Die Taschenlampe des Historikers

"Anständig geblieben" schafft neue Blicke auf die Zeit der NS-Diktatur. © AP
07.10.2010
Mit "Anständig geblieben" legt der Historiker Raphael Gross eine Moralgeschichte der NS-Diktatur vor. Seine Einzelstudien schaffen es tatsächlich, den Nationalsozialismus über Personen aus der damaligen Zeit heraus neu zu beleuchten.
Neues über den Nationalsozialismus? Nein danke: so lautet der stumme Reflex vieler Deutscher – nicht erst, seit der Schriftsteller Martin Walser 1998, mit immensem Echo, über die von ihm sogenannte "Auschwitzkeule" klagte. Es wäre zu hoffen, dass das neue Buch des Frankfurter Historikers Raphael Gross nicht auf solchen Überdruss stößt oder in Gedenk-Routinen versinkt. Denn es beleuchtet den Nationalsozialismus tatsächlich neu.

Nicht im gleißenden Licht einer Alles-Erklär-These, wie Daniel Jonah Goldhagen (1996), der den Deutschen kollektiv einen "eliminatorischen Antisemitismus" bescheinigte, oder Götz Aly (2005), der die Judenvernichtung erklärte, indem er das NS-Regime als "Gefälligkeitsdiktatur" zeichnete, das die deutsche Bevölkerung gekauft habe. Wenn Goldhagen und Aly das große Spotlight geworfen haben, so bevorzugt Gross die Taschenlampe des Historikers: einen überschaubaren Lichtkegel, der da und dort hinstrahlt, der nach und nach einen neuen Blick erlaubt, der Schlagschatten vermeidet.

Raphael Gross – 1966 geboren, Leiter des Londoner Leo Baeck Instituts, des Frankfurter Fritz Bauer Instituts und des dortigen Jüdischen Museums – legt eine "Moralgeschichte" der NS-Zeit vor. Im Zentrum stehen also Normen, Werte und Gefühle. Herrschaftsstrukturen, Wirtschaftshandeln, Kriegsgeschehen, die Vernichtung der Juden werden nicht ausgeblendet. Doch Gross arbeitet, indem er von der "vorausgesetzten Verurteilung" der NS-Verbrechen möglichst absieht, an so etwas wie Verständnis:

"Wie haben diese (moralischen) Gefühle funktioniert, wie haben sie die Ideologie gestützt oder mit hervorgebracht, die die Verbrechen nicht nur vorbereitet, sondern erst ermöglicht hat?"

Selbstverständlich bedeutet "Verständnis" nicht Rechtfertigung, sondern Nachvollzug aus der damaligen Zeit selbst. Vor den Verbrechen gab es ein Parteiprogramm, und unterhalb des Programms lagen alltägliche Haltungen.

"Ein Moralsystem ist tiefer in intersubjektiv eingeübte und subjektiv übernommene Verhaltensweisen, in Gefühle, spontane Beurteilungen und Reaktionsformen eingewoben als politisch-ideologische Überzeugungen."

Gross spürt die moralischen Haltungen der Deutschen in Einzelstudien auf. Beispielsweise betrachtet er Veit Harlans Propagandafilm "Jud Süß" von 1940. Er zeigt, wie die jüdische Hauptperson nicht geradewegs als Monster gezeichnet wird, sondern dass ihr ein gewisses Maß an Freiheit und Leidensfähigkeit bleibt, ja, dass der Film erst so seine antisemitische Wirkung voll entfaltet. "Rassenschande" ist hier das entscheidende Thema.

Gross vertieft es, indem er den Fall eines gewissen Werner Holländer verfolgt, eines evangelischen Ingenieurs, der bis kurz vor seiner Verurteilung 1943 nicht wusste, dass er als Jude galt. Holländer wurde hingerichtet, weil er Beziehungen zu deutschen Frauen hatte; weil er damit gegen die Nürnberger Gesetze "zum Schutze des deutschen Blutes und der deutschen Ehre" verstieß; weil das Gericht ihn als "gefährlichen Gewohnheitsverbrecher" betrachtete; weil eine seiner Partnerinnen die verheiratete Tochter eines Landesgerichtspräsidenten, also eines Justizkollegen, war. Entscheidend für die NS-Richter war, so Gross, "im Kern ein starkes Gefühl der Empörung" darüber, dass der junge Mann die "deutsche Frauenehre und die deutsche Ehre schlechthin" verletzt habe. Und damit endet die Geschichte nicht. Noch 1950/51 befanden zwei bundesdeutsche Gerichte, die "Anwendung des Blutschutzgesetzes" sei damals "ohne Zweifel zu Recht erfolgt".

Darin besteht das eigentliche Verdienst dieses Buches: Raphael Gross macht sichtbar, dass 1945 keineswegs alle moralischen Haltungen jener Zeit verschwunden sind. Heinrich Himmler vollbrachte 1943 das schaurige rhetorische Kunststück, die SS zugleich auf "Anstand" und auf den Judenmord einzuschwören. Doch "Anstand", "Schande", "Scham", "Ehre" oder "Treue" sind seit der deutschen Kapitulation nicht aus der Welt, sondern bleiben ambivalente Werte. An Oliver Hirschbiegels Erfolgsfilm "Der Untergang" von 2004 zeigt Gross, wie hier zwischen "schlechten" und "guten" Nazis unterschieden wird: Während Hitler und Goebbels sich durch Selbstmord aus der Verantwortung stehlen, zeichnen sich andere im Film bis zuletzt durch "Treue" zur deutschen "Volksgemeinschaft" aus.

Wenn dieses wichtige Geschichtsbuch doch einen Einwand provoziert, dann einen philosophischen. Die NS-Moral, schreibt Gross, war eine "partikulare" Moral: eine, die nur innerhalb einer Gruppe und nicht universal galt. So viel ist klar. Aber liegt darin das Problem, wie Gross meint? Sind nicht am Ende alle Moralvorstellungen partikular? Nicht zuletzt jene, die vorgeben, immer und überall zu gelten?

Besprochen von René Aguigah

Raphael Gross: Anständig geblieben. Nationalsozialistische Moral
S. Fischer Verlag, Frankfurt am Main 2010
278 Seiten, 19,95 Euro
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