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Weltzeit / Archiv | Beitrag vom 14.04.2015

Die Utopie des Don PanizzaEin Priester widersetzt sich der Mafia

Von Aureliana Sorrento

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Junge Menschen in Kalabrien demonstrieren gegen die Mafia unter dem Motto: "No Mafia Day" (picture alliance / dpa / EPA / FRANCO CUFARI)
Junge Menschen in Kalabrien demonstrieren gegen die Mafia unter dem Motto: "No Mafia Day" (picture alliance / dpa / EPA / FRANCO CUFARI)

Mitte der 70er-Jahre ging der Priester Giacomo Panizza von Norditalien nach Kalabrien. Er gründete mehrere soziale Projekte - und geriet dadurch ins Visier der kalabrischen Mafia, der Ndrangheta. Immer wieder wurden auf den streitbaren Priester Anschläge verübt.

"Jetzt fahren wir zu einem Grundstück, das ich von der Kirche gemietet habe. Mitglieder unserer Gemeinschaft bestellen den Acker. Was sie ernten, können sie verkaufen oder mit nach Hause nehmen. Es heißt 'Kooperative Le agricole', die Bäuerinnen. Denn abgesehen von ein paar Männern, die mithelfen, arbeiten dort vornehmlich Frauen."

Don Giacomo Panizza ist Priester in Lamezia Terme, einer Gemeinde im süditalienischen Kalabrien. Ihr Territorium schließt eine weite Ebene, einen kleinen Stadtkern und die Hänge des kalabrischen Apennins ein. Täglich durchfährt Don Giacomo das Gebiet, um mal in dieser mal in jener Einrichtung der "Gemeinschaft Progetto Sud" vorbeizuschauen, der er vorsitzt. Ein Pfad führt vom Eisentor, das den Eingang zur Kooperative "Le agricole" markiert, zu einem Häuschen, das eine Palme eher schmückt als beschattet. Rechts davon breitet sich das Ackerland aus.

Herrlich blau hängt der Himmel über dem flachen Land. Dort, wo zarte Tomatenpflänzchen sich an Stöckchen hochranken, steht Angela Godino, die Leiterin der Kooperative - in Arbeitskluft und mit einer Gartenschere in der Hand. Eine knorrige Frau mit kurzem, lockigem Haar, einem breiten Gesicht und einem strahlenden Lächeln. Die anderen hätten sie heute allein gelassen, sagt sie, aber die Tomaten bräuchten noch ein paar Schnitte.

"Hier bauen wir Tomaten, Broccoli, Auberginen, allerlei Gemüse an. Außerdem Erdbeeren, Petersilie und Basilikum. Es gibt auch Weinreben, aber wir müssen die Stöcke wieder aufbauen, denn sie sind morsch."

150 Arbeitsplätze in Lamezia Terme geschaffen

Alles Bio, versichert sie. Obwohl im Süden Italiens die Bio-Landwirtschaft noch nicht so verbreitet ist wie in Deutschland. Angela zeigt zufrieden auf die Obstbäume am Rand des Gemüsegartens. Vor zweieinhalb Jahren kam sie zur Kooperative Le Agricole. Diese soll hauptsächlich Frauen eine Beschäftigungsmöglichkeit bieten – insbesondere jenen, die wegen einer Behinderung oder weil sie Roma sind, auf dem freien Arbeitsmarkt keine Chance haben.

"Behinderte und Drogensüchtige auf Entzugskur helfen hier mit. Auch Einwanderer von überall her kommen zu uns, aus Kroatien, Bulgarien, aus der Ukraine. Außerdem afrikanische Flüchtlinge, die an der kalabrischen Küste landen. Sie werden von den Behörden in Reggio Calabria zu uns geschickt, wohnen in unseren Wohngemeinschaften und helfen hier, um wenigstens ein paar Groschen für ihre kleinen Ausgaben zu verdienen."

