Die Rückkehr der edlen Wilden

Von Hans Christoph Buch · 17.09.2007
Das doppelte Gedenken an 11. September und Deutschen Herbst, Bin Laden und RAF hat eine Springflut von Fernsehfilmen und Stellungnahmen hervorgebracht, die den Eindruck erweckt, es sei alles gesagt. Aber der Augenschein täuscht, denn die routinierte Gedenkindustrie, die sich beider Ereignisse angenommen hat, schafft das Entsetzen darüber, was Menschen einander antun, nicht aus der Welt und sie wirft mehr Fragen auf, als sie beantwortet.
Die Frage zum Beispiel, ob die von Baader und Ensslin gemobbte Ulrike Meinhof wirklich aus der RAF aussteigen wollte, und ob das als Beweismittel angeführte Tonband mehr enthält als eine bloße Beschimpfung des Gerichts, wie sie in Stammheim gang und gäbe war. Zweitens die Frage, ob die DDR-Staatssicherheit erst nachträglich auf den fahrenden Zug aufsprang oder von Anfang an Trittbrettfahrer des Terrors war: Bekanntlich wurde der als Kurier und Waffenbeschaffer tätige RAF-Anwalt Klaus Croissant nach der Wende als Stasi-IM enttarnt. Drittens und letztens die Frage, was der spätere Bundesinnenminister Otto Schily über das Kommunikationssystem der RAF, ihre Taktik und Strategie wusste und für sich behielt: Schilys Schweigen ist beredt, denn als Verteidiger trug er zur Verbreitung der Propagandamär bei, die Häftlinge seien vom Staat gefoltert und ermordet worden.

Aber ich bin kein Terrorismusexperte und habe nicht vor, einer zu werden – im Gegenteil: Die mediale Aufarbeitung des RAF-Terrors zeigt, wie lückenhaft, fragwürdig oder falsch die persönliche Erinnerung ist und dass Zeitzeugenschaft allein nicht genügt, um sich zum Richter über die Vergangenheit aufzuwerfen.

Ein anderes Problem treibt mich um: Die Frage nämlich, wie es kommt, dass die Opfer des Terrors zunehmend aus dem Blickfeld geraten, während die zu Zeitzeugen geadelten Täter den Opferstatus für sich beanspruchen. Im Nachhinein wollen alle Opfer gewesen sein. Das gilt nicht nur für die RAF, sondern auch für den 11. September 2001: Abstruse Verschwörungstheorien haben Hochkonjunktur, denn sie erlauben es Deutschland und dem Rest der Welt, sich als Opfer einer US-Geheimdienstintrige zu fühlen und die amerikanischen Opfer aus dem Gedächtnis zu tilgen. Die Angehörigen der Opfer erscheinen als lästige Querulanten, während frühere RAF-Terroristen sich achselzuckend oder Mitleid heischend als verfolgte Unschuld und Opfer der Zeitumstände gerieren, an denen nachträglich nichts zu ändern sei. Dass NS-Verbrecher und DDR-Täter sich zu Mitläufern stilisierten, ist bekannt. Neu hingegen ist, dass Kronzeugen wie Peter-Jürgen Boock ihr Expertenwissen nicht en gros, sondern en detail vermarkten, um die Nachfrage anzukurbeln und den Preis in die Höhe zu treiben.

Der windige, äußerst geschäftstüchtige Boock war einer jener Fürsorgezöglinge, die von Ulrike Meinhof zur Avantgarde der Revolution ernannt wurden, weil sie außer ihren Ketten angeblich nichts zu verlieren hatten. Heute ist schwer nachzuvollziehen, dass die wahnwitzige Idee, das Lumpenproletariat an die Stelle des Proletariats zu setzen, damals bis ins liberale Bürgertum hinein Fürsprecher fand, wie überhaupt die Sympathisanten der RAF mehr Rätsel aufgeben als der harte Kern. Hinter der Verklärung der Trebegänger als Subjekt und Objekt der Revolution steckte der aus dem 18. Jahrhundert stammende Mythos vom edlen Wilden, der nicht nur in Europa verbreitet war: Fast zeitgleich mit den Aktionen der RAF rekrutierten Kambodschas Rote Khmer ihre Killerkommandos unter im Dschungel lebenden nationalen Minderheiten, die leichter zum Töten zu drillen waren als die Stadtbewohner. Pol Pot war seiner Zeit voraus, wie das Beispiel afrikanischer Kindersoldaten zeigt. So besehen ist der Terrorismus keine politische, sondern eine ethische Verirrung, die mit der Pervertierung der Moral beginnt. Gottes Gebot ‚Du sollst nicht töten’ wird in sein Gegenteil verkehrt: Zur Durchsetzung meiner hehren Ziele darf, ja muss ich töten. Dies war und ist der kleinste gemeinsame Nenner des Anschlags vom 11. September wie der Morde der RAF.

Hans Christoph Buch, 1944 in Wetzlar geboren, wuchs in Wiesbaden und Marseille auf und las im Jahr seines Abiturs (1963) bereits vor der Gruppe 47. Mit 22 Jahren veröffentlichte er seine Geschichtensammlung "Unerhörte Begebenheiten". Ende der 60er Jahre verschaffte er sich Gehör als Herausgeber theoretischer Schriften, von Dokumentationen und Anthologien. Auch mit seinen Essays versuchte er, politisches und ästhetisches Engagement miteinander zu versöhnen. Erst 1984 erschien sein lang erwartetes Romandebüt: "Die Hochzeit von Port au Prince". Aus seinen Veröffentlichungen: "In Kafkas Schloß", "Wie Karl May Adolf Hitler traf", "Blut im Schuh". 2004 erschien "Tanzende Schatten".