hitler persönlich hat ihn sicher nie gekannt und nicht eine Zeile von ihm gelesen."

Ein neues Gesangbuch – nationalsozialistisch gefärbt

Jüdische, alttestamentliche Bezüge sollten rigoros aus dem Bibeltext entfernt werden. Es gab ein neues Gesangbuch – nationalsozialistisch gefärbt oder mit überarbeiteten judenfreien Texten. Unter der wissenschaftlichen Leitung Grundmanns entstanden – auch mit Hilfe des Eisenacher Institutes - Schriften, Kommentare, Thesen, zum Teil noch heute erhalten im Kirchenarchiv, aber auch in den Bibliotheken wie der der Universität Jena.

Was in den 80er Jahren noch unkommentiert in den Regalen stand, ist heute Basis einer kritischen Auseinandersetzung, so Karl-Wilhelm Niebuhr:

"Ja, sicher, die Kommentare findet man. Und die Thesen findet man hoffentlich und setzt sich hoffentlich auseinander. Ich wird‘ im kommenden Semester wieder ein Hauptseminar direkt zu diesem Thema machen, zu dieser Ausgabe des Neuen Testamentes ‚Die Botschaft Gottes‘ – als neutestamentliches Hauptseminar. Natürlich müssen wir damit arbeiten. Die Kommentare sind ja auch in wissenschaftlicher Hinsicht nicht völlig schlecht. Also da kann man natürlich die Zeitgebundenheit erkennen, die hat er im Wesentlichen in den 50e- Jahren geschrieben. Aber das verbindet ihn mit allen anderen Neutestamentlern seiner Zeit. Das muss man unterscheiden, die wissenschaftliche Auseinandersetzung mit seinen Positionen und die zeitgeschichtlichen kirchenpolitischen und politischen Fragen, das sind ja doch unterschiedliche Ebenen."

Die Ausstellung über das Leben und Wirken Walter Grundmanns wirft Fragen auf. Auch die Frage nach dem kritischen Umgang mit ihm innerhalb der heutigen Landeskirche.

Martina Berlich ist heute als Theologin in Eisenach tätig. 2008 kam sie in die Wartburgstadt. Die Schriften Walter Grundmanns hat sie – so sagt sie selbst – wie alle anderen Kommilitonen damals auch – sehr unreflektiert zur Kenntnis genommen während ihres Studiums in der DDR.

Martina Berlich: "Die Frage, wie sind Deutsche mit ihrer Geschichte umgegangen. Wie gehen Kirchen mit ihrer Geschichte um? Da gibt es ganz viele ähnliche Beispiele, wo man immer den Eindruck hat, es geschieht so spät. Es geschieht nicht so umfassend und wo man sich wundert, warum ist das nicht eher aufgearbeitet worden, warum gibt’s da keine Ausstellung, keine Schilder. Das ist eher für mich keine Ausnahme, sondern eher leider das Typische."

Zehn Jahre nach Kriegsende wieder in leitender kirchlicher Position

Wobei Thüringen kein Einzelfall ist. Denn hochrangige Mitarbeiter des einstigen "Institutes zur Erforschung und Beseitigung des jüdischen Einflusses auf das kirchliche Leben" wurden später in den kirchlichen Dienst Thüringens und Bayerns übernommen. Auch Walter Grundmann. Sachsen lehnte es ab, ihn anzustellen. aber im thüringischen Waltershausen fand er erneut eine Stelle, zunächst als Pfarrer. Bereits zehn Jahre nach Kriegsende war er wieder in leitender kirchlicher Position: Er war für das Katechetenseminar und damit die Ausbildung von kirchlichen Lehrkräften zuständig. Wieder in Eisenach.

Martina Berlich: "Meine Erklärung ist, dass es eben den Menschen, wenn sie selber direkt betroffen sind, wenn es ihre eigenen Väter sind, ihre eigenen Lehrer, ihre eigenen Pfarrer, dass es dann eben ein Tabu oft ist und sehr schwer fällt. Meist geschieht das erst, wenn es eine Weile her ist. Also in meiner ersten Pfarrstelle ist ein junger Pfarrer gewesen in der Nazizeit, der hat mit den Männern aus dem Dorf Sturmübungen gemacht und hat auf die SA-Uniform den Talar übergezogen und ist danach in den Gottesdienst gegangen, in die Kirche und hat den Gottesdienst gehalten. Und das war in ganz vielen Gemeinden so ähnlich. Das ist insgesamt schon thematisiert worden von der Thüringer Kirche."