Obwohl viele Ehrenamtliche in den verschiedenen Einrichtungen mithelfen, hat Progetto Sud in Lamezia Terme und Umgebung 150 Arbeitsplätze für Ärzte, Physiotherapeuten, Pflegekräfte, interkulturelle Vermittler und Sozialarbeiter geschaffen. In Kalabrien, wo die Arbeitslosenrate - seit eh und je hoch - inzwischen auf 23 Prozent geklettert ist, ist das ein Geschenk des Himmels. Doch ist die Gemeinschaft keine Firma, die Profit machen will. Sie gründet immer noch auf Solidarität:

"Ich kenne die Gemeinschaft Progetto Sud, seit es sie gibt. Ich hatte einen behinderten Bruder, der damals in die Gemeinschaft zog, ich war oft bei ihnen zu Besuch. Auch meine Mutter war behindert, und ich habe sie 35 Jahre lang betreut. Nach ihrem Tod hatte ich nichts mehr zu tun. Dann hat mir Marina, ein Mitglied von Progetto Sud, vorgeschlagen, hier mitzumachen. Natürlich habe ich zugestimmt. Sie haben mir früher so sehr geholfen! Jetzt helfe ich ihnen."

Alles begann in einem Haus in der via Conforti im alten Stadtkern von Lamezia Terme. Dort wohnt Don Giacomo immer noch – mit alten und neuen Mitbewohnern. Der Priester, der keine Kutte trägt und keine Sekunde ruhen zu können scheint, kehrt jeden Tag zu Mittag heim. Denn seine Mitbewohner warten auf ihn.

"Dieses Haus war ein Kindergarten. Er stand leer, als wir hierher kamen, war beinah eine Ruine. Die Gemeinde wollte uns das Gebäude nicht geben, aber wir haben gesagt: Wenn ihr es nicht hergebt, werden wir das Haus besetzen. Sie haben verstanden, dass wir es ernst meinten, und haben es uns überlassen."

Sagt Nunzia Coppedè, die der Gründungsgruppe angehörte. Sie und Don Giacomo hatten sich in der Gemeinschaft von Capodarco di Fermo in der Region Marche kennengelernt – der ersten Wohngemeinschaft von Behinderten und Nicht-Behinderten in Italien und Avantgarde einer Reformbewegung, die sich für die Inklusion behinderter Menschen einsetzte.

"Eines Tages kam aus Kalabrien eine Gruppe Pfadfinder in Begleitung eines Priesters. Sie fragten, ob unsere Gemeinschaft 20 oder 30 Rollstuhlfahrer aus Kalabrien aufnehmen könne. In Kalabrien würden Behinderte zuhause eingesperrt. Wir diskutierten und kamen überein, es sei besser, wenn einige von uns nach Kalabrien gingen, statt 30 Behinderte in den Norden zu versetzen. Doch niemand wollte nach Kalabrien. Ich habe jene Nacht nicht geschlafen. Am nächsten Tag habe ich gesagt: Dann gehe ich."

Seit Jahrhunderten beugten sich die Menschen widerstandslos

Don Giacomo blieb nicht allein, als er in Lamezia Terme eine Wohngemeinschaft nach dem Modell jener von Capodarco gründete.

Nunzia Coppedè: "Wir waren mehr als zwanzig Personen und hatten uns vorgenommen, von unserer Arbeit zu leben. Das war für uns natürlich eine große Herausforderung. Denn obwohl Giacomo und andere dabei waren, die keine Behinderung haben, hatten wir Behinderte bis zu dem Zeitpunkt immer nur von den Zuwendungen anderer gelebt."

Es traf sich gut, dass Don Giacomo früher Stahlarbeiter war. Er brachte seinen Mitbewohnern bei, Holz und Kupfer zu bearbeiten. Bald darauf eröffneten sie eine Kupferwerkstatt, eine Bilderrahmen- und eine Siebdruck-Werkstatt.

Bald begann die Kommune, die aus 15 Rollstuhlfahrern, dem Priester und vier anderen Nicht-Behinderten bestand, Lamezia Terme aufzumischen. Don Giacomo hatte an den großen Arbeiterstreiks der 1960er-Jahre teilgenommen, und wusste, wie man durch zivilen Ungehorsam sich Rechte erkämpft.

"Als zwei von unseren behinderten Mitbewohnern an Muskeldystrophie starben, einer Krankheit, die man durch Physiotherapie verlangsamen kann, sagte ich den anderen, dass wir die Therapie bei der Gesundheitsbehörde einfordern mussten. Sie fragten mich: Und was tun wir jetzt? Ich sagte: Wir tun das, was wir in der Fabrik taten: Wir kämpfen. Und dann haben wir die Direktion des Krankenhauses besetzt."

