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Länderreport / Archiv | Beitrag vom 25.11.2009

Die Toten von Berlin

Beisetzung und Abschied in einer multikulturellen Stadt

Von Julius Stucke

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Mit Bestattungsvielfalt in einer Stadt wie Berlin ist groß (hier ein Friedhof)  (AP Archiv)
Mit Bestattungsvielfalt in einer Stadt wie Berlin ist groß (hier ein Friedhof) (AP Archiv)

In meinem Staate kann jeder nach seiner Fasson selig werden. Mit diesen Worten hat im 18. Jahrhundert ein gebürtiger Berliner die Preußische Offenheit gegenüber den Religionen gelobt: Friedrich der Große. Für seinen eigenen seligen Abgang hatte der alte Fritz besondere Pläne.

Er wollte neben seinen geliebten Hunden begraben werden. Aber wie sieht es heutzutage aus mit der Bestattungsvielfalt in einer multikulturellen Großstadt? Der Länderreport sucht und findet Antworten, bei Buddhisten, Juden und Muslimen in Berlin.

Berlin. Ein lebendiger Ort mit stillen Flecken. Wo gelebt wird, hat auch der Tod seinen Platz. In einer Stadt der vielen Gesichter, der vielen Kulturen gibt es auch verschiedene Bestattungsrituale. Und einen unterschiedlichen Umgang mit den Toten.
Wer sich auf den Weg macht, wird Ohren- und Augenzeuge.

Dort das mexikanische Totenfest. Laut und lebendig. Die Toten sind zu Besuch aus dem Jenseits, feiern mit den Lebenden.

Oder: Halloween. Irischen Ursprungs, in Berlin lustig und gespenstisch inszeniert. Auf den Straßen der Stadt, an den Haustüren.

Kapitel 1 – Buddhistische Urnen in Ruhleben

Fiedhof Ruhleben. Ein nasskalter Herbsttag. Friedhof Ruhleben, im Westen Berlins. Rüdiger Kuhn lässt sich vom hartnäckigen Nieselregen nicht stören. Er spaziert über das parkähnliche Gelände. Seit den Achtzigerjahren arbeitet Kuhn hier - erst als Gärtner, nun als Urnenträger.
Kuhn kennt die vielen Felder für Erdbestattungen und Urnengräber. Ein Friedhof wie viele andere. Jedenfalls bis Kuhn stehen bleibt. Auf einem Feld, von Bäumen abgetrennt, rechteckig, etwa 30 mal 60 Meter groß.

Kuhn: "Das ist das buddhistische Feld."

Eine große, weiße Statue. Bodhisattva, ein buddhistisches Erleuchtungswesen. Mit sanftem Gesichtsausdruck.

Viereinhalb Meter groß, in der einen Hand ein Stab, eine Art Speer, in der anderen eine Kugel. Wallendes Gewand, nackte Füße.

Kuhn lächelt, erinnert sich an den Augusttag vor sechs Jahren. Ein Mönch weihte das Gräberfeld ein und Mitglieder der vietnamesisch- buddhistischen Gemeinde in Berlin stellten die Statue auf.

Rüdiger Kuhn: "Und die sind da oben rumgeturnt, mit Badelatschen! Haben sie alles in Eigenregie gemacht. Die kamen hier an wirklich: kein Schutz, keine Sicherheitsschuhe, nichts. Und die sagten mir auch: nein, das hält durch Eigengewicht. Ich dachte: der muss nur mal schwenken oder irgendwie dem auf die Füße! Ich will gar nicht hingucken."

Es ist nichts passiert, damals, und so thront der Bodhisattva, einige Tonnen schwer, auf seinem Podest; schaut auf die Grabsteine, die dicht an dicht stehen. Viele allerdings sind es noch nicht, erst knapp 30 Beisetzungen gab es auf dem buddhistischen Gräberfeld seit 2003. Im Schnitt also gerade mal fünf pro Jahr. Heute ist nicht einer dieser fünf Tage. Also erzählt Kuhn: Eine buddhistische Zeremonie sei jedes Mal anders, er wisse vorher nie so recht, was ihn erwartet.

Kuhn: "Bei christlichen Beerdigungen weiß man, wann es zu Ende geht, wenn der Segen kommt, das versteht man ja auch. Aber da versteht man nichts. Die Angehörigen, die hier zur Beerdigung kommen, die haben auch nicht so die Ahnung, wenn ich frage‚ wie läuft das ab’. Und die Mönche oder Nonnen, die reden kaum deutsch. Englisch oder halt vietnamesisch, chinesisch, was auch immer. Meistens ist auch noch jemand vom Bestatter da, aber die blicken da auch nicht so durch. Weil da kann man sich wirklich nicht drauf einstellen."

