Die (Un)-Kultur öffentlicher Entschuldigung
Wer Buße tut, hofft auf Vergebung. Und auch Politiker scheinen zu glauben, sie müssten ihre Fehltritte nur offen eingestehen, um den politischen Absturz abzuwenden. Die Kultur öffentlicher Entschuldigung ist zu einem reinen Ritual verkommen, meint die Journalistin Katharina Döbler.
Gründonnerstag - das war einst ein Tag der Vergebung. Säkulare Gesellschaften besitzen solche Rituale nicht. Es gibt Recht und Gesetz, Verstöße ahndet die Justiz; für das Verhältnis zum Gemeinwesen, für Buße und Vergebung ist sie nicht zuständig.
Dennoch hat sich in den letzten Jahrzehnten, trotz oder gerade wegen der Erosion von Begriffen wie Anstand und Ehre ein öffentliches Bußritual etabliert. Es folgt, vor allem international, ziemlich klaren moralischen Standards.
Am Ende des Zweiten Weltkriegs, der ja aus Sicht der Alliierten ein ethisch begründeter Krieg war, versuchten die amerikanischen Sieger in ihrem protestantischen Pragmatismus, das schuldige deutsche Volk zu Einsicht und Reue zu bewegen: Ganze Ortschaften pilgerten zwangsweise zu den soeben befreiten Konzentrationslagern, Dokumentarfilme des Grauens wurden vorgeführt. Die Wirkung war kein kollektives Gründonnerstagserlebnis; aber sie war langfristig.
Als 25 Jahre später Willy Brandt auf dem feuchten Warschauer Pflaster kniete, war das ein Teil deutscher Vergangenheitsbewältigung – und etwas ganz anderes als das sonst übliche säkular-militärische Würdigungsritual, das als "Kranzniederlegung" bezeichnet wird und im Herumzupfen an Schleifen besteht. Es war eine in der modernen Politik vollkommen neue Geste – und zugleich eine uralte: die des Büßens. Jeder verstand sie.
Der außenpolitische Nutzen einer solchen symbolischen Handlung, die ein persönlich Unschuldiger für ein ganzes historisches Kollektiv vollzieht, war offenkundig. Auf einer solchen kostenfreien Grundlage konnten Verhältnisse neu definiert und Verträge geschlossen werden. Das inspirierte diplomatische Strategen.
Clinton, BillIn Europa begann man sich in zeremoniellen Versöhnungsgesten zu üben, war man doch auf dem Weg zu einer Wertegemeinschaft. In Russland entschuldigte sich Michail Gobartschow, der Held des Rückzugs, für die gesamte sowjetische Führung. Die japanische Regierung erbat Verzeihung für das im Krieg entstandene Leid. US-Präsident Clinton drückte im Senegal sein Bedauern über die Versklavung von Afrikanern durch die Amerikaner aus.
Der deutsche Präsident Rau leistete vor der Knesset in Jerusalem Abbitte für die Verbrechen des Nationalsozialismus. Für den Völkermord an den Hereros dagegen entschuldigte sich nur die Entwicklungshilfeministerin Wiezorek-Zeul. Auch Bußrituale scheinen alten Hierarchien zu gehorchen.
Ein gewisser Höhepunkt wurde im "Heiligen Jahr 2000" erreicht, da bekannte der Papst ziemlich euphemistisch "dass auch Menschen der Kirche" beim "notwendigen" Schutz der Wahrheit auf nicht sehr christliche Methoden zurückgegriffen hätten. Auch wenn der Satz als Gebet formuliert war: gerichtet war er an die Weltöffentlichkeit. Damit zeigte sich die mächtige alte Kirche, höchste christliche Instanz in Fragen von Schuld und Vergebung, bußfertig vor einer größeren Gemeinschaft: der Menschheit.
In der Praxis sind es schlicht die Medien als Instanz der Weltöffentlichkeit, die öffentliche Bußrituale entgegennehmen, auswerten – und die Macht haben, Vergebung zu gewähren.
Das funktioniert vor allem auf nationaler Ebene. Als Clinton die Welle der Sympathie, die ihm seine Entschuldigung in Afrika eingebracht hatte, noch einmal zu erzeugen versuchte, indem er seine Sexaffäre unter Tränen öffentlich bereute, hielten wir Europäer das noch für eine peinliche Show.
Doch inzwischen hat auch hierzulande jeder fehlgegangene Amtsträger die Chance, mit dem Ritual der öffentlichen Entschuldigung den Rücktritt oder wenigstens den völligen politischen Absturz abzuwenden. Wenn die Gemeinschaft der Bürger in Form von Twitter, "Bild"-Zeitung und Günther Jauch Vergebung gewährt, ist der Büßer wieder aufgenommen. Es ist, wie gesagt, ein Ritual.
