Die Traurigkeit des Tangos

Rezensiert von Edelgard Abenstein |
Tango ist Mode. In Scharen zieht es seit einigen Jahren die zwischen 30- und 60-jährigen in die Tangokurse. Was immer dort gesucht wird, Passion als Pose, oder die "Versöhnung zwischen Mann und Frau", wie vielfach behauptet, oder auch die mit einem diffusen, unbekannten Ich, er ist ein schönes Spiel.
Dieser Tanz scheint mehr als andere eine Bühne zu eröffnen, auf dem zum Klang von Bandoneon und dem heiseren Tremolo eines Soprans ewigalte Träume zur Aufführung kommen: die leidenschaftliche Frau in den Armen eines vorzugsweise latin lovers. Und: "Tango ist ein trauriger Gedanke, den man tanzen kann", sagt Enrique Santos Discépolo, der berühmteste aller Tangodichter aus Argentinien.

So traurig, wie der erste Teil der Geschichte, die Katrin Dorn erzählt: Klara bricht alle Brücken hinter sich ab, eine Beziehung ist gescheitert, ihre Arbeit ödet sie an. Sie fliegt nach Buenos Aires, um Tango zu tanzen. Die argentinische Metropole mit ihrer quirligen Atmosphäre, mit ihren sozialen Brennpunkten fasziniert die gelangweilte Europäerin, und als sie in dem deutschstämmigen Gustavo der Liebe ihrer Lebens begegnet, beschließt sie, für immer dazubleiben. Um sich in der fremden Umgebung ihrer selbst zu vergewissern, schreibt sie ein Tagebuch per E-Mail, das im fernen Berlin einen heimlichen Mitleser findet - Bruno, dem die Teilhabe an einem nicht für ihn bestimmten Leben zunehmend zur fixen Idee zu werden beginnt. Er verliebt sich in die unbekannte Frau und lernt, um ihr näher zu kommen - Milonga tanzen, die schnellste Form des argentinischen Tanzes.

In Katrin Dorns Roman ist Tango natürlich mehr als ein Tanz, er ist eine Metapher, für das Mit- und Gegeneinander von Mann und Frau, für die Leidenschaft als Kalkül und für das Spiel, das im Suchen, Sich-Finden, Verlieren, und im neuerlichen Suchen besteht. Kurzum, es. geht um die Unmöglichkeit von Nähe und die Hoffnung, jenes Gesetz außer Kraft zu setzen. Damit greift die Autorin zum zweiten Mal dieses Motiv auf, nach ihren vor drei Jahren erschienenen Tango-Geschichten.

Erneut treten Figuren auf, die schon damals durch die Erzählungen geführt haben: die Touristin und die große Liebe, die jüdische Emigrantin, die letztlich nie heimisch wird, der Arbeitslose und der männliche Stolz. Doch anders als dort, fügt sie hier die einzelnen Geschichten zu einem Panorama zweier Städte als Sehnsuchtsorte zusammen, geschickt spiegelt sie in einer Parallelaktion die Berliner Episoden in den argentinischen und umgekehrt, so dass nahezu schicksalshaft und somit tangoartig eine Annäherung der beiden Protagonisten unausweichlich zu werden verspricht.

Allerdings hätte dem Roman eine Verdichtung gut getan, besonders in den Szenen, die Beziehungsgeschichten zum Inhalt haben, zu ausufernd und holprig sind die Dialoge, die alles verraten, kein Geheimnis bewahren, schief die Bilder, "seine Affären waren ausgelaufen wie löchrige Milchtüten", und wenig originell, "sie hielten einander und trafen sich im Innersten ihrer Körper". Eindringlich hingegen und überraschend schildert sie die Begegnung von alten Emigranten mit der Kinder- und Enkelgeneration, mit einem Nietzsche-Fan und den Fragen von Rache, Versöhnung und dem Preis des Weiterlebens. Spätestens da wird jeder möglichen Tango-Exotik vorgebeugt. "Milonga" ist kein Folklore-Roman, keine romantisierende literarische Tanzstunde, auch wenn er der Gefahr der Verklärung nicht immer ausweicht.

Katrin Dorn: Milonga
dtv-premium, 2005
14,50 Euro