Ein paar Dinge allerdings wiederholen sich: die offene Atmosphäre und - verglichen mit christlichen Bestattungen - ungewohnt locker, bunt, weniger traurig – und:

Kuhn: "Mit viel Räucherstäbchen, Rauch - die machen da gleich so ein Bündel, zünden das an und dann kriegt jeder ein Räucherstäbchen. Es geht wirklich locker zu. Da wird telefoniert, fotografiert, gefilmt ohne Ende. Da sind bestimmt 10, 20 Leute. Und ich dazwischen."

Die ganze Zeremonie kann mitunter Stunden dauern. Beim letzten Mal konnte Kuhn die Urne erst nach vier Stunden in die Erde hinab lassen.

Kuhn: "Aber wenn die Zeremonie vorbei ist – dauert es keine fünf Minuten, dann sind alle weg. Die helfen alle, packen alles zusammen - Tische, Stühle, was sie mitgebracht haben und sind dann weg. Das ist wie ein Spuk. Zack. Und dann sieht man nur noch die Rauchwolken da, die ganzen Räucherstäbchen."

Kapitel 2 – Der buddhistische Bestatter

Wie viele Menschen in Berlin an Buddhas Lehren glauben, lässt sich nicht genau sagen. Eine Schätzung: etwa 6000 gläubige Asiaten und bis zu 3000 Deutsche. Einer von ihnen ist Ulrich Gscheidel. Vor 25 Jahren fand er zum tibetischen Buddhismus, seit einigen Jahren arbeitet der Mittfünfziger als Bestatter. Wer nach buddhistischen Bestattungen in der Hauptstadt sucht … findet Gscheidel. Und der stellt gleich klar: das eine Ritual existiert nicht. Allein schon wegen der vielen buddhistischen Richtungen.

Ulrich Gscheidel: "Von daher, wenn mich jemand anruft und sagt ‚ich möchte gerne eine buddhistische Bestattung ist meine erste Rückfrage immer: zu welcher buddhistischen Gemeinschaft gehören sie denn?"

Jede Lehre hat ihre eigene Bestattungszeremonie. Aus den unterschiedlichen Ländern kommen Mantra-Rezitationen in diversen Sprachen. Und mancher fühlt sich dem Buddhismus einfach nur irgendwie nah.

Gscheidel: "Und dann ist es ganz schwierig, da einen Weg zu finden. Weil man dann auch gar nicht weiß, was hat derjenige oder diejenige sich denn so zusammengereimt unter Buddhismus. Diese Menschen sind ja dann meistens in einem christlichen Elternhaus irgendwie groß geworden oder in einem atheistischen Elternhaus. Dann sind eben diese Rituale oder Verabschiedungen oder Trauerfeiern eben auch richtigerweise eine gewisse Mischung aus ich will mal sagen hier üblichen und importierten Dingen die sich irgendwie vermischen."

Vorherrschend im Buddhismus ist die Vorstellung, dass der Geist den sterbenden Körper verlässt und sich später mit einem anderen Körper verbindet. Deshalb ist die Feuerbestattung die Regel, die alte körperliche Hülle hat weniger Bedeutung als in anderen Religionen.
Um die Trennung von Geist und alter Hülle zu unterstützen, sollte der Verstorbene aufgebahrt werden, möglichst einige Tage lang - ungestört, unberührt, ungewaschen. "Möglichst", nur:

Gscheidel: "Wir haben ein Gesetz. Hier in Berlin sind es 36 Stunden, bevor jemand in eine Kühlung muss."

Was also tun, um die Würde der Zeremonie nicht zu verletzen? Die Zeit richtig nutzen, sagt Gscheidel und meint damit:

Gscheidel: "Das wir einen würdigen Rahmen sozusagen eben auch für den Toten finden, wo, ich will mal sagen, Räucherstäbchen und die entsprechende Musik und irgendwie so was zelebriert werden kann. und das wir das halt nicht in einem Kühlraum machen sondern ja, wenn jemand zuhause gestorben ist es natürlich immer am besten wenn das zuhause stattfindet. Und da kommen dann oftmals innerhalb relativ kurzer Zeit 30, 50, 100 Leute vorbei und verabschieden sich persönlich und überbringen eben auch ihre guten Wünsche für die nächste Wiedergeburt."

Zwischenspiel - Stadt der kurzen Wege

Berlin. Stadt der kurzen Wege - zwischen den Menschen, zwischen den Treffpunkten. Auf kurzen Wegen jedoch lassen sich hier weit entfernte Welten bereisen, unterschiedlichste Religionen und Kulturen.

