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Profil / Archiv | Beitrag vom 25.12.2010

Die Seelen der Instrumente

Der Klavier-Restaurator Arno Stocker

Von Jörg Oberwittler

Das Innere eines Flügels. Arno Stocker will den "Seelenhintergrund" der Instrumente aufspüren. (AP)
Das Innere eines Flügels. Arno Stocker will den "Seelenhintergrund" der Instrumente aufspüren. (AP)

Auf der Bühne singen, Klavier spielen – das scheint Arno Stocker unerreichbar in den 50ern. Er hat eine spastische Lähmung, seine Hände sind verkrampft, er kann kaum sprechen, sieht schlecht. Heute ist er weltweit anerkannter Klavier-Restaurator.

Berlin. Hochschule der populären Künste. Beinahe unscheinbar steht Arno Stocker inmitten von Studenten: Einzig sein eingeknickter Gang zeugt noch von seiner Behinderung. Ansonsten wenig Auffälliges: dezentes Brillengestell, legerer Kapuzenpulli, grauer Igel-Kurzhaarschnitt. Doch wenn er anschließend seinen Vortrag über das Klavier hält, sprüht er vor Anekdoten, kommt sein enormes Wissen zum Vorschein:

"Beethoven hat also in seinem Leben 47 Klaviere verbraucht. Er konnte sich keines dieser Instrumente selbst leisten. Das musste alles vom Adel finanziert werden, weil auch schon damals ein Klavier in erster Linie ein Elite-Instrument war und vergleichsweise so viel kostete wie ein kleines Stadthaus."

Der 54 Jahre alte Mann aus Bayern kann gar nicht aufhören zu erzählen. Nach zwei Stunden muss ihn seine Frau sanft an eine Pause erinnern. Dass Arno Stocker einmal vor Studenten referieren würde – nie hätten das Mediziner 1956 für möglich gehalten.

"Als ich auf die Welt kam, haben die Ärzte gesagt: Elf Minuten, Nottaufen und mal gucken, wenn wir ihn in den Brutkasten geben, wie weit es dann weitergeht. Die Prognose war: 'chancenlos'."

Im hessischen Offenbach kommt der Junge vier Wochen zu früh auf die Welt, leidet bei der Geburt unter Sauerstoffmangel. Arme und Beine sind verrenkt, die Augen halb blind, die Zunge blockiert. Die Mutter ist überfordert – der Vater abweisend: "Aus dem wird nie was." Arno Stocker bedauert,

"dass er auch heute noch kein Verständnis hat oder es nicht nachvollziehen kann, was mich von ihm unterscheidet. Ich habe weniger Geld als er, aber das reichere Leben."

Fortan wächst der Junge abwechselnd zu Hause und getrennt von seinen beiden Brüdern in einem Heim für Behinderte auf. Der Plattenspieler ist sein einziges Tor zur Außenwelt. Eine Platte seines Großvaters, der ihn fördert und für die Musik begeistert, hat es ihm besonders angetan: die von Enrico Caruso.

"Ich habe mir die halt, was weiß ich, 100 Mal am Tag reicht nicht, angehört, um dann dahinter zu kommen, wie Caruso das macht, was ich nicht konnte."

Und die Musik wirkt: Der damals Fünfjährige lernt sprechen. Seine Sonderschullehrerin erkennt sein Potenzial und bringt ihm Klavierspielen bei: Nimmt sich täglich Zeit, jeden verkrampften Finger auf die Tasten zu setzen und zu entspannen.

"Die Kunst hat sich für mich entschieden. Ich hab sehr früh erkannt, dass das mein einziger Weg aus der Isolation ist. Ich hatte das Glück, dass Menschen mir in meinem Leben den Weg gebahnt haben: Mein Großvater, die Callas, Caruso – das waren einfach zentrale Punkte in meinem Leben und sind es auch heute noch."

Als Sechsjähriger nimmt sein Großvater ihn mit zu einem Konzert von Maria Callas. Weil sie kein Geld haben, warten sie am Bühneneingang, die Operndiva hat Mitleid, es ist der Beginn einer jahrelangen Brieffreundschaft.

Als Arno Stocker 18 wird, lädt die Callas ihn zu sich aufs Musikkonservatorium nach New York ein. Parallel fängt er als Klavierstimmer beim Klavierbauer "Steinway" an, stimmt für berühmte Pianisten Flügel. Alles scheint gut zu laufen: Stocker macht sich selbstständig. Doch Schulden wachsen ihm über den Kopf, er muss ins Gefängnis wegen Konkursverschleppung. Was ihn am Leben hält, ist die Begabung.

"Du hast eine Begabung, die ist nicht dir gegeben worden, damit die im Dreck landet. Es ist, glaub ich, meine Bestimmung, Klaviere als Weltkulturerbe zu erhalten, um anderen Generationen, die nach uns kommen, noch die Möglichkeit zu geben nachzugucken: Wie klang denn das um 1910 oder wie klang denn das um 1880?"

Das reicht mir also nicht, Instrumente nur irgendwie mechanisch in Funktion zu bringen oder gebrauchsfähig zu machen. Ich möchte einfach den Seelenhintergrund, den so ein Instrument hat, möglichst nach draußen bringen."

Die Seele zum Vorschein bringen – das hat die Musik auch bei Arno Stocker geschafft. Fast scheint es, als ob er ihr dies zurückgeben will, indem er alten Instrumenten neues Leben einhaucht. Der Mann mit den weichen Händen strahlt einen ungeheuren Lebenswillen aus, hat sich gleichzeitig einen jungenhaften Charme bewahrt.

Heute baut und restauriert er mit seiner Frau Karin am Chiemsee Klaviere. Mit seinen Eltern hat er den Kontakt abgebrochen, auch seine beiden Brüder jahrzehntelang nicht mehr gesehen. Dass er und seine Frau keine Kinder haben, findet Arno Stocker nicht schade.

"Meine Kinder haben drei bis vier Füße, also: Klaviere und Flügel."

Vor einem Jahr hat er sich seinen Lebenstraum erfüllt und seinen ersten selbst gebauten Flügel vorgestellt. Der Name: "Maria". Wie Maria Callas. Er hat ein Buch über sein Leben geschrieben: "Der Klavierflüsterer" heißt es. Was würde der junge Arno zum Erfolg des heute Mittfünfzigers sagen?

"Er würde mir nicht immer auf die Schultern klopfen, also, er würde auf jeden Fall sagen: Nimm die Geschwindigkeit raus, nimm Dir einfach ein bisschen mehr Zeit. Nimm Dir auch ein bisschen mehr Zeit für Dich vielleicht."

Zum Thema:
Das Buch "Der Klavierflüsterer. Die wahre Geschichte eines unwahrscheinlichen Lebens" von Arno Stocker ist im Kailash-Verlag erschienen und kostet 17,99 Euro.

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