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Kompressor | Beitrag vom 12.11.2019

Die Schönheit des StaubsUnser Leben, zerrieben in kleinste Teilchen

Von Cora Knoblauch

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Eine Wollmaus in Großaufnahme liegt auf dem Fußboden. (Cora Knoblauch)
Am Hausstaub lässt sich auch abseits von Hygienestandards ablesen, wie wir leben. (Cora Knoblauch)

Staub ist den meisten Menschen lästig. Dabei verrät er fast alles über die Bewohner einer Wohnung - inklusive Essgewohnheiten und gerade durchgestandener Erkältungskrankheiten. Eine Suche nach der Schönheit des Staubs.

Bevor ich die Staubforscherin und Theoretikerin Bettina Vismann zu Hause besuche, robbe ich noch schnell unter mein Sofa, um ein paar dicke Staubmäuse einzusammeln: wattig-weich und grau, eine Ansammlung von Stoffpartikeln, Haaren und Hautschuppen. Doch ausgerechnet heute finde ich dort keine. Bettina Vismann ist nicht überrascht: "Das ist das Wesen des Staubes. Der macht was er will. Autonomer geht’s gar nicht."

Staub schwebt, während alles andere zu Boden sinkt. Wenn die Sonne durch die Fenster scheint, sehen wir die Staubteilchen milliardenfach durch die Luft wirbeln, gleiten und segeln. Staub ist immer um uns, an uns, er ist exakter und persönlicher als jeder Fingerabdruck. Und wir produzieren ihn permanent selbst: "Man denkt immer, der kommt von draußen, aber der kommt natürlich von uns selber."

Staub ist sozusagen unser eigenes Leben - zerrieben in kleinste Teilchen. Er verrät fast alles über uns: ob wir Nichtraucher sind, Haustiere haben, welche Kleidung wir tragen, was wir essen und unter welchen Krankheiten wir gerade leiden.

"Was interessant ist: Staub ist bis heute das letzte mit dem bloßen Auge Wahrnehmbare. Dadurch ist er auch ein Tor in den unsichtbaren Bereich. Und das hat in der Wissenschaft ganz viele Theorien hervorgebracht." Viele Physiker haben sich mit Staub befasst: Albert Einstein zum Beispiel und der Naturwissenschaftler John Tyndall. Auch Walter Benjamin schreibt in seinem Passagen-Werk über Staub.

Kann man Staub eigentlich hören? "Ja. Das ist ganz verrückt. Auf der Platte zum Beispiel, wenn er sich in die Rillen setzt. Das Knistern und Knacken …"

Die verschiedenen Arten des Staubs

Die grauen Staubhäufchen unterm Sofa und hinter der Tür gelten als Lagerstaub, lerne ich. Der permanent um mich herum segelnde Staub ist sogenannter schwebender Staub. Und der ist beinahe noch autonomer als der lagernde. Die winzige Staubpartikel fliehen vor uns, wenn wir sie fangen wollen und bappen sich scheinbar zielsicher und wie festgeklebt an Gegenstände. Kleine Staubmäuse wachsen rasch an zu immer größeren, denn: Lagerstaub zieht durch seine elektrostatische Aufladung noch mehr Staub an sich. Und hat übrigens nicht in allen Zimmern einer Wohnung dieselbe Farbe. Die Staubmäuse in meinem Wohnzimmer sind rötlich grau, im Schlafzimmer eher bläulich. Kleidung, Polstermöbel, Bettwäsche und vor allem Haut und Haare hinterlassen kleinste Farbpigmente im staubigen Fingerabdruck der jeweiligen Zimmer.

Unauffällig schmule ich bei der Staubforscherin Bettina Vismann in die Zimmerecken ihrer Wohnung. Doch da sieht es nicht staubiger aus als bei mir zuhause. Ist es möglich, dass der Staub weniger wird, wenn ich Frieden mit ihm schließe? Ihn einfach ignoriere? Staubforscherin Bettina Vismann erzählt von Quentin Crisp – britischer Dandy, Exzentriker und Autor. Sting widmete der Schwulenikone Crisp seinen Song "Englishman in New York".

Wohnung putzen lohnt sich nicht

Crisp lebte in den 80er-Jahren in einem Apartment in New York und stellte dort folgende Theorie auf: Nach vier Jahren hat die Staubanlagerung in einer Wohnung ihren Höhepunkt erreicht - danach wird’s nicht mehr, der Staub zerfällt. Crisp reinigte sein New Yorker Apartment über fünf Jahre nicht. Es muss furchtbar gerochen haben. Er selbst sah übrigens stets aus wie aus dem Ei gepellt.

Ein Journalist fragte ihn einmal, wie es sein kann: dieses verdreckte, staubige Apartment und im Gegensatz dazu Crisps gepflegte, äußere Erscheinung. Die Antwort von Crisp: "Wenn ich die Zeit damit verbracht hätte, das Apartment zu reinigen, gäbe es keine Erscheinung." ("If I would have spend the time cleaning the apartment – there wouldn′t be an appearance.")

Klar, wer viel putzt, hat eben auch weniger Zeit für andere Dinge. Man muss es natürlich nicht machen wie der Dandy Crisp. Aber: weniger saugen, mit dem eigenen Staub leben und akzeptieren "dass er ein Tor ist in ein empirisches Denken. Der Staub ist Medium, er ist Material, er ist Feind, er ist Störung. Das ist eigentlich das Schöne daran."

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(Deutschlandfunk Kultur, Zeitfragen, 29.08.2017)

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(Deutschlandfunk, Essay und Diskurs, 17.08.2014)

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Fazit

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