Die Musik in der Straßenbahn gibt die Fahrtrichtung vor. Mit den Klezmerklängen verschwindet der Noch-Sonderling buddhistische Bestattung hinter den Straßenbiegungen – es nähern sich die traditionsreicheren jüdischen Friedhöfe der Stadt:

Kapitel 3 – Jüdische Friedhöfe in Berlin

"Da, wo Chamottefabriken stehn
– Motorgebrumm –
da kannst du einen Friedhof sehn,
mit Mauern drum.
Jedweder hat hier seine Welt:
ein Feld.
Und so ein Feld heißt irgendwie:
O oder I ...
Sie kamen hierher aus den Betten,
aus Kellern, Wagen und Toiletten,
und manche aus der Charité
nach Weißensee,
nach Weißensee."

Weißensee in den 1920ern. Kurt Tucholsky über den größten jüdischen Friedhof Europas - mit mehr als 115.000 Grabstellen. Mit der Teilung Berlins spaltete sich auch die jüdische Gemeinde - und im Westen wurde ein neuer Friedhof eingerichtet. Dort, in der Charlottenburger Heerstrasse, finden heutzutage die meisten jüdischen Begräbnisse Berlins statt.
Die kleine Straße in den Wald gabelt sich an einem dunklen Eisenzaun. Das Schild zeigt zwei Wege an: Rechts zur Sendestation des Rundfunks Berlin Brandenburg oder links zum jüdischen Friedhof.

Dort warten etwa 20 Trauergäste auf einem kleinen Vorplatz. Die Männer: mit Hut oder Kippa, dem traditionellen jüdischen Käppchen. Das Schild am Eingangstor erinnert unmissverständlich daran: für männliche Friedhofsgäste ist Kopfbedeckung Pflicht.

Die Trauernden ziehen sich zurück, in den blasgelben Flachbau auf dem Vorplatz, nehmen Abschied. In diesem Moment endet die Hörfunkaufnahme. Keine Tonaufzeichnung, keine Störung des Augenblicks.

Der Kantor singt, ein Rabbiner betet für die Tote. Danach begleitet die Trauergemeinde mit Psalmen den Sarg zum Grab und spricht dort das traditionelle Kaddish-Gebet. Heute auf hebräisch und russisch – die Verstorbene gehörte zu der großen Gruppe von Juden, die aus Ländern der ehemaligen Sowjetunion seit den Neunzigerjahren nach Berlin gezogen ist.

Kapitel 4 – Der Rabbiner

In einer großen Schöneberger Altbauwohnung empfängt Rabbiner Ehrenberg von der jüdischen Gemeinde Berlin seine Besucher. - Auf dem Friedhof in der Heerstraße gibt es einige Gräber noch ohne Grabmal. Nichts ungewöhnliches, sagt Ehrenberg und streicht sich durch den langen grauen Bart.

Rabbiner Ehrenberg: "Hier in unserer Gemeinde in Berlin macht man das nach einem halben Jahr oder sieben Monaten."

Spätestens nach einem Jahr aber sollte der Grabstein stehen – und dann an seinem Platz bleiben. Eine Neubelegung der Grabstelle nach 20 oder 30 Jahren, wie in Berlin sonst üblich, komme auf den jüdischen Friedhöfen nicht in Frage, so der Rabbiner.

Rabbiner Ehrenberg: "Ein Grab eines Menschen ist heilig - auf ewig. Bis das er von dort aufsteht, egal wie viel Zeit wir warten."

Und die Kabbala, die mystische Tradition des Judentums, glaube an eine Auferstehung im heiligen Land. Wie das - wenn der Körper in Berlin begraben liegt?

Rabbiner Ehrenberg: "Gibt es eine Meinung in der mystischen Welt, dass er wird in Israel auferstehen, das heißt er wird unter der Erde einen Weg machen und ja – manche sagen auch, deswegen ist er im Sarg beerdigt – so eine U-Bahn, ja."

In Israel wird traditionell im Leinentuch beerdigt.

Rabbiner Ehrenberg: "Es ist so, dass ist in Israel ohne Sarg, weil die Erde ist heilig und im Ausland nicht. Wir achten darauf, dass wir geben rein in den Sarg ein bisschen Erde von Israel."

Abgesehen davon ist eine Bestattung im Leinentuch in Berlin auch nicht erlaubt. Und noch etwas verhindern die hiesigen Gesetze: die möglichst rasche Bestattung.

