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Fazit / Archiv | Beitrag vom 17.05.2011

Die Stadt als Bühne der Geschichte

Das begehbare Stasi-Hörspiel in Berlin

Von Andrea Gerk

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Unterhalb des Fernsehturms auf dem Berliner Alexanderplatz in erhält der Zuhörer sein GPS-Telefon. (AP)
Unterhalb des Fernsehturms auf dem Berliner Alexanderplatz in erhält der Zuhörer sein GPS-Telefon. (AP)

Die Gruppe Rimini Protokoll wurde mit seinen dokumentarischen Arbeiten schon mehrfach zum Berliner Theatertreffen eingeladen. Diesmal hat die Gruppe während dieser Branchenolympiade mit einem Projekt Premiere, das sich entlang der Grenze zwischen Hörspiel und Theater bewegt: "50 Aktenkilometer. Ein begehbares Stasi-Hörspiel" lädt ein zu einer Sightseeingtour der etwas anderen Art.

"Telefonzentrale des zentralen Operativstabs des Ministeriums für Staatssicherheit
10 Uhr 31. / 10 Uhr 37 Bombe entschärft, alles andere kriegen wir dann von der VP noch genauer./ Wunderbar! Gut, ich danke. Mmh. Tschüss."

Das GPS-Telefon, mit dem man im ersten Stock des Fernsehturmpavillons am Alex ausgestattet wird, öffnet einem buchstäblich im Vorbeigehen die 140 "akustischen Blasen", in denen sich auch Fundstücke aus Archiven finden, aber auch immer wieder überraschende Begegnungen mit zentralen Orten und Gebäuden der Stadt:

"An der Pfote der BSTU. Das wusste ich bis vor Kurzem gar nicht, dass die BstU hier in dem Gebäude ist, denn das eine mal, wo ich rein durfte, das war im BSTU Magdeburg. So: Maeder, Florian ... Der Pförtner ist beschäftigt. Tuten ... "

Auskunftsfreudige Zeitzeugen hat die Gruppe Rimini Protokoll über anderthalb Jahre hinweg ausführlich befragt. Manchen fanden sie per Annonce, andere über das Studium von Akten oder über Hinweise von Kennern der Materie.

Möglichst unterschiedlich sollten die Haltungen der Einzelnen sein, um eine vielstimmige und stark kontrastierte Materialsammlung zu gewinnen. Helgard Haug von Rimini-Protokoll:

"Ich glaub', die Befürchtung ist ja immer zum einen, die Perspektive der Täter einzunehmen. Also zu sagen, man versucht sich da rein zudenken, warum so was überhaupt stattfand, also in welchem Umfang überhaupt observiert wurde, dass die Leute sich privat die ganze Zeit protokolliert haben oder bis ans Messer geliefert haben. Das find ich persönlich total interessant, zu fragen, warum ist das denn passiert und was für eine Rolle hätte ich denn da gespielt. Da ist, glaub ich – auch niemand so ganz frei davon."

Einen Tschekisten Chor hat man am Alexanderplatz schon länger nicht mehr zu hören bekommen – wie überhaupt bei diesem akustischen Parcours so einiges zur Sprache kommt, was - auch über 20 Jahre nach der Wende - noch immer für manche zu den eher unliebsamen Wahrheiten gehört:

"Salomea Genin: Die Stasi hat ja, konspirative Wohnungen eingerichtet, um sich mit ihren Informanten zu treffen. Die Wohnung war immer Teil eines ganz normalen Hauses, und hätte genauso aussehen können wie das Haus, wovor sie jetzt stehen. Wir saßen einander gegenüber, wir tranken Kaffee und aßen Kuchen und haben nett geplaudert. Und das nette Plaudern, der Inhalt des netten Plauderns war, was ich in den letzten zwei Wochen gemacht habe."

Wenn Salomea Genin scheinbar unbedarft über ihre Tätigkeit als Informelle Mitarbeiterin plaudert, Herr Röllig von seiner folgenreichen Romanze im Palast-Hotel erzählt, IM Peter die "Mengenlehre" der Stasi erläutert oder man zum Zeugen aufgeregter Observanten wird, die nicht ahnen konnten, dass sie selbst auch überwacht und kontrolliert wurden, dann wird die Vergangenheit auf beklemmende Weise lebendig.

Und je länger man sich auf diese Weise durch Berlins Mitte – zwischen Brandenburger Tor, Alexanderplatz, Schiffbauerdamm und Gendarmenmarkt - bewegt, umso mehr überlagern sich die bunten, von Touristen bestimmten Wege mit den grauen und grauenhaften Bildern der Vergangenheit. Dass man selbst auch noch hin und wieder ein SMS aufs Handy geschickt bekommt, auf dem man vor dem Überqueren der Straße gewarnt wird, an der man gerade steht, und einem geraten wird, das DDR-Museum doch besser auszulassen, könnte bei zarten Gemütern durchaus paranoide Gefühle auslösen. Ein minimalistisches Theater, bei dem man zunehmend sensibler wird für die eigene Wahrnehmung:

Helgard Haug: "Ich finde auch, es ist ne Stadtraumarbeit oder ne Stadtrauminszenierung, wo eben das, was du normal erlebst in dieser Stadt, das ganz alltägliche, wie ein Mensch auf ner Parkbank sitzt und vielleicht Zeitung liest oder auf sein Display guckt, wie das verstärkt werden oder umgewertet werden kann: Wenn du diese Audiofiles auf den Ohren hast, wenn es darum geht, wie Leute versuchen, sich unauffällig zu verhalten, wie Leute bestimmte Positionen einnehmen, wie sie sich gegenseitig beobachten. Und so wie ich dann das Gefühl habe, beobachtet zu werden, beobachte ich natürlich selber auch. Und das potenziert sich, glaube ich, sehr, wenn man da unterwegs ist."

Wenn man – je nach Kondition - nach zwei, vier oder auch acht Stunden dieser so gespenstischen wie erhellenden Stadterkundung in die "Kommandozentrale" zurückkehrt, bekommt man ein Protokoll des eigenen Rundgangs ausgedruckt, auf dem jeder Halt auf der Karte mit ebensolchen roten Blasen markiert ist, wie auf dem Faltplan, der einen in die Geschichte begleitet. Und spätestens dann versteht man, dass nur ein winziger Schritt entscheidet, auf welcher Seite eines Überwachungssystems man sich befindet.

Service:
Bis zum 13.6.2011 ist "50 Aktenkilometer" der Gruppe Rimini Protokoll in Berlin begehbar. Das Projekt läuft als Koproduktion zwischen dem Theater Hebbel am Ufer und dem Deutschlandradio und ist für Smartphone-Besitzer auch als Android-App von der Website der Radioortung herunterzuladen.

Das nächste Handyhörspiel findet in der Reihe Radioortung am 15. September 2011 statt: Dann werden Hofmann & Lindholm mit ihrem "Archiv der zukünftigen Ereignisse" die Reihe in Köln beschließen.

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