Die Unterbrechung des Alltags

Von Noemi Schneider · 22.07.2010
Stavros betreibt einen Laden in einer Seitenstraße in Athen und genießt das Dasein ohne große Aufregungen. Als seine demenzkranke Mutter in einem Fremden seinen verlorenen Bruder wiederzuerkennen meint, gerät das Leben des Kioskbesitzers aus dem Gleichgewicht.
Ein Tag wie jeder andere. Der bullige Kioskbesitzer Stavros lebt mit seiner altersdementen Mutter in einer ruhigen Seitenstraße in der griechischen Hauptstadt. Während seine Mutter am liebsten türkische Seifenopern guckt, verbringt Stavros den Tag mit den drei anderen Ladenbesitzern auf der Kreuzung vor seinem Kiosk.

Mit gespieltem Interesse verfolgen die vier von ihren Plastikstühlen aus die Arbeiten an einem Denkmal für Interkulturelle Solidarität, diskutieren über Rockmusik, zählen die Chinesen von gegenüber oder versuchen dem Hund beizubringen, Albaner anzubellen.

"Du hast aber gut reagiert, nie wegrennen, wenn Du 'nen Hund siehst."
"Keine Angst, ich renn nicht weg, ich muss zur Arbeit."
"Was für Arbeit? Wie ist Deine Nummer? Ich hab zu Hause 'n paar Sachen auszubessern, vielleicht brauch ich Dich noch."
"Jetzt klauen uns die Chinesen schon unsre Albaner, verdammte Scheiße."

So geht das, tagein, tagaus.

Und jeden Abend fährt Stavros mit seinem weiß-blauen Moped zu seiner Ex-Frau Dina, um sie zu fragen, was sie damit meinte, als sie sagte "Ich kann mit Dir nicht atmen".

"War ernst gemeint, dass ich Dich vermisse."
"Kannst Du inzwischen wieder schlafen?"
"Nein."
"Nimmst Du immer noch diese Pillen?"
"Die Dinger helfen nicht."

Doch die Schlaflosigkeit wird nebensächlich, als eines Tages ein Fremder auftaucht, in dem Stavros Mutter ihren verloren geglaubten Sohn Remzi wiedererkennt.

"Hier, das bin ich mit meiner Mutter und meinem Bruder, als ich Deine Mutter gesehen habe, habe ich gedacht, etwas hat geschlagen. Ich hab ihr das Foto gezeigt und sie hat sofort gesagt, dass sie das ist. Und das bin ich, und das bist Du."

Diese neue "albanische" Verwandtschaft stößt weder bei Stavros noch bei seinen Freunden auf Begeisterung.

"Deine Mutter spricht albanisch, oder?"
"Ja, aber sie hatte nen Schlaganfall."
"Und nach nem Schlaganfall spricht man automatisch albanisch, klar?"
"Dann ist sie eben Albanerin, na schön, aber was ist mit mir, ich bin Grieche."
"Bist Du einer? Na?"
"Ja natürlich bin ich einer, was sonst?"
"Nur weil meine Mutter Albanerin ist, bin ich nicht gleich Albaner. Die Frage ist jetzt bloß, können wir trotzdem weiter Freunde bleiben?"