Rabbiner Ehrenberg: "Wir haben ein großes Problem mit dem Gesetz, dass hier wird verlangt mindestens 48 Stunden. Und leider leider bis heute wir haben noch nicht eine Erlaubnis bekommen – generell. In Israel zum Beispiel besonders in Jerusalem: am selben Tag. Mein Vater, mein gottseliger Vater ist morgens gestorben und nach sechs, sieben Stunden er wurde schon beerdigt. In der Tora steht geschrieben, dass man soll nicht übernächtigen."

Zwischenspiel - Alles hat seine Ordnung, auch der Friedhof

Alles hat seine Ordnung, auch der Friedhof. Der Weg zum nächsten Gräberfeld lässt Zeit: für einen Blick auf die Gesetze. Die von Rabbiner Ehrenberg angesprochene 48 Stunden Regelung schreibt das Berliner Gesetz über das Leichen- und Bestattungswesen vor:

"Die Bestattung darf frühestens 48 Stunden nach Eintritt des Todes stattfinden, sofern nicht die zuständige Behörde auf Grund des Infektionsschutzgesetzes eine vorzeitige Bestattung anordnet."

Kein Scheintoter soll vorzeitig unter die Erde kommen. Vorgeschrieben auch: die möglichen Formen der Bestattung - laut Berliner Friedhofsordnung exakt zwei:

"Bestattung ist die Erdbestattung einer menschlichen Leiche in einem Sarg - und die Beisetzung von menschlicher Asche."

Urne oder Sarg also, und nicht zu schnell. Genau das, so heißt es immer wieder, mache es besonders Muslimen schwer, ihre Angehörigen in Berlin so zu beerdigen, wie in der Heimat üblich. Im Leinentuch und nicht erst nach mehreren Tagen.

Der Berliner Senat plant die Gesetze zu ändern: Der Sargzwang soll fallen, die 48-Stunden-Regelung gelockert werden. "Berlins Bestattungskultur wird vielfältiger" titelt eine Tageszeitung aus der Hauptstadt – in dem Artikel begrüßt auch der Verband deutscher Bestattungsunternehmen die Pläne: Es zeuge von einem größeren Respekt gegenüber verschiedenen religiösen Bestattungsritualen.

Kapitel 5 – Islamische Bestattungen in Berlin

Neukölln, nahe dem Flughafen Tempelhof. Die weißen Minarette der Sehitlik Moschee ragen in den grauen Himmel. Der Muezzin ruft zum Gebet. Durch ein grünes Gittertor betreten Muslime das Gelände der Moschee und stehen sogleich inmitten des türkischen Friedhofs. Die älteste islamische Grabstätte Deutschlands. Seit 1866 haben hier Muslime, die meisten aus der Türkei, ihre letzte Ruhe gefunden. Genau genommen ist dies türkisches Gebiet, denn König Wilhelm der Erste von Preußen schenkte der Türkei einst das Areal. Das Grabfeld ist klein – rund 150 Gräber, gleichmäßig ausgerichtet nach Mekka. Die meisten sind alt, ihre Inschriften kaum noch zu lesen. Die letzte Bestattung ist rund 20 Jahre her, es gibt keinen Platz mehr.

Bestattungszeremonien aber finden hier immer noch statt: Rituelle Waschungen, Gebete, Trauerfeiern. Die Verstorbenen kommen dann woanders unter die Erde. Auf einem Teil des angrenzenden, wesentlich größeren, städtischen Friedhofs. Oder: auf dem islamischen Gräberfeld des Friedhofs Gatow am anderen Ende der Stadt. Oder aber noch weiter entfernt: Überführungen in die Heimat sind die Regel. Den Markt muslimischer Begräbnisse und Überführungen teilen sich mittlerweile eine Reihe spezialisierter Bestatter.

Volkan Coskun hat 1994 die islamische Abteilung eines großen Bestattungsunternehmens gegründet. Bestattungen im Leinentuch? Kein Bedarf, so der Sohn türkischer Einwanderer.

Volkan Coskun: "Ich meine, die Sache mit dem Leinentuch ist ja auch ne Sache, die aus Not entstanden ist, damals. Die Leute hatten kein Holz um essen zu kochen oder zu heizen, da hat man natürlich das nicht dafür verwendet."

Coskun ist für die Bestattung im Sarg, sie sei hygienischer. Nun gut, ein Bestattungsunternehmen verkauft ja schließlich auch Särge, Angst ums Geschäft? Nein, sagt er. Es gebe ja bereits Bundesländer mit islamischen Grabfeldern ohne Sargzwang.

Coskun: "Und da setzen wir immer noch mit Särgen bei, weil die Leute sagen sich: ich packe doch nicht meinen Verstorbenen nur mit einem Tuch in die Erde. Also die wenigen, die das unbedingt wollen…also ja, es sind gar nicht so viele."

