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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 07.02.2012

Die Suche nach der Identität

Eric Breitinger, "Vertraute Fremdheit. Adoptierte erzählen", Ch. Links Verlag, Berlin 2011

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Für adoptierte Kinder ist die Suche nach ihren biologischen Eltern sehr wichtig. (AP)
Für adoptierte Kinder ist die Suche nach ihren biologischen Eltern sehr wichtig. (AP)

Eine Adoption kann für alle Seiten eine große Chance sein, zeigt Eric Breitinger. Alle Adoptierten, die er untersucht hat, haben sich aber auf die Suche nach ihren biologischen Eltern gemacht. In der Kindheit fühlten sie sich fremd, die Recherche prägt ihre Suche nach Identität.

In ihrer Kindheit war der Spiegel Claudia Engelmanns Feind, denn er zeigte eine Wahrheit, die ihr alle anderen verschwiegen: "Ich war nicht das Kind meiner Eltern." Auch für Gioi Graves wurde der Blick in den Spiegel zum Schlüsselerlebnis. Im Alter von sechs Jahren realisierte er schlagartig, "dass ich anders aussah als alle anderen. Ich bin ein Fremdkörper."

Claudia Engelmann und Gioi Graves sind zwei von 16 mittlerweile zwischen 24 und 84 Jahre alten erwachsenen Adoptierten und früheren Pflegekindern, die der Buchautor und Journalist Eric Breitinger interviewt hat. In "Vertraute Fremdheit" erzählen sie davon, wie die Adoption ihr gesamtes Leben prägt, mit welchen Gefühlen sie zu kämpfen hatten, wie zentral die Suche nach den leiblichen Eltern für ihre Identität war und immer noch ist, welche Probleme in ihrem Leben immer wieder auftauchen und wie schwer es ihnen fällt, über all das zu reden.

Die Suche nach der Identität, die Frage "Wer bin ich?" steht im Mittelpunkt aller Gespräche. Auch wenn die Lebensgeschichten sehr unterschiedlich sind, ähneln sich die Beschreibungen frappierend: Alle Interviewten fühlten sich als Kind fremd, anders und nicht-zugehörig. Sie teilen die Erfahrung der Entwurzelung und des "Weggegebenseins" und leiden manchmal lebenslang an einem lädierten Selbstwertgefühl und Bindungsschwierigkeiten. Wussten sie nicht, dass sie adoptiert waren, haben sie es dennoch geahnt, und fast alle machten sich, nachdem sie freiwillig oder unfreiwillig aufgeklärt wurden, schließlich auf die Suche nach ihren leiblichen Eltern. Wie immer diese auch endete, umsonst war sie in keinem Fall, wie Gunda Borgeest stellvertretend für alle auf den Punkt bringt: "Ich hätte sonst immer im Konjunktiv gelebt, im Vielleicht. Die Begegnung hat mir einen großen Teil meiner Geschichte geschenkt."

Eric Breitinger hat sein Buch klug komponiert, denn er ergänzt die berührenden Lebensberichte mit Aussagen von Therapeuten und Adoptionsfachleuten. So kann er neueste Zahlen, Studien und Fakten bieten und sachlich fundiert etwa das Für und Wider von offenen Adoptionen oder von der Elternsuche via Facebook diskutieren. Damit gelingt ihm nicht nur ein komplexes Bild dessen, was es heißt adoptiert zu sein, sondern auch ein wissenschaftlich untermauertes.

Die Kombination aus Erlebtem und Fachwissen gehört zu den großen Stärken dieses nicht nur für Adoptierte und Adoptiveltern wichtigen und Mut machenden Buches. Imponierend sind sowohl die Offenheit der Interviewten und des Autors wie auch dessen Mut zum Urteil. Wie viele seiner Gesprächspartner verabscheut Breitinger nicht nur die Geheimnistuerei vieler Adoptiveltern, sondern macht sie geradezu als Hauptproblem für den lebenslangen Schlingerkurs vieler Adoptierter aus. Wenn er schreibt: "Kinder verkraften jedoch die Wahrheit - und zwar oft besser als ihre Eltern", ist das ein Plädoyer, sich ehrlich mit der Lebenssituation auseinander zu setzen. Denn dann ist Adoption eine große Chance - für alle Beteiligten.

Besprochen von Eva Hepper

Eric Breitinger, "Vertraute Fremdheit. Adoptierte erzählen"
Ch. Links Verlag, Berlin 2011
200 Seiten, 14,90 Euro

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