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Fazit / Archiv | Beitrag vom 09.10.2008

Die Schlächter der Bronzezeit

Sensationsfund in Mecklenburg-Vorpommern

Von Almuth Knigge

In einem Flusstal bei Altentreptow in Mecklenburg-Vorpommern wurden in den vergangenen Jahren zahlreiche Skelettreste mit Verletzungsspuren und Waffen gefunden. Untersuchungen ergaben: Die Funde sind rund 3300 Jahre alt und damit der späteren Bronzezeit zuzuordnen. Wenn es sich tatsächlich um ein Schlachtfeld aus dieser Epoche handeln sollte, müsste unser Bild von der Bronzezeit möglicherweise revidiert werden.

Der Schädel des jungen Mannes ist durch die lange Zeit im Moor dunkelbraun und weist mitten auf der Stirn ein "Golfball-großes Loch" auf, sein Gebiss allerdings ist noch fast vollständig erhalten. Kein Karies konnte es zerstören, dafür ist er wohl zu jung gestorben.

Alm968558, so haben ihn die Wissenschaftler, die ihn gefunden haben, genannt, muss eines gewaltsamen Todes gestorben sein, durch einen Schlag mit einem stumpfen Gegenstand – vor rund 3200 Jahren. Sein Grab - das malerische Tollensetal.

Kilometerlang und friedvoll plätschert die Tollense in zahllosen Schleifen durch eine weitgehend unberührte Niederung. Heutzutage ein Urlaubs-Idyll für den ruhesuchenden Touristen. Vor 3200 Jahren könnte sie hier ein ganz anderes Szenario abgespielt haben. Denn neben dem Schädel von ALM 968558 haben Archäologen im Morast des Flusses noch zahlreiche andere Knochen gefunden – und Waffen. Holzwaffen – eine Art bronzezeitlichen Baseballschläger, einen Holzhammer.

"Das heißt, das ganze Ausmaß unseres Fundplatzes deutet darauf hin mit inzwischen schon über 50 Individuen, die da gefunden wurden, ohne dass wir groß gegraben hätten, zeigt, dass da eine große Zahl von Individuen liegt. Die Datierung spricht dafür, dass ein kurzer Zeithorizont erfasst ist und das sind erste Hinweise darauf, dass schon das Ausmaß überrascht in dem Maße, wie hier Menschenreste an einem Ort offensichtlich in kurzer Zeit hingekommen sind, die in verschiedener Hinsicht auch Spuren von massiver Gewalt zeigen."

Erst im Frühjahr dieses Jahres hat ein Forscherteam um den Historiker Thomas Terberger von der Universitär Greifswald begonnen, das Flusstal bei Altentreptow systematisch zu untersuchen. Zuvor hatten sich Meldungen von Knochenfunden in der Gegend gehäuft. Zunächst analysierten die Forscher die bereits gefundenen Menschenknochen, datierten sie mit Hilfe von Radiokarbon-Analysen und schickten im Sommer schließlich Taucher in den Fluss, die tatsächlich zahlreiche weitere Funde machten. Überraschend: nicht nur die Zahl der Knochenreste, sondern auch ihre Streuung. Die menschlichen Überreste waren über eine Länge von mehr als einem Kilometer verteilt und stammen alle aus einer Zeit. Die meisten der Opfer waren Männer im Alter zwischen 20 und 40 Jahren, darunter aber auch junge Frauen und Kinder, viele wiesen Anzeichen von Gewalt auf. Pfeilspitzen im Oberarmknochen, gebrochene Oberschenkelknochen, gespaltene Schädel.

"Das sind ja keine Dinge, die als Jagdunfall mal so nebenbei passieren in dieser Frequenz, dazu kommen Schädelverletzungen, die nicht durch einen Unfall zu erklären sind. Alles zusammen halten wir es für wahrscheinlich, dass hier Kampfhandlungen stattgefunden haben."

Ein Schlachtfeld aus der Bronzezeit? Das wäre in Mitteleuropa ein bislang einzigartiger Fund. Die Vermutung liegt nahe und wirft doch gleichzeitig neue Fragen auf.

"Die Vorstellung, dass Menschen auch schon in der Vergangenheit auch in der Bronzezeit Konflikte hatten, ist ja naheliegend. Aber man muss bedenken, einmal einen Fundplatz zu entdecken, der tatsächlich solch eine Schlacht oder so etwas erhalten hat, die sind verschwindend gering. Und wir haben jetzt einen Fundplatz, an dem wir erstmals nach unserer Meinung zeigen können, wie solche Schlachten, welches Ausmaß sie gehabt haben können."

Allein dass es eine Schlacht solchen Ausmaßes gegeben haben könnte, ist schon eine kleine Sensation. Hatte man bislang doch vermutet, dass frühere Funde von Waffen aus Bronze für den Träger eher als Prestigeobjekt galten. Dass es noch keine großen sozialen Unterschiede gab und die Menschen weitgehend friedlich miteinander umgegangen sind. Die Funde in Mecklenburg-Vorpommern scheinen der Beweis zu sein, dass es nicht so war.

"Was die Sozialstrukturen der Bronzezeit angeht, haben wir schon immer geahnt, weil in dieser Zeit doch Gräber mit Waffenfunden auftreten, dass es hier zu einer Differenzierung der in der Gesellschaft gerade im zweiten Jahrtausend kommt. Dass wir nun aber auch hier Holzwaffen finden, ist der Hinweis darauf, dass wir ein gesamtes Bild der Gesellschaft wenn Sie so wollen bekommen, dass was wir normalerweise nicht haben. Wir sehen vor allem immer die reichen Leute, die ausgestattet sind mit solchen Bronzewaffen, und wo wir immer gedacht haben, sie seien mehr Prestigewaffen als nun wirklich Funktionalwaffen."

Auch Pferdeknochen und Schmuckstücke kamen bei den Ausgrabungen ans Licht. Waren an der Schlacht also auch berittene Kämpfer beteiligt? Kamen sie aus dem Süden, um neues Terrain zu erobern? Erste mineralogische Untersuchungen der Knochen deuten darauf hin, dass einige der Opfer unter Eisenmangel litten. Was ist passiert im Tollensetal – vor 3500 Jahren. Neben Ausgrabungen sollen Analysen des Erbguts zeigen, ob es zwischen den Toten familiäre Bindungen gab. Geologen und Botaniker sollen helfen, ein Bild von dieser Kulturlandschaft während der Bronzezeit zu entwickeln. Egal, welches Bild sich in ein paar Jahren ergibt - Terberger und seine Kollegen sind sich einig, dass ihnen ein sensationeller archäologischer Fund gelungen ist.

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