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Religionen / Archiv | Beitrag vom 24.11.2019

Die Tradition der TotenhochzeitJungfräulich und gekrönt ins Jenseits

Von Peter Kaiser

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Ein goldener Totenkranz aus zwei Olivenzweigen mit Oliven aus Smaragden und Goldperlen aus Kleinasien (350 v. Chr.).  (picture alliance/Zentralbild/Hubert Link)
Symbol einer Hochzeit, für die im Dieseits keine Zeit blieb: Ein goldener Totenkranz (picture alliance/Zentralbild/Hubert Link)

Die „Totenhochzeit“ gehört zu den vielen kirchlichen Bräuchen, die über die Jahre verschwanden. Starb früher ein unverheirateter Mensch, bekam sie oder er eine "Totenkrone" aufgesetzt. Nur wenige davon sind erhalten.

Noch bis zum letzten Jahrhundert wurde unverheiratet verstorbenen Frauen und Männern in vielen Regionen Deutschlands während der Trauerfeier eine Krone auf den Kopf gesetzt. Die Kirche deutete diesen volkstümlichen Brauch als Zeichen einer symbolischen Ersatzheirat mit Gott im Himmel.

"Totenkronen" sollten an Verstorbene erinnern

Nach dem Begräbnis wurden die "Totenkronen" in der Kirche ausgestellt. Sie dienten Repräsentationszwecken und sollten an die Verstorbenen erinnern. Im Zuge von Renovierungsarbeiten verschwanden sie jedoch vielerorts aus den Kirchen - und mit ihnen auch der Brauch, der sich in England noch bis ins 20. Jahrhundert hielt.

Eine Totenkrone aus dem 18./19. Jahrhundert in der Ausstellung "Praxiswelten" des Berliner Medizinhistorischen Museums der Charité in Berlin, 2014. (picture alliance/dpa/Rainer Jensen)Totenkrone aus der Ausstellung "Praxiswelten", Medizinhistorisches Museum der Charité (picture alliance/dpa/Rainer Jensen)

Heute sind die Totenkronen weitgehend vergessen, die meisten Kirchen haben sie längst entfernt. Doch in der 500 Jahre alten St. Marienkirche von Bernau bei Berlin sind noch einige Stücke erhalten. Küsterin Barbara Klopp weist auf die gläsernen Kästen hin, in denen die Kronen verwahrt werden. Eine davon erinnert an eine junge Frau, sagt Klopp:

"Die Krone ist Auguste Louise Amalie Böttcher gewidmet, sie starb am ersten Oktober 1851, nachmittags um fünf Uhr, mit 18 Jahren, einem Monat und neun Tagen an Nervenfieber."

Welke Blumen, bleiche Bänder

Ausgeblichene Papierblumen, Bänder und Schleifen: Das hinter dunklen Glasscheiben ausgestellte Gebinde ist matt und halb in sich zusammengefallen. Ein weiterer Kronenkasten ist Gottlob Friedrich Ebhard gewidmet, einem 24-jährigen Barbiergesellen, der im Jahr 1796 an "hitzigem Nervenfieber" starb.

Diese Totenkronen waren bis in die Neuzeit üblich. "Das Begräbnis unverheiratet Verstorbener wurde als Ersatzhochzeit begangen", erklärt Barbara Klopp. "Die Totenkrone wurde als Ersatz für die entbehrte Brautkrone gewidmet, als Hinweis auf Jungfräulichkeit und letzten Endes als Vorwegnahme der Krone des ewigen Lebens."

Sylvia Müller-Pfeifruck ist Kunsthistorikerin und hat im Jahr 2008 hier in der Bernauer St. Marienkirche eine Ausstellung zu den Totenkronen kuratiert. Totenkronen, sagt sie, sind nicht nur überkonfessionell, sondern "die Totenhochzeit ist etwas, was kulturell noch eine Schicht tiefer liegt, und die ist in sehr vielen Kulturen nachweisbar: bei den Moslems, bei den Juden – jetzt habe ich den Hinweis bekommen, dass auch in China der Brauch bekannt ist."

