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Fazit / Archiv | Beitrag vom 06.03.2008

Die Seele als Mysterium

Siri Hustvedt über ihren Roman "Die Leiden eines Amerikaners"

Von Tobias Wenzel

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Das Schriftstellerehepaar Siri Hustvedt und Paul Auster in New York (AP Archiv)
Das Schriftstellerehepaar Siri Hustvedt und Paul Auster in New York (AP Archiv)

Wer Paul Austers letzten Roman "Reisen im Skriptorium" besonders aufmerksam gelesen hat, dem wird darin die Widmung aufgefallen sein: "Lloyd Hustvedt zum Andenken". Lloyd Hustvedt ist der Vater von Paul Austers Ehefrau, Siri Hustvedt. Spätestens seit ihrem Roman "Was ich liebte" hat Siri Hustvedt internationale Bekanntheit erlangt. Nun erscheint ihr neues Buch "Die Leiden eines Amerikaners". Ein Roman, der viel mit Hustvedts Vater zu tun hat.

Ein typisches Haus in Park Slope, einer edlen Wohngegend Brooklyns. Während sich Paul Auster in sein Arbeitszimmer zurückgezogen hat, sitzt seine Frau Siri Hustvedt, blonde Haare, hellblaue Augen, perfekte Zähne, auf dem Sofa. Die nackten Füße mit den rot lackierten Nägeln gucken aus der Jeans hervor, besonders dann, wenn sie die Autorin des Bestsellers "Was ich liebte" auf die Kante des Wohnzimmertisches aufsetzt und auf und ab wippen lässt. Wenn sie nachdenklich ist, ruhen ihre Füße. So auch, als sie über ihren neuen Roman "Die Leiden eines Amerikaners" spricht:

"Ich glaube, es ist ein Buch über das Seelenleben. Der Erzähler ist ein Psychiater und ein Psychoanalytiker. Deshalb kommen auch einige seiner Patienten im Buch vor. Zugleich handelt der Roman aber von dem Vater der Hauptfigur und davon, wie der Sohn mit dem Tod des Vaters umgeht. Zu dieser Geschichte hat mich mein eigener Vater inspiriert, der vor drei Jahren starb. Das Buch ist letztlich aus meiner Trauer heraus entstanden."

Bei der Lektüre von Siri Hustvedts eindringlichem Roman wird dem Leser schnell klar: Der Titel, "Die Leiden eines Amerikaners", meint nicht nur die Hauptfigur, den Psychiater und Psychoanalytiker Erik Davidsen, seinen Blick auf die Scheidung von seiner Frau und den Tod seines Vaters. Hustvedts Familienroman schildert gleich mehrere Leidensgeschichten. Da sind die zahlreichen Patienten von Davidsen. Und da sind die Großeltern von Erik Davidsen, deren bäuerliche Existenz während der Weltwirtschaftskrise zusammenbricht.

"Mein Vater ist in einer Immigranten-Gemeinde in Minnesota geboren worden. Seine Großeltern beider Seiten kamen aus Norwegen. Meine Großeltern hatten einen kleinen Bauernhof. Während der Rezession erlebten sie einen finanziellen Ruin und mussten ihren Hof aufgeben. Das ist die tragische Geschichte meiner Familie. Die Beziehung zwischen meiner Familie und meinem Buch ist komplex. Die Hauptfigur basiert auf meinem realen Vater, aber zugleich ist sie eine Figur, die ich erfunden habe."

Siri Hustvedt blickt kurz zu den drei farbenfrohen Gemälden auf, die über dem Klavier hängen: Variationen einer Schreibmaschine. Vielleicht Variationen der Olympia von Paul Auster? Dann die Autorin wieder ihr Gegenüber an und erzählt weiter von ihrem neuen Roman. Der Psychiater Erik Davidsen findet nach dem Tod seines Vaters ein Tagebuch und zahlreiche Briefe. Mit ihrer Hilfe versucht er seinem Vater näher zu kommen, ihn besser zu verstehen. Aber die Briefe und Tagebucheintragungen werfen neue Fragen auf. "Willst du ein Geheimnis wissen?" heißt es bezeichnender Weise an einer Stelle des Romans. Geheimnisse faszinieren Siri Hustvedt, besonders solche, die sich nicht so leicht lüften lassen. Wie die Träume in ihrem Roman:

"Mich interessieren Träume sehr. Träumen ist doch immer noch ein großes Mysterium. Niemand weiß genau, warum wir schlafen und warum wir träumen. Aber wenn wir träumen, passiert etwas sehr Emotionales. Und das findet teilweise Eingang in uns, ohne dass wir uns dessen immer bewusst sind, wenn wir wach sind."

Als traumhaft wurde der Schreibstil Siri Hustvedts bezeichnet. Traumhaft und zugleich traumwandlerisch wirken tatsächlich ihre Texte, auch "Die Leiden eines Amerikaners". Die Lektüre zu unterbrechen hieße aus einem faszinierenden Traum gerissen zu werden. Und genau das mag auch Siri Hustvedt nicht. Sie ist eine richtige Leseratte:

"Als Kind habe ich sehr viele Bücher gelesen. Ich liebte Bibliotheken. Ich erinnere mich immer noch an die kleine Bibliothek meiner Heimatstadt. und an die Schulbibliotheken. Als ich elf war, gab mir meine Mutter Gedichte von Emily Dickenson und William Blake. Sie haben mich überwältigt. So wurde ich zu einer besessenen Leserin. Heute lese ich jeden Tag einige Stunden nach dem Schreiben. Das hat auch damit zu tun, dass meine Tochter Sophie nun erwachsen ist und ich nicht mehr die große Verantwortung trage. Ich lese also sehr viel Wissenschaftsliteratur. Mich fesselt so etwas."

Die Romanfigur des Psychiaters Erik Davidsen und Siri Hustvedt haben also viel mehr gemein, als dass beide den Tod ihres Vaters verarbeiten. Hustvedts Hauptfigur wirkt nicht zuletzt deshalb so authentisch, weil sich die Schriftstellerin in den vergangenen drei Jahren intensiv mit der Hirnforschung und der Psychoanalyse befasst und außerdem depressive Menschen getroffen hat. Gerade hat Siri Hustvedt ihre nackten Füße mit den rot lackierten Nägeln auf der Tischkante wippen lassen. Nun lässt sie sie wieder ruhen:

"Einmal pro Woche unterrichte ich Patienten in einer Psychiatrie im kreativen Schreiben. Und die depressiven Patienten haben sich einfach aufgegeben. Es fällt ihnen sehr schwer, etwas zu schreiben. Ich war sicher schon mal traurig in meinem Leben. Aber eine dauerhafte Depression habe ich noch nicht erlebt. Mich interessieren die Mysterien der Seele. Pathologien geben uns einen Hinweis darauf, wie wir alle funktionieren, also darauf, was den Menschen zum Menschen macht."

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