Er lacht heute noch, wenn er davon erzählt. Sie gewannen den Kampf, letztlich pochten sie nur auf ihr Recht. Denn das italienische Gesetz sah schon damals vor, dass Behinderten Physiotherapie unentgeltlich gewährt wird. Aber in Kalabrien flossen die vom Staat bereitgestellten Mittel in andere, dunkle Kanäle. Seit Jahrhunderten beugte sich die kalabrische Bevölkerung widerstandslos den Klüngeln, die das Sagen hatten, und der Ndrangheta, der heimischen Mafia-Organisation. Statt Rechte einzufordern, pflegten die Kalabreser die Bosse um Gefallen zu bitten. Daran habe sich bis heute nur wenig geändert, bedauert Don Giacomo.

"Die Leute hier leben mit der Ndrangheta im Nacken. Der Mafioso, der Ndranghtista hilft den Menschen und bindet sie so an sich. Diese Verwicklungen sind das eigentliche Problem."

Das Gefängnis ist die "Schule der Ndrangheta"

Als Ndrangheta-Schergen in der Kupferwerkstatt von Progetto Sud auftauchten, um Schutzgeld zu verlangen, wurden sie unverrichteter Dinge zurückgeschickt. Das hatte es noch nie gegeben. Überhaupt alles, was die Gemeinschaft ins Rollen brachte, war für kalabrische Verhältnisse revolutionär. 1976 rief sie eine Wohngemeinschaft für straffällige Minderjährige ins Leben.

"Wenn Minderjährige geschnappt werden, die keiner Ndrangheta-Familie angehören, aber im Auftrag eines Bosses für 200 Euro etwas in die Luft sprengen, schickt sie das Gericht zu mir, statt ins Gefängnis. Denn das Gefängnis ist die Schule der Ndrangheta. Statt eine Gefängnisstrafe abzubüßen, müssen sie bei uns bestimmte Aufgaben erfüllen. Und das entfernt sie von der Ndrangheta."

Zugleich nahm sich die Gemeinschaft der Roma-Kinder an. Es entstanden andere Wohngemeinschaften für Behinderte und Entziehungsheime für Drogensüchtige, eine Reha-Klinik und einen Informationsschalter für die Rechte Behinderter. Zugleich schob Progetto Sud die Gründung von Kooperativen an, in denen neben Behinderten auch andere Benachteiligte arbeiten können.

Nur wenige Kipper stehen an diesem Morgen auf dem Parkplatz der Kooperative Ciarapanì, einer sandigen Fläche an einer Schnellfahrtstraße. Die Jungs seien hinausgefahren, sagt Don Giacomo.

Jemand manipulierte die Bremsen von Nunzias Autos

Unternehmenszweck der Kooperative Ciarapanì ist die Mülltrennung. Die Mitarbeiter holen den Hausmüll direkt in den Wohnungen ab, sortieren ihn und fahren ihn zur Müllentsorgungsfirma der Stadt. Anders sind viele Kalabreser nicht dazu zu bringen, ihren Müll zu trennen, obwohl die Region in Abfällen erstickt und es keine Halden mehr gibt für all den Unrat.

Gegen Mittag fährt Massimo Berlingeri in den Parkplatz ein. Ein kleiner, untersetzter Mann in grauem Overall. Zuallererst legt er die dicken Handschuhe ab, an denen der gröbste Dreck haftet, und stellt sich vor. Er gehört zu den Gründern der Kooperative Ciarapanì – und zur Roma-Minderheit von Lamezia Terme, zu der 1000 Menschen zählen. Die meisten von ihnen leben in einem Camp, das einem Ghetto ähnelt.

"Ich habe dort gelebt, bis ich 25 Jahre alt war."

...sagt Berlingeri.

"Nach der Pflichtschule hatten wir Roma-Kinder aber ein neues Problem: Arbeit zu finden. Also haben wir zusammen mit La strada und Progetto sud diese Kooperative gegründet. Sie heißt Ciarapani', weil Ciarapanì in Romani 'ein Zelt, das einer Gruppe von Menschen Schutz bietet' bedeutet. Die Kooperative wird nach den Mengen Müll bezahlt, den sie nach Wertstoff sortiert und der städtischen Müllentsorgungsfirma liefert. Unsere Gehälter hängen vom Umsatz ab. Klar, wenn wir keinen oder einen zu niedrigen Umsatz machen, riskieren wir, dass es für niemanden etwas gibt."

