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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 27.04.2007

Die Stadt, die Hitze, die Liebe und der Tod

Eli Amir: "Jasmin", C. Bertelsmann, 2007, 480 Seiten

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Blick auf den Tempelberg in Jerusalem (AP Archiv)
Blick auf den Tempelberg in Jerusalem (AP Archiv)

Eli Amir erzählt in seinem Roman "Jasmin" eine wundersame Geschichte aus dem Jerusalem des Jahres 1967: Nuri, ein junger, irakischstämmiger Israeli, arbeitet als Regierungsberater und verliebt sich in die schöne Palästinenserin Jasmin. Trotz des israelisch-palästinensischen Konflikts kommen sich die beiden langsam näher.

Städte gibt es, die scheinen als Schauplätze für Romane geradezu gemacht. Voraussetzung allerdings ist, dass sie überschaubar und dennoch von träumerischem Flair durchdrungen sind wie, sagen wir, Venedig, das ein jeder sofort Prickelndes mit ihnen assoziiert wie dies etwa bei Paris der Fall ist, dass in ihnen Bewegung herrscht wie in London oder New York, dass sie also den Rest der Menschheit ein klein wenig einschüchtern und doch heranlocken, dass die Balance von Fremdem und Vertrautem funktioniert: Bühne frei für Seite 1!

Eine Stadt - "Hoch da oben auf dem Hügel", heißt in einem Bestseller namens Bibel – vereinigt nun all diese Vorzüge in sich, besitzt jedoch gegenüber Rom noch den Vorteil, nicht etwa eine homogene Kultur in ihren Mauern zu bergen, sondern einen wahren Flickenteppich von Identitäten. Juden (säkulare, rechte, linke, orthodoxe und ultra-orthodoxe), Araber (säkulare, moderate, revolutionäre, fundamentalistische), dazu Armenier und ägyptische oder syrisch-koptische Christen, Lutheraner, Katholiken, Griechisch-Orthodoxe, von zugereisten Pilgern, Rucksacktouristen und frei vagabundierenden Irren ganz zu schweigen.

Es ist Sommer, es ist heiß, Konflikte liegen ebenso in der Luft wie Lüste, und wo Anfang der neunziger Jahre Robert Stone sein Epos "Das Jerusalem-Syndrom" beginnen lässt, tritt im Juni 1967 ein junger, irakischstämmiger Israeli namens Nuri just in dem Moment ins Geschehen, wo Muriel Sparks Roman "Das Mandelbaumtor" einst endete: Jerusalem nach dem Sechs-Tage-Krieg, "wiedervereint" nach israelischer (jedoch nicht ultraorthodoxer) Lesart, "besetzt" in den Augen der Araber, von denen einige sofort auf Revanche sinnen, andere auf den Faktor der längerfristigen demographischen Unterwanderung setzen, nicht wenige aber auch klammheimlich froh sind, die jordanischen "Brüder" nun gegen die zionistischen "Feinde" eingetauscht zu haben, von denen man sich die bitternötige Modernisierung des Ostteils der Stadt erhofft. Und es ist Sommer, und es ist heiß. Und Nuri, der Held in Eli Amirs vor zwei Jahren in Israel erschienenem und nun kongenial auf deutsch übersetztem 500-Seiten-Roman "Jasmin", wird sich dort als frischgebackener Verwaltungschef in die schöne Palästinenserin Jasmin verlieben, doch während beide bald durch Himmel und Hölle einer im Grunde genommen unmöglichen Liebe gehen, bleibt dem Leser jedes Kitschelement, jede billige Melodramatik erspart.

Ein Roman ebenso zum Schmökern wie zum Nachdenken, eine spannende Einführung in die hohe Schule des Wahrnehmens hunderter Widersprüche, die hierzulande stets negiert werden, wenn man über den so genannten "Nahost-Konflikt" palavert. Dieses Buch ist anrührend und gescheit, es setzt das Privateste in sein Recht gegenüber den großen Weltereignissen, ohne indessen simple Botschaften zu verkünden. Und Eli Amir, 1937 in Bagdad geboren, ist nicht nur einer der profiliertesten Autoren Israels, sondern auch ein Zeitzeuge, der weiß, wovon er schreibt – langjähriger Referent von Shimon Peres, lernte er Personen wie Teddy Kollek, Golda Meir und Jizhak Rabin als nächster Nähe kennen. Also Nuri, c´est moi"? Durchaus möglich, wenn auch für den Leser von nachgeordneter Bedeutung – angesichts eines hochkonzentrierten Lektüre-Glücks, das "Jasmin" für jeden bereithält, der schon nach dem allerersten Satz in den Bann dieser Geschichte gezogen wird. "Im Morgengrauen des 7. Juni 1967, einem Mittwoch, in den gnädigen Augenblicken des goldenen Sonnenaufgangs, spähte al-Said Antoine Salama, Mitglied des Senats des Haschemitischen Königreichs Jordanien, aus dem Fenster seines Hauses und sah eine Gruppe Soldaten, die sich mit müden, schweren Schritten näherten."

Rezensiert von Marko Martin

Eli Amir: Jasmin
Roman
Aus dem Hebräischen von Barbara Linne
C. Bertelsmann, München 2007
480 Seiten, Euro 21, 95 Euro

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