Es sind 37 Jahre vergangen seit Walter Grundmanns Tod. Dass der Titel der Ausstellung "Gratwanderungen" mehr ist als die Aufarbeitung seiner Biografie, zeigt der Umgang mit dem Thema – auch im Thüringer Landtag. Ein Teil der Ausstellung war dort bereits zu sehen, eröffnet von Landtagspräsidentin Birgit Diezel:

"Ich bin dankbar, dass es diese Diskussion gibt, diese ehrliche Diskussion, jetzt im Jahr der Reformationsdekade Reformation und Toleranz."

Beharrliches Schweigen der Landeskirche zur NS-Vergangenheit

Wobei auch der Thüringer Landtag eine ehrliche Diskussion führen muss, denn in Teilen des heutigen Gebäudes wurden in den 40er-Jahren die Deportationen hunderter Juden geplant und die Transporte in Lager fein säuberlich organisiert.

Birgit Diezel: "Wir sind dieser Geschichte kritisch aufgeschlossen und wollen, dass man sich dieser erinnert und dass wir froh sein können, dass wir jetzt dieses freie demokratische Parlament in diesem Hause haben, aber dass eben in einem Gebäudekomplex auch eine Geschichte auf diesem Haus lagert."

Ehemalige Gestapozellen im Keller des heutigen Landtages sind seit vorigem Jahr Gedenkort. Doch ein Hinweis am Hause des Parlamentes zur dunklen Seite gibt es bis heute nicht:

Birgit Diezel: "Wir haben darüber im Ältestenrat auch im Zusammenhang mit der Eröffnung der Haftzellen überhaupt noch nicht gesprochen. Wir wollen insgesamt vorbereiten eine neue Präsentation, einen neuen Weg virtuell durch diesen Landtag, den wir dann unseren Gästen gleich am Eingang zeigen und da soll das mit reinkommen. Also nicht das Messingschild."

Priester äußerten schon in dne 90er-Jahren ihren Unmut

Das Messingschild wird es vermutlich auch in Bornstraße 11, in Eisenach, so schnell nicht geben. Obwohl bereits in 90er-Jahren angehende Priester ihren Unmut geäußert haben sollen über das beharrliche Schweigen der Landeskirche zu diesem Thema, sagt Karl-Wilhelm Niebuhr:

"Aber auch das geht schon seit vielen Jahren, dass man sich damit beschäftigt. Also schon Anfang der 90er Jahre ist gerade in der Bornstraße ,in diesem Haus, da war ja das evangelische Predigerseminar, da gab es von den Vikaren eine ganze Menge von Aktivitäten, die sich damit beschäftigt haben, das ist auch publiziert worden in den 90er Jahren – ob da nun ein Schild dran ist oder nicht, weiß ich nicht, wahrscheinlich ist noch keins dran, kann man natürlich eins dranmachen, aber dann kommt natürlich die Frage, was soll eigentlich auf einem solchen Schild stehen?"

Anlass für eine Debatte über Täter, Opfer, Widerständler und Mitläufer gibt es Jahrzehnte später erneut. Auch im Fall von Walter Grundmann. Er bleibt umstritten, sagt auch Karl-Wilhelm Niebuhr von der Universität Jena. Zum einen sei er ein Fachwissenschaftler gewesen, vor und nach 1945 "auf der Höhe der Zeit" zum anderen war er kirchenpolitisch betrachtet "äußerst unsympathisch". Er könne sich der Person Grundmann nur nähern.

"Indem ich mich damit beschäftige und versuche, so wenig wie möglich zu urteilen und zu beurteilen. Ich hab eine kleine Publikation abgeschlossen. Wir hatten im vergangenen Jahr eine kleine Tagung über Grundmann einerseits und Lothar Kreyssig, einen Kirchenvertreter der Kirchenprovinz Sachsen auf der anderen Seite. Das liegt dann immer so schnell nah, sofort zu urteilen und ich sage mir: Nein. Ich urteile nicht, steht mir nicht zu. Der Mensch ist tot. Ich beurteile den nicht mehr."

Christin Bärwald, Religionslehrerin und pädagogische Betreuerin des Schülerprojektes "Gratwanderungen" interessiert bei dieser Aufarbeitung eines: Wie hätten wir – auch als Christ – damals gehandelt?

"Wäre ich Täter gewesen? Also hätte ich voll hinter der Ideologie gestanden oder wäre ich Mitläufer gewesen? Weil mir gar nichts anderes übrig geblieben wäre, weil es meine Lage nicht anders mit sich gebracht hätte? Ich hätte es halt einfach akzeptieren müssen, hätte aber wahrscheinlich im Hinterkopf auch mir selber Gedanken gemacht, ob das richtig oder falsch ist. Aber ich hätte eben aktiv nichts machen können. Oder wäre ich Widerständler gewesen, hätte Gefahr auf mich genommen, ausgeschlossen zu werden aus der Kirche oder verfolgt zu werden?"

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