Die Türkei und der Aufbruch in der arabischen Welt

Wohin steuert die Außenpolitik der Türkei? © Stock.XCHNG
Von Zafer Senocak · 24.02.2011
Der Aufbruch im Nahen Osten wird inzwischen immer öfter mit der neuen wachsenden Rolle der Türkei in der Region in Verbindung gebracht. Um diese Rolle besser zu verstehen, reicht es aber nicht aus, allein die emsige türkische Außenpolitik zu betrachten. Seit dem Regierungsantritt der AKP, einer islamisch konservativ ausgerichteten Partei im Jahre 2002 ist die Türkei grundlegenden Veränderungen unterworfen. Diese Veränderungen sind nicht nach einem einfachen Schema zu beschreiben.
Sie erschöpfen sich nicht in einer schleichenden Islamisierung der säkularen türkischen Gesellschaft, wie manche Beobachter vermuten. In der Türkei ist etwas neues, in der islamischen Welt einmaliges passiert: Es wird ein Weg der Versöhnung des Islam mit den säkularen Fundamenten einer demokratischen und pluralistischen Gesellschaftsordnung beschritten. Dieser Prozess ist noch voll im Gange, aber bislang außerordentlich erfolgreich.
Auch deshalb, weil er sich mit den Erfordernissen der Globalisierung und der Moderne deckt.

Die türkische Gesellschaft entdeckt Zug um Zug ihre Vielfalt. Die Widersprüche, die sie in sich trägt, erscheinen nicht mehr als sich gegenseitig blockierende Orientierungen, sondern als Herausforderungen, die zu offenen Debatten und neuen Sichtweisen führen können. Die Debatten, die in der Türkei geführt werden, sind spannend und aufschlussreich. In ihnen geht es beispielsweise um die Rolle der Frau in der Gesellschaft, um Lebensentwürfe, um das Familienleben, um Zugehörigkeit. Dabei werden kollektive Sichtweisen immer wieder von der stärker gewordenen Ausstrahlung des Individuums erfasst und gebrochen.

In dieser offenen Diskussionskultur müssen sich Traditionen und Werte behaupten. Sie werden hinterfragt, aber nicht von vorneherein beiseite geschoben, wie noch zur revolutionären Anfangsphase der türkischen Modernisierung. Die Türkei tastet sich heute in eine neue, in der islamischen Welt bislang einmalige Debattenkultur hinein. Es darf jedoch nicht verkannt werden, dass die aufklärerische Dimension der türkischen Modernisierung eine nicht zu vernachlässigende Grundlage der türkischen Kultur heute darstellt. Auch die frommen Muslime in der Türkei haben die Bildungsinstitutionen des Landes durchlaufen.

Sie werden permanent mit einer Welt konfrontiert, die sie herausfordert, ihre Gewissheiten in Frage stellt. Ihre stärker gewordene Präsenz in der Gesellschaft führt aber auch dazu, dass die Gewissheiten der Aufklärung sich bewähren müssen. Darin verbirgt sich das Erfolgsgeheimnis des türkischen Modells. Die muslimischen Länder in der Nachbarschaft nehmen bislang vor allem das türkische Wirtschaftswunder wahr. Aber auch die Öffnung der türkischen Außenpolitik in die Region, die nicht mehr blind nur den im Westen definierten Interessen folgt. In der Tat ist der Grundstein des Erfolges in der Türkei nichts anderes gewesen, als eine Entideologisierung des muslimischen politischen Spektrums.

Die Muslime in der Türkei haben die Bedingungen der Globalisierung akzeptiert, Vorstellungen von einer eigenen Wirtschafts- und Sozialordnung aufgegeben. Dabei wurde aber das Prinzip einer Verbesserung der Lebensumstände der Bürger, die Vergrößerung ihrer Freiheiten durch ein gutes Regieren und entsprechende Reformen ernst genommen. Die Menschen in der Region nehmen das wahr. So wird die Türkei zum größten Destabilisierungsfaktor für korrupte und autoritäre Regime. Wir im Westen müssten hierin eine große Chance und nicht eine Gefährdung eigener Interessen sehen. Denn unterschiedliche Interessen lassen sich durch einen Dialog aushandeln.

Was aber geschieht wenn es gar keine gemeinsame Sprache gibt? Die Türkei spielt inzwischen ganz natürlich die Rolle eines Übersetzers zwischen dem Westen und der islamischen Sphäre. Diese Rolle ist selbstverständlich, wenn man sie nicht politisch und strategisch überfordert und in zu große Schuhe steckt. Die Türkei lebt ganz einfach von ihrer Zweisprachigkeit. Der abendländischen Unterrichtssprache auf der einen und der muslimischen Mutterzunge auf der anderen Seite. Diese Zweisprachigkeit ist keine Doppelzüngigkeit. Sie entspricht voll und ganz der Entwicklung der türkischen Gesellschaft und Kultur in den letzten Hundert Jahren. Sie kommt aus dem Herzen der Türkei und hat deshalb auch eine Chance die Menschen anderswo zu erreichen.


Zafer Senocak, 1961 in Ankara geboren, seit 1970 in Deutschland, wuchs in Istanbul und München auf. Er studierte Germanistik, Politik und Philosophie in München. Seit 1979 veröffentlicht er Gedichte, Essays und Prosa in deutscher Sprache. Er lebt als freier Schriftsteller in Berlin, schreibt regelmäßig für "die tageszeitung" sowie für andere Zeitungen (u. a. "Berliner Zeitung", "Die Welt"). Arbeiten von Zafer Senocak wurden bislang ins Türkische, Griechische, Französische, Englische (u. Amerikanische), Hebräische und Niederländische übersetzt. Er erhielt mehrere Stipendien und 1998 den Adalbert-von-Chamisso-Förderpreis.

Die mehrsprachige Zeitschrift Sirene wurde bis 2000 von ihm mitherausgegeben. Veröffentlichungen u. a. "Gefährliche Verwandtschaft." Roman. München (Babel) 1998. "Der Erotomane. Ein Findelbuch." München (Babel) 1999. "Atlas des tropischen Deutschland." Essays. Berlin (Babel) 1992, 1993. "War Hitler Araber? Irreführungen an den Rand Europas." Essays. Berlin (Babel) 1994. "Zungenentfernung. Bericht aus der Quarantänestation." München (Babel) 2001. "Das Land hinter den Buchstaben. Deutschland und der Islam im Umbruch," Berlin (Babel) 2006.
Zafer Senocak, türkischer Schriftsteller
Zafer Senocak, türkischer Schriftsteller© J&D Dagyeli Verlag