Die Schattenseiten der Schönheit

Oliver Hermanus, Regisseur aus Südafrika © picture alliance / dpa
Von Leonie March · 21.07.2011
In der südafrikanischen Hafenstadt Durban beginnt heute das internationale Filmfestival. Zu den Nachwuchstalenten im Wettbewerb gehört der Regisseur Oliver Hermanus. Sein Film "Schönheit" erzählt von einem homosexuellen Familienvater, dessen Leben durch einen jüngeren Mann aus den Fugen gerät.
Gerade hat Oliver Hermanus einen Workshop mit südafrikanischen Filmstudenten geleitet, jetzt sitzt er entspannt im Café. Ein gut aussehender dunkelhäutiger Mann mit wachen braunen Augen. Mit 27 Jahren gehört er eigentlich selbst noch zu den Küken der Branche. Er lächelt verschmitzt, zeigt auf ein paar graue Haare an der Schläfe.

Der Weg war nicht einfach, betont Hermanus, den südafrikanische Kritiker heute als eines der viel versprechendsten Regie-Talente Südafrikas feiern. Er wuchs in Kapstadt auf, behütet, in einem zu Apartheid-Zeiten farbigen Viertel.

"Das Interessante an meiner Familie ist, dass mein Vater das Glück hatte zu studieren. In der Verwandtschaft war er der erste. Das hat uns Geschwister und auch meine Mutter geprägt. Sie hat nicht einmal die Oberschule abgeschlossen. Durch die Bildung meines Vaters hatten wir Zugang zu Wissen, haben einen Einblick bekommen, was in der Welt geschieht. Meine Eltern sind beide sehr politische Menschen. Sie gaben mir und meinen Geschwistern Raum uns kreativ auszuprobieren. Sie gingen mit uns auch ins Kino, in ausgewählte, besondere Filme."

Nun laufen dort seine eigenen Filme. 2009 wurde sein Spielfilm-Debüt "Shirley Adams" auf internationalen Festivals mehrfach ausgezeichnet, sein zweites Werk "Skoonheid" feierte in Cannes Premiere. Doch als erfolgreich empfindet sich Oliver Hermanus deshalb nicht. Er übt sich in Bescheidenheit, und man glaubt es ihm.

"Der Erfolg eines Filmes, das hat mich ein sehr guter Regisseur gelehrt, misst sich daran, ob man danach einen neuen Film drehen kann. So einfach ist das."

Der berühmte Filmemacher, der ihm diesen Rat auf den Weg gegeben hat, war Roland Emmerich. Die Geschichte klingt wie ein Drehbuch aus Hollywood. Emmerich suchte damals in Kapstadt nach Schauplätzen für seinen neuesten Blockbuster, Oliver Hermanus, frisch von der Uni, arbeitete als Bildjournalist. Die beiden trafen sich durch einen gemeinsamen Bekannten. Der junge Südafrikaner nutzte die Chance, erzählte von seinem Traum eine Filmakademie zu besuchen. Emmerich versprach, das Studium an der renommierten London Film School zu finanzieren. Einzige Bedingung: die Aufnahmeprüfung zu schaffen. Der gerade einmal 23-Jährige nahm die Hürde, zog von Kapstadt nach London. Der Hollywood-Regisseur ist bis heute ein wichtiger Mentor geblieben.

"Roland Emmerich ist einfach brillant, wenn es darum geht, mir bei diversen Schwierigkeiten zu helfen. Immer, wenn ich in Panik gerate und nicht weiß, was ich tun soll, schicke ich ihm diese verzweifelten E-Mails. Er hat das alles schließlich selbst schon durchgemacht und beruhigt mich. Er betont immer, dass ich mich nur auf meinen Film konzentrieren und alles andere ausblenden soll."

Stilistisch könnten die Filme von Mentor und Schüler nicht unterschiedlicher sein. Wo Emmerich mit Soundeffekten arbeitet, setzt Hermanus auf Stille. Lange Einstellungen statt schneller Schnitte. Gesellschaftsstudien statt Endzeitszenarien. Er lässt sich Zeit mit der Entwicklung seiner Protagonisten. Einsame Figuren, ihrem Schicksal ausgeliefert. Sein Debüt ist ein bedrückendes Porträt einer Mutter, die ihren querschnittsgelähmten Sohn pflegt. Sein aktueller Film "Skoonheid" – auf Deutsch Schönheit - erzählt von einem homosexuellen Familienvater, dessen Leben durch einen jüngeren Mann aus den Fugen gerät.

"Ich zeichne die Geschichte von einzelnen Figuren nach, denen etwas widerfährt. Sie sind in gewisser Weise wie Schnipsel aus dem Leben in Südafrika. 'Shirley Adams' war eine Reaktion auf die Umgebung, in der ich aufgewachsen bin. In meinem neuen Film steht dagegen eine Idee im Mittelpunkt, eine Meinung, mit der ich mich auseinandersetze."

In dem Afrikaans-sprachigen Film geht es um die Sehnsucht nach Schönheit, die sich zu einem Wahn steigern kann, um unerfüllte Träume, die Suche nach Glück und um Homosexualität in Südafrika.

"In einigen afrikanischen Ländern ist Homosexualität noch ein Verbrechen, auf das die Todesstrafe steht. In Südafrika sind die Rechte der Schwulen dagegen in der Verfassung verankert, sie können heiraten, Kinder haben und ein ganz normales Leben führen. Auf dem Papier sieht das alles also fantastisch aus, aber in der Realität gibt es immer noch viele Tabus - sowohl bei Weißen als auch bei Schwarzen und Farbigen. Viele kommen vom Land in die Oase Kapstadt. Es ist tragisch, wenn man seine Heimat hinter sich lassen muss, um man selbst sein zu können."

Oliver Hermanus blieb in seiner Heimatstadt. Wenn er nicht gerade verreist ist, lebt er allein in einer Wohnung in Kapstadt. Zu seinen Eltern und Geschwistern hat er engen Kontakt. Sein neuer Film läuft in Südafrika bald landesweit an. Die Reaktionen seiner Landsleute sind ihm besonders wichtig. Das sei der wirkliche Test, meint er lächelnd.

Durban International Film Festival