Dennoch hat sich in den letzten Jahrzehnten, trotz oder gerade wegen der Erosion von Begriffen wie Anstand und Ehre ein öffentliches Bußritual etabliert. Es folgt, vor allem international, ziemlich klaren moralischen Standards.
Am Ende des Zweiten Weltkriegs, der ja aus Sicht der Alliierten ein ethisch begründeter Krieg war, versuchten die amerikanischen Sieger in ihrem protestantischen Pragmatismus, das schuldige deutsche Volk zu Einsicht und Reue zu bewegen: Ganze Ortschaften pilgerten zwangsweise zu den soeben befreiten Konzentrationslagern, Dokumentarfilme des Grauens wurden vorgeführt. Die Wirkung war kein kollektives Gründonnerstagserlebnis; aber sie war langfristig.
Als 25 Jahre später Willy Brandt auf dem feuchten Warschauer Pflaster kniete, war das ein Teil deutscher Vergangenheitsbewältigung – und etwas ganz anderes als das sonst übliche säkular-militärische Würdigungsritual, das als "Kranzniederlegung" bezeichnet wird und im Herumzupfen an Schleifen besteht. Es war eine in der modernen Politik vollkommen neue Geste – und zugleich eine uralte: die des Büßens. Jeder verstand sie.
Der außenpolitische Nutzen einer solchen symbolischen Handlung, die ein persönlich Unschuldiger für ein ganzes historisches Kollektiv vollzieht, war offenkundig. Auf einer solchen kostenfreien Grundlage konnten Verhältnisse neu definiert und Verträge geschlossen werden. Das inspirierte diplomatische Strategen.
Clinton, BillIn Europa begann man sich in zeremoniellen Versöhnungsgesten zu üben, war man doch auf dem Weg zu einer Wertegemeinschaft. In Russland entschuldigte sich Michail Gobartschow, der Held des Rückzugs, für die gesamte sowjetische Führung. Die japanische Regierung erbat Verzeihung für das im Krieg entstandene Leid. US-Präsident Clinton drückte im Senegal sein Bedauern über die Versklavung von Afrikanern durch die Amerikaner aus.
Der deutsche Präsident Rau leistete vor der Knesset in Jerusalem Abbitte für die Verbrechen des Nationalsozialismus. Für den Völkermord an den Hereros dagegen entschuldigte sich nur die Entwicklungshilfeministerin Wiezorek-Zeul. Auch Bußrituale scheinen alten Hierarchien zu gehorchen.
Ein gewisser Höhepunkt wurde im "Heiligen Jahr 2000" erreicht, da bekannte der Papst ziemlich euphemistisch "dass auch Menschen der Kirche" beim "notwendigen" Schutz der Wahrheit auf nicht sehr christliche Methoden zurückgegriffen hätten. Auch wenn der Satz als Gebet formuliert war: gerichtet war er an die Weltöffentlichkeit. Damit zeigte sich die mächtige alte Kirche, höchste christliche Instanz in Fragen von Schuld und Vergebung, bußfertig vor einer größeren Gemeinschaft: der Menschheit.
In der Praxis sind es schlicht die Medien als Instanz der Weltöffentlichkeit, die öffentliche Bußrituale entgegennehmen, auswerten – und die Macht haben, Vergebung zu gewähren.
Das funktioniert vor allem auf nationaler Ebene. Als Clinton die Welle der Sympathie, die ihm seine Entschuldigung in Afrika eingebracht hatte, noch einmal zu erzeugen versuchte, indem er seine Sexaffäre unter Tränen öffentlich bereute, hielten wir Europäer das noch für eine peinliche Show.
Doch inzwischen hat auch hierzulande jeder fehlgegangene Amtsträger die Chance, mit dem Ritual der öffentlichen Entschuldigung den Rücktritt oder wenigstens den völligen politischen Absturz abzuwenden. Wenn die Gemeinschaft der Bürger in Form von Twitter, "Bild"-Zeitung und Günther Jauch Vergebung gewährt, ist der Büßer wieder aufgenommen. Es ist, wie gesagt, ein Ritual.

Katharina Döbler© privat
Katharina Döbler, Journalistin und Autorin in Berlin, Redakteurin bei Le Monde diplomatique, schreibt für die "ZEIT" und den Rundfunk, ein Roman ist 2010 erschienen "Die Stille nach dem Gesang".