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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 27.01.2012

Die undurchschaubare Maske Liebe

"Arthur Schnitzler", Hörverlag, München 2011, 8 CDs, ca. 500 Minuten

1899 begründet Sigmund Freud die Psychoanalyse. Und sein "literarischer Doppelgänger" Arthur Schnitzler, schreibt die Geschichten zur Theorie. Ein paar Monate vor seinem 150. Geburtstag beginnt wieder ein größerer Schnitzler-Auftrieb, etwa mit einer Ausgabe historischer Hörspiele.

"Naja gnädiges Frollein"
"Was .. gnädiges Frollein. So schnallen's doch wenigstens Ihren Säbel ab."
"Danke sehr, wenn's erlaubt ist."
"Gib mir endlich einen Kuss!"

Der Graf und die Schauspielerin im "Reigen", dem meistaufgeführten und meistverbotenen Stück Arthur Schnitzlers. "Ihr Bestes, Sie Schmutzfink.", schreibt Kollege Hugo von Hoffmansthal 1920 nach der Premiere. In den 10 Reigen-Dialogen geht es ganz kühl um die soziale Mechanik des Beischlafs. Welchen Einfluss hat die gesellschaftliche Stellung eines Mannes, einer Frau, auf ihre Art zu lieben? Und: Gibt es denn die Liebe überhaupt?

"Och, wenn man dran glaubt, dann ist immer eine da, die einen gern hat."

Der Graf ist skeptisch. Nur – die nächste Szene mit der Dirne bringt es an den Tag - er hat trotzdem eine Sehnsucht nach echten Gefühlen. Nach Lebendigkeit. Und die ist allen Figuren Schnitzlers eigen:

"Die Dämmerung bricht langsam herein. Der Zug fährt die Donau entlang. Frau Rupius schläft und lächelt Und ein Neid gegen das Geheimnisvolle, das Frau Rupius erlebt, steigt in Berta auf. Sie möchte auch etwas erleben:
'Ich möchte glücklich sein, glücklich, küss mich, wie damals.'"

"Frau Berta Garlan", eine junge Witwe aus Linz, sehnt sich nach Liebe. Und jetzt wo sie mit Frau Rupius, die regelmäßig in die Hauptstadt fährt, um ihren Liebhaber zu treffen, ein Mal dort war, stellt sie sich auch jemanden vor, der auf sie wartet. Erwin, mit dem sie als junges Mädchen am Konservatorium studierte, zum Beispiel. Sie verabredet sich mit dem inzwischen gefeierten Pianisten und Berta träumt ab da von einem neuen Leben an seiner Seite. Die Gegenwart, ihre Arbeit als Klavierlehrerin für die Kinder der Verwandtschaft, wird ihr unerträglich:

"Vierhändig den heroischen Marsch von Schubert als Überraschung für den Vater zum Geburtstag.
'Du siehst müde aus, Tante.'
Sie war nahe daran verrückt zu werden über diesem elenden Geklimper:
'Nein, das ist nicht möglich so weiter zu existieren.'
Aber die Stunde nimmt ihren Fortgang:
'Es sind doch die am besten dran, die alles leicht nehmen.'
Unbarmherzig hacken die unbegabten Töne in das hinein, was sie erlebt hat."

Der Erzähler in diesem Hörspiel ist Gert Westphal, der Vorleser der Nation, und Käthe Gold, eine gefeierte Wiener Schauspielerin, spricht Berta Garlan:

"(Klavierunterricht)… Mittelfinger …. Zeigefinger."

Regie führt der 1957 verstorbene Film-, Theater- und Hörspielregisseur Max Ophüls, der für dieses Stück erstmals die Technik der Verschränkung von Erzählerstimme und Figurenrede anwendet.

"Kein Gespenst überfällt uns in vielfältigeren Verkleidungen als die Einsamkeit, und eine ihrer undurchschaubarsten Masken heißt Liebe."

Ein Satz von Arthur Schnitzer, aus seinem Buch der Aphorismen, der als Unterton bei allen fünf Hörspielen der Edition mitschwingt. Schnitzlers Texte sind um die 120 Jahre alt. Die Bearbeitungen für den Hörfunk stammen aus den fünfziger und sechziger Jahren. In ihrer nur vorsichtigen Modernisierung beziehen sie sich allesamt auf die scheinbar anheimelnde Atmosphäre des Wiener Fin de Siècle. Umso verblüffender dann, dass aus dem "Spiel im Morgengrauen", der "Liebelei" blutiger Ernst wird, dass einer sich wegen Geldschulden erschießt und ein Mädchen Schlaftabletten nimmt, weil die Eltern es ganz für ihre Zwecke vereinnahmen wollen.

"Die Dämmerung starrt herein. Wie ein Gespenst starrt sie herein, wie hundert Gespenster. Aus meiner Wiese herauf steigen die Gespenster."

Die 19-jährige Else, wieder gesprochen von Käthe Gold, ist Tochter aus vormals gutem Hause und nun in der peinlichen Lage, einen älteren Lebemann um Geld für ihren Vater bitten zu müssen. Täte sie‘s nicht, müsste der Papa, ein bekannter Rechtsanwalt, in Haft. Sie fühlt sich von den eigenen Eltern verkauft, weiß aber keinen anderen Ausweg, als ihrer Bitte Folge zu leisten. Also geht sie zu Mr. Dorsday und der sagt prompt zu, allerdings nur, wenn Else sich für ihn auszieht:

"Aber ich bin kein Erpresser, sondern nur ein Mensch, der mancherlei Erfahrungen gemacht hat, unter anderem die, dass alles auf der Welt seinen Preis hat. Dass einer, der sein Geld verschenkt, wenn er in der Lage ist, einen Gegenwert dafür zu bekommen, ein ausgemachter Narr ist."

"Fräulein Else", eine späte Erzählung Schnitzlers: noch einmal geht es um die soziale Mechanik der Liebe oder Sex als Ware. Bis heute berufen sich deshalb unzählige Filme, Hörspiele, Theaterinszenierungen, Kabaretts und sogar ein Musical auf Schnitzlersche Stoffe als Grundlage. Seine Skepsis, ob der Mensch Herr im eigenen Haus ist, ob er überhaupt weiß, was er will und soll, ist bis heute Thema der Literatur, der Psychologie, sogar der Neurologie. Diese zeitlose Qualität erkannten wohl schon damals die Regisseure der vom Münchner Hörverlag herausgebrachten Hörspieledition - neben Ophüls waren das noch Willy Trenk-Trebitsch und Wilhelm Semmelroth. In der Kassette sind acht Stunden Schnitzler, anders gesagt: ein Tag mit diesem verdammt komplexen Wiener Maskenspieler. Ein guter Tag!

Besprochen von Brigitte Neumann

Arthur Schnitzler: "Der Reigen", "Spiel im Morgengrauen", "Fräulein Else", "Berta Garlan", "Liebelei"
Produziert in den Jahren zwischen 1951 und 1963 von HR, BR, NWDR, NDR, SWR
Der Hörverlag 2011
8 CDs, 500 Minuten, 29, 99 Euro

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