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Rang I | Beitrag vom 09.12.2017

Die Theaterkolumne: Samstag mit MondtagÜber Ekeltheater und Altersekel

Von Ersan Mondtag

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Ein Mann wird in Berlin im Seniorenpflegeheim pro vita Haus Rheingold von einem Pfleger gefüttert. (picture alliance / dpa / Jens Kalaene)
Ist das Alter etwas, das uns den Appetit verdirbt? (picture alliance / dpa / Jens Kalaene)

Die Unterhaltungsindustrie hat einen neuen gesellschaftlichen Ekel durchgesetzt: der Ekel vor dem Alter. Er führe dazu, dass viele Menschen am Ende ihres Lebens verraten werden. Das ist das eigentliche Ekeltheater und verlogen, meint Ersan Mondtag.

Der Ekel ist das Thema. "Ekeltheater" wird sofort ausgerufen, wenn Pisse oder Kot auf der Bühne gezeigt werden. Ekel offensiv in etwas Schönes zu verwandeln, sich gegen den Reflex nicht nur zu immunisieren, sondern mit ihm zu spielen, bedeutet: Das Fremde als Bereicherung anzuerkennen. Es ist eine Leistung. Wenn das so verschriene Ekeltheater Wahrnehmungen herausfordert, dann ist dies auch eine Attacke auf das, was als ekelhaft gelten soll: Was die Gesellschaft ekelt, ekelt auch den Einzelnen.

Was die Gesellschaft ekelt, ekelt auch den Einzelnen

Dabei ist der Ekel eigentlich ein Instinkt, der uns vor dem Verdorbenen warnt. Vor Verwesung, Insekten, Scheiße. Im Grunde ist der Ekel eine Bastion gegen den Tod. Dinge, die uns ekeln, erinnern an unsere eigene Sterblichkeit. Aber Ekel vergiftet auch. Wer würde Champagner aus einem noch so sterilisierten Urinbehälter trinken? Schon die Form, die uns an etwa Ekelhaftes erinnert, stößt uns ab.

Und das wirft die Frage auf, wie unsere westliche Gesellschaft mit dem Alter umgeht. Genauer: Wie blickt sie auf alte Menschen in ihrer Hinfälligkeit, Zerbrechlichkeit und ihrem Kontrollverlust? Menschen, bei denen die berühmte Uhr abläuft. Menschen, die alle biblische Herrschaft über den Körper zu verlieren beginnen.

Was die Gesellschaft ekelt, noch einmal, ekelt auch den Einzelnen. Und hier wird es paradox. Was ist mit den Pflegeheimen, in denen unsere Seniorinnen und Senioren teilweise, man kann es nicht anders nennen, verrotten? Diese Orte veranschaulichen die Vergänglichkeit unseres Lebens und den Verlust der Identität. Und gerade weil man sich genau davor ekelt, stößt man die Alten in Situationen, die selbst ekelhaft sind.

Natürlich: Es sind nicht gleich alle Äpfel faul, weil auf einem eine Made kriecht. Es gibt viele wunderbare Seniorenheime von höherer Hotelqualität. Aber es gibt auch jene, in denen Menschen einmal in der Woche oder im Monat gewaschen werden. Wo sie entwürdigt, wo sie entbürgert werden.

Verlässlich wird dann das Pflegepersonal beschuldigt. Aber wo solche Fälle auftreten, sind sie da nicht vielmehr Folge eines aussichtslosen Kampfes, einer unlösbaren Aufgabe? Militärische Vergleiche drängen sich beinahe auf, mit Soldaten, die auf dem Feld ihre Empathie verlieren müssen, um das Geschehen überhaupt ertragen zu können.

Verfall ist im Kapitalismus nicht vorgesehen

Die Gesellschaft baut die Heime und segnet stillschweigend ab, wieviel Geld, Zeit und Personal sie uns wert sind. Es ist die Gesellschaft, die Senioren in der Werbung nur als "forever young" sehen möchte. Als Teil einer Party, die einfach immer weitergeht: Von den glücklichen Babys aus der Pampers-Werbung bis zu den rüstigen Damen und Herren mit optimaler Altersvorsorge. Und das obwohl Deutschland laut OECD eines der ungerechtesten Rentensystem überhaupt hat und Altersarmut gerade für Frauen vielfach vorprogrammiert ist. Aber Verfall ist im Kapitalismus nun einmal nicht vorgesehen. Auch der Ekel ist ein Mittel im Kampf aller gegen alle.

Wir befinden uns in einem Dauerlauf der Selbstoptimierung. Wenn wir nicht glücklich, erfolgreich und fit sind, wenn unsere Smartphones uns nicht vor Zeitverschwendung und Transfetten warnen, dann laufen wir Gefahr, nicht das Beste aus unserem Leben zu machen. Und dann versagen wir, und das Versagen im Leben heißt Tod. Und vor dem Tod warnt der Ekel.

Es ist lange her, dass die Alten als Chor ein fester Bestandteil der Gesellschaft waren, die sich im Theater abbildete. Für viele nicht-westliche Kulturen gilt das übrigens nicht: Dort werden die Greisen geschätzt, bewundert sogar – gerade auch dann, wenn das Alter zur Last wird, die man tragen muss.

Im Westen aber ist das Alter etwas, das uns den Appetit verdirbt. Und es ist nun einmal so: Für viel Geld gibt es gute Pflege und würdiges Altern, für kein oder wenig Geld: Faule Äpfel. Das wissen wir alle, aber trotzdem geht der Ekel so weit, dass uns die Nachrichten über die Zustände in manchen Pflegeheimen zwar entsetzen, wir aber trotzdem reflexartig sofort wieder wegschauen.

Und genau das ist verlogen. Die Unterhaltungsindustrie hat einen neuen gesellschaftlichen Ekel durchgesetzt, der allein ihrem Profit dient. Er führt dazu, dass viele Menschen am Ende ihres Lebens verraten werden. Und das ist das eigentliche Ekeltheater.

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