Spiegel der sozialen Stellung

Manche schaudert es, wenn sie die ausgestellten fünf Totenkronen betrachten, und sich mittels der Schautafeln in die Hintergründe einlesen. Sylvia Müller-Pfeifruck sagt: "Die Hochzeit war offensichtlich über Jahrhunderte hinweg ein so wichtiger und zentraler Punkt im Leben, dass man auch einem Toten diese Hochzeit noch gewährt hat. Auch aus Angst davor, dass dieser Verstorbene vielleicht wiederkommt, Unruhe stiftet, weil er diesen wichtigsten Moment in seinem Leben nicht erlebt hat. Das ist im christlichen Bereich dann natürlich transformiert worden in die Himmelshochzeit der Seele mit dem Bräutigam Christus."

Mädchen und Jungen, Frauen und Männer bekamen immer eine individuelle Totenkrone. Sie war entweder aus Weidenruten oder aus Zweigen gebunden. "Ich nehme an, dass es auch so eine Art Trauerbewältigung war", sagt Müller-Pfeifruck, "dass man sich dann zusammensetzte, so, wie man sich zum Spinnen zusammensetzte, und innerhalb der drei Tage, an denen der oder die Verstorbene aufgebahrt war, zusammen eine Krone fertigte. Und es wird auch vermutet, dass jeder ein Band stiftete für diese Krone. Und man kann anhand der Zahl der Seidenbänder oft erkennen, wie sozial angesehen dieses Kind im Dorf gewesen ist."

Eine Totenkrone aus Thüringen (1. Hälfte 19. Jahrhundert) aus der Ausstellung "Totenhochzeit mit Kranz und Krone" im Museum für Sepulkralkultur, Kassel. (picture alliance/dpa/Uwe Zucchi)Totenkrone aus der Ausstellung "Totenhochzeit mit Kranz und Krone" (picture alliance/dpa/Uwe Zucchi)

Zurschaustellung missfiel der Kirche

Da standen sie dann, und das bald so zahlreich, dass sie das Missfallen der Geistlichen erregten. Denn die Kirche als Haus Gottes war kein Ort der Zurschaustellung, erklärt Sylvia Müller-Pfeifruck:

"Das 19. Jahrhundert hat einen Drang zur Purifizierung. Und das koppelt sich sicher damit, dass allmählich soziale Gemeinschaften zerfallen vor dem Hintergrund der Industrialisierung. Die Leute ziehen in die Stadt, der Zusammenhalt im Dorf wird immer geringer - es hängt sicher auch damit zusammen, dass der protestantische Glaube nicht mehr solche Durchschlagskraft hat, die Leute sozusagen ungläubiger werden, und die Jungfräulichkeit und die Hochzeit allmählich diesen Stellenwert verlieren, den sie immer hatten."

Vergessene Lebensgeschichten ziehen Besucher an

So sind kaum noch Totenkronen aus dieser Zeit erhalten. Doch solche, die noch zu sehen sind, wie hier in der St. Marienkirche in Bernau, interessieren die jährlich 10.000 Kirchenbesucher sehr, sagt die ältere Kirchenwartin:

"Sie kommen dann, und stellen Fragen. Es gibt ein Buch, wir hatten auch einen Flyer dazu, da gibt es häufig Interesse. Man findet das manchmal schon ein bisschen eigenartig, und davon werden die Menschen ja auch eigentlich angezogen."

Und da stehen sie dann und lesen, wer zur Hochzeit mit dem Herrn diese Krone vor Jahrhunderten auf dem Kopf hatte. Noch einmal die Kunsthistorikerin: "Das ist die Krone Nummer Zwei von 1827. Die Totenkrone ist dem Tischlerlehrburschen Friedrich Ludewig Heisler gewidmet. Er wurde am 11.12.1810 geboren, und ertrank am 22.7.1827 abends um fünf Uhr mit 16 Jahren und sieben Monaten beim Baden. Er hinterließ eine Mutter und vier Geschwister."

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