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Religionen / Archiv | Beitrag vom 08.12.2012

Die Stimme der geistlichen Dichtung im 20. Jahrhundert

Ralph Ludwig: "Jochen Klepper - Warum sich der Liederdichter in tiefer Not getragen fühlte", Wichern Verlag, 144 Seiten

Von Kirsten Dietrich

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Der Schriftsteller Jochen Klepper in einer zeitgenössischen Aufnahme. (picture alliance / dpa)
Der Schriftsteller Jochen Klepper in einer zeitgenössischen Aufnahme. (picture alliance / dpa)

Nach Verfolgungen durch die Nazis beging der Liederdichter und Theologe Jochen Klepper am 11. Dezember 1942 in Berlin mit seiner jüdischen Frau und deren Tochter Selbstmord. Zum 70. Todestag hat der Journalist und Theologe Ralph Ludwig eine Biografie Kleppers geschrieben.

" (Musik)"O Heiland reiß die Himmel auf
Die Nacht ist vorgedrungen, der Tag ist nicht mehr fern.""


Da meine schriftstellerische Arbeit mich vollkommen erhält ( ... ), ich mich außerdem, seit ich nur noch künstlerisch und ganz für mich arbeite, wohl und befriedigt fühle, habe ich nun mit der Theologie Schluss gemacht. ( ... ) Na, was ich in der Theologie gewollt habe, bleibt mir ja nach wie vor.

"Auch wer zur Nacht geweinet, der stimme froh mit ein. Der Morgenstern bescheinet auch deine Angst und Pein."

1937 schrieb Jochen Klepper das Werk, mit dem er am meisten im Gedächtnis geblieben ist: Das Adventslied "Die Nacht ist vorgedrungen". Das Lied entstand zu einem Zeitpunkt in Kleppers Leben, an dem vom Optimismus des schriftstellerischen Anfangs wenig geblieben war. Der Druck durch die Zensur der Nationalsozialisten lastete schwer auf Klepper: veröffentlichen durfte er nur mit Sondergenehmigung, denn Klepper hatte eine jüdische Frau geheiratet. Damit galt der Pfarrerssohn aus deutschnationalem Elternhaus als jüdisch versippt.

Ich will nichts sein als ein protestantischer Dichter.

Ralph Ludwig legt in seinem Porträt großen Wert auf die theologischen Wurzeln Kleppers – kein Wunder vielleicht, er ist selber evangelischer Theologe. Und er zeigt den gescheiterten Theologen, der gerne Pfarrer sein wollte und es doch nicht konnte, weil eben das Schreiben für ihn Selbstzweck war, nicht Dienst an der Gemeinde.

Ich habe es vor Berlin wirklich nicht gewusst, dass ich auf den Erfolg aus bin wie die Dohle auf was Glänzendes. Es widerspricht vielen Eigenschaften und Überzeugungen von mir, aber man muss es sich endlich einmal eingestehen, sonst wird man auch so ein ekelhafter Heiligtuer wie das Ganze Pack.

Vom künstlerisch interessierten Pfarramtskandidaten zum gläubigen Schriftsteller: Erst in Breslau, dann in Berlin baut sich Klepper ein Leben als Schriftsteller auf. [Mit einem Selbstverständnis als Vermittler zwischen weltlichem und geistlichem Milieu, das erstaunlich modern erscheint angesichts heutiger Versuche der Kirchen, über den Kreis ihrer engsten Mitglieder hinauszureichen.] Das Schreiben eines Buches ist für Klepper kein künstlerischer, sondern ein religiöser Vorgang – das ist wohl der zentrale Schlüssel für Kleppers Leben.

"Er weckt mich alle Morgen, er weckt mir selbst das Ohr ..."

Kleppers Lieder haben überdauert – seine Romane nicht. Nur einer kam über das Projektstadium hinaus. Aber als "Der Vater" veröffentlicht wurde, war Klepper einen Tag vorher aus der Reichschrifttumskammer ausgeschlossen worden. Die folgenden fünf Jahre in Kleppers Leben waren bestimmt vom Ringen um eine Zukunft für sich und seine Familie: eine Tochter überlebt in England. Die zweite scheint noch zu jung, Klepper und seine Frau Johanna möchten sie nicht gehen lassen. Scheidung steht für Klepper außer Frage. Doch alle Möglichkeiten scheitern, als Familie der drohenden Deportation zu entgehen. Der letzte Eintrag in Kleppers Tagebuch stammt vom 10. Dezember 1942:

Wir sterben nun – ach, auch das steht bei Gott – Wir gehen heute Nacht gemeinsam in den Tod. Über uns steht in den letzten Stunden das Bild des Segnenden Christus, der um uns ringt. In dessen Anblick endet unser Leben.

Ralph Ludwig zeichnet in seinem knapp gefassten Porträt das Leben eines Künstlers nach, der nie die Chance hatte, seine Berufung wirklich zu entfalten. Klepper war kein Mitläufer, aber auch kein Widerständler, er verweigerte sich dem, was im Nationalsozialismus opportun schien genauso wie der Gegenrede durch die Bekennende Kirche. Sein Leiden ist persönlich und privat und wird von Klepper einzig im Gespräch mit Gott und als Künstler zum Ausdruck gebracht. Dass er dabei Lieder geschrieben hat, die mit ihrer stillen Hoffnung das Leiden übersteigen, ist das eigentliche Wunder. Ob Klepper sich darin allerdings wirklich "in tiefer Not getragen fühlte", wie der Untertitel des Porträts verspricht – das bleibt nach der Lektüre von Ralph Ludwigs Biografie wohl eher eine Hoffnung als eine Gewissheit.

Ralph Ludwig: Jochen Klepper - Warum sich der Liederdichter in tiefer Not getragen fühlte erschienen in der Reihe "Wichern Porträts"
Wichern Verlag, Berlin 2012
144 Seiten, 14,95 Euro

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