Nicotera ist einer der wenigen, dessen Arbeitstag hauptsächlich am Sitz von Ciarapani' stattfindet. Er ist Ingenieur, Manager und Impulsgeber der Kooperative. In Lamezia Terme geboren, hatte er nach dem Studium zuerst in Norditalien gearbeitet. Aber als Don Giacomo ihn anrief und ihm vorschlug, für Ciarapanì zu arbeiten, kündigte er seinen Job und kehrte heim.

"Hier muss man viel arbeiten, aber man weiß, dass man als Teil der Gemeinschaft Progetto Sud quasi Teil einer Großfamilie ist, dass man nicht bloß als Maschine betrachtet wird, die produzieren muss. Man ist motivierter und arbeitet besser, obwohl das Gehalt nicht so hoch ist wie in Norditalien."

Doch nicht bei allen sind Don Giacomo und seien Mitstreiter beliebt. Von Anfang an zeigten sich die Ndrangheta-Bosse wenig amüsiert über deren Tätigkeiten. Die Gemeinschaft erhielt zuerst Drohungen. Seit 2001 wurden auch Anschläge auf ihre Mitglieder verübt. Auf die Fenster von Don Giacomos Zimmer wurde geschossen. Jemand manipulierte die Bremsen von Nunzias Autos, so dass sie den steilen Abhang vor dem Haus in der via Conforti hinabrollte und gegen einen Baum prallte.

Beschlagnahmte Mafia-Güter gehen an gemeinnützige Organisationen

Das jüngste Attentat war im vergangenen Oktober. Im Flur eines Hauses, das von der Gemeinschaft Progetto Sud genutzt wird, explodierte eine zum Glück rudimentär gebastelte Bombe. Nicht zum ersten Mal.

"Hier hatten sie auch eine Bombe gelegt, an einem Weihnachtstag. Und da sieht man die Spuren einer Gewehrsalve. Dieses Loch stammt von einer Kugel, die am ersten Tag der Fastenzeit abgefeuert wurde. Das sind Botschaften, die sagen: Wir haben den Priester im Visier. Deswegen schießen sie an christlichen Feiertagen."

Ein dreistöckiges, weiß getünchtes Haus. Via Bizantini 97, Lamezia Terme.

"Dieses Haus gehörte früher der Ndrangheta, dann ist es beschlagnahmt worden. Gehen wir rein."

Seit 1982 sieht das italienische Gesetz vor, dass das Vermögen verurteilter Mafiosi vom Staat beschlagnahmt wird. Seit 1996 müssen beschlagnahmte Mafia-Güter an gemeinnützige Organisationen vergeben werden.

"Die Gemeindeverwaltung von Lamezia Terme vergab die beschlagnahmten Häuser nicht. Obwohl das gegen das Gesetz verstößt. Weil die Lokalpolitiker fürchteten, Stimmen zu verlieren. Der Gemeinderat von Lamezia Terme ist zweimal aufgelöst worden, weil er von der Ndrangheta infiltriert war. Keiner traute sich, die Bosse vor den Kopf zu stoßen. Schließlich hat ein Kommissar der Präfektur beschlossen, die beschlagnahmten Immobilien zu vergeben. Aber niemand, nicht einmal die Obdachlosen oder die Roma, die in einem Zigeunercamp lebten, trauten sich, in diese Häuser einzuziehen."

Aber als der Kommissar der Präfektur Don Giacomo vorschlug, das Haus zu nutzen, nahm der Priester den Vorschlag dankbar an.

Bislang haben die Attentate nur Sachschäden verursacht. Aber Don Giacomo weiß, dass die Ndrangheta immer zuschlagen kann. Ob er es bereut hat, das ruhige Brescia für Kalabrien verlassen zu haben?

"Gewiss nicht. So viele Dinge sind ja hier entstanden! Das ist schön, denn die Menschen sehen, dass man auch in Kalabrien etwas schaffen kann. Progetto Sud ist ein Geschenk, das Behinderte im Rollstuhl der Bevölkerung gemacht haben. Die Leute sagen zwar: Der Priester hat das alles geschaffen, aber jeder weiß, dass dahinter eine Gruppe steckt. Alleine würde ich gar nichts machen. Ich würde zu meiner Mutter zurückkehren und Tschüss."

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