Wichtig seien andere Dinge. Die rituelle Waschung des Verstorbenen, das Totengebet, die Lage des Leichnams im Grab: auf der rechten Seite mit dem Gesicht gen Mekka.
Und das Argument, der Koran schreibe die Bestattung im Leinentuch vor? Coskun kramt in seinen Unterlagen, zeigt eine DIN A4 Seite. Die Kopie eines Schreibens vom Islam Archiv Deutschland. Darauf wird bestätigt::

"Dass die Akademie für islamisches Recht in Mekka, am 29. Januar 1985 die Bestattung von Moslems in hölzernen Särgen gestattet hat."

Den Ruf nach Bestattungen im Leinentuch aber gibt es - woher kommt er?

Coskun: "Noch vor 15 Jahren oder so gab es halt nur Särge, die irgendwie Kreuzausschlag hatten oder so. Oder ein Kreuz raufgeschnitzt. Wenn im Klassenzimmer das hängt ist es noch eine Sache aber wenn ich sterbe und das auf meinen Sarg kommt: das möchte ich nicht. Genauso wenig wie zum Beispiel ein Christ einen Halbmond darauf haben würde oder einen Davidstern. Und so ist das Problem entstanden und hat dieses Dogma im Kopf festgesetzt."

Und daher hat Coskun vor einigen Jahren den islamischen Sarg auf den Markt gebracht.
Einige Etagen tiefer. Das Sarglager. Gleich am Eingang: der Klassiker. Eiche, dunkelbraun lackiert. Coskuns Kollege Isikali Karayel geht in den hinteren Teil des Lagerraums, zeigt auf das islamische Modell.

Isikali Karayel: "Auch Holz."

Anders aber das Aussehen. Keine Schnitzereien, keine Verzierungen. Die Sargdecke spitz zulaufend, wie ein Dach.

Karayel: "Welches Himmel und Erde symbolisieren soll. Und wichtig dabei ist, dass die Särge dann halt auch unbehandelt sind, nicht lackiert sind. Ganz schlicht."
Verwendet wird der Sarg auch dann, wenn die Angehörigen den Verstorbenen in die Heimat überführen.

Karayel: #"Hier kommt dann natürlich, wenn es eine Überführung sein sollte so ein Zinkeinsatz rein. Zinkeinsätze bei Überführungen sind Pflicht in Deutschland. Die werden dann natürlich dementsprechend zugeschweißt und flugfertig gemacht."

Vor dem letzten Gang also noch ein letzter Flug. Geschätzte 70 Prozent der Muslime in Berlin, der Großteil aus der Türkei, wollen in der Heimat bestattet werden. Der Koran sagt zwar, Muslime sollten sich dort beerdigen lassen, wo sie sterben - aber für viele ist die Bindung an die alte Heimat noch stark. Das werde sich aber bei der Generation der hier aufgewachsenen Muslime ändern, so Volkan Coskun:

"Den Trend sehen wir schon, dass die Leute eben hier beigesetzt werden. Jeden Tag haben wir Anfragen."

Und so wird der Bedarf an Grabflächen für Muslime in Berlin zukünftig wohl wachsen - und damit, Sargzwang oder nicht, auch die Vielfalt auf den Friedhöfen. Und je mehr sich in Berlin die Kulturen begegnen - desto mehr vermischen sich wahrscheinlich auch Rituale, Gepflogenheiten und Geschmäcker.

Coskun: "Die Kultur ist wie das Essen ja, wir mischen ja auch das Essen ja, die Chinesen haben ne Dönerbude es ist alles zusammen. Und genauso mischt sich das hier auch. Ja, der Chinese stellt sich da irgendwie ne Kerze auf, auf einmal siehst Du auf einem islamischen Friedhof ‚oh, der hat sich auch so ’ne Gedenkkerzen beim Chinesen gekauft, der neben dem Exportladen ist, für seine Grabstelle."

Nachspiel – Kultur bis in den Tod

Berlin. Eine Stadt mit vielen Gesichtern - und vielen Friedhöfen. Mehr als 200 sind es. Darunter historisches wie der türkische Friedhof, traditionsreiches wie die jüdischen Grabstätten und neueres wie das buddhistische Gräberfeld.

Vielfältig auch die Bestattungskultur. Räucherstäbchen und Mantra, ein Säckchen Erde aus Israel, Gräber in Richtung Mekka. Der Rundgang ließe sich erweitern: mit Christen, Hinduisten, russisch Orthodoxen und nicht zuletzt den Atheisten.

Viele Kulturen, viele Bräuche und Sitten - bis in den Tod.

Länderreport

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