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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 07.05.2007

Die Rituale der Herkunft

Naomi Alderman: "Ungehorsam", Berlin Verlag 2007, 240 Seiten

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Die Heldin des Romans wuchs in einer jüdischen Gemeinde eines Londoner Vororts auf.  (Stock.XCHNG / Viajero Viajero)
Die Heldin des Romans wuchs in einer jüdischen Gemeinde eines Londoner Vororts auf. (Stock.XCHNG / Viajero Viajero)

Naomi Aldermans erster Roman dreht sich um grundlegende Fragen: Wie soll man leben? Wie kann man leben? Welchen Platz findet man im Glauben oder außerhalb des Glaubens? Was ist Wahrheit? Wie viel Wahrheit vertragen Menschen? Das Werk beeindruckt durch die differenzierte Personenzeichnung, die trotz der existentiellen Problematik nicht ohne (Selbst-)Ironie ist.

Nach dem Tod ihres Vaters, eines berühmten Rabbis, reist die erfolgreiche Börsenanalystin Ronit Krushka aus New York zum ersten Mal seit vielen Jahren zurück nach England. Sie ist im Londoner Vorort Hendon in einer orthodoxen jüdischen Gemeinde groß geworden; aus der Enge des Lebens dort ist sie mit 18 geflohen. Nun kehrt sie zurück und trifft unerwartet auf Esti, ihre erste große Liebe, die mittlerweile mit Ronits Cousin Dovid verheiratet ist. Für alle drei, für Ronit, Esti und auch für Dovid beginnt eine Zeit der Erinnerung und der Neu-Orientierung.

Ronit, Esti und Dovid kennen sich seit ihrer Kindheit. Nach Ronits Weggang hatte Esti Dovid geheiratet, den Gefährten ihrer Kindheit, ohne je aufzuhören, Ronit zu lieben. Ronit, die Rebellin, hatte sich vermeintlich von ihrer Vergangenheit im allzu engen Hendon endgültig verabschiedet. Sie legt sich sexuell nicht fest, hat einen verheirateten Liebhaber und führt ein unabhängiges Leben.

Nun merkt sie, dass sie tiefer im Glauben und in den Ritualen ihrer Herkunft verwurzelt ist als sie gemeint hatte. Dovid muss sich als designierter Nachfolger des Rabbis Rav Krushka mit seiner künftigen Rolle auseinandersetzen, der er nicht gewachsen zu sein glaubt — und mit dem möglichen Scheitern seiner Ehe.

Der Roman ist in zwei Druckbildern gestaltet, die das Aufeinanderprallen zweier unvereinbar scheinender Welten symbolisieren. Das eine steht für die Perspektive Ronits, die sich mit Schnoddrigkeit, betont weltläufiger Liberalität und unablässigem Reden vor der Einsamkeit und Enttäuschung zu retten sucht, die ihr Leben bestimmen, ohne dass sie es sich immer eingesteht.

Das andere steht für die schweigsame, überangepasste und doch immer am Rande ihrer Gesellschaft stehende, als sonderbar bekannte Esti und ihr Leben im Regelwerk der orthodoxen Gemeinde, das ihr Sicherheit gibt und sie zugleich einengt. Diese Teile werden jeweils eingeleitet durch kurze Zitate aus jüdischen Gebeten, dem Alten Testament oder Sprichwörtern und kurzen Reflexionen, die stets im Zusammenhang mit den Geschehnissen des Kapitels, das heißt mit der Suche der Figuren, stehen.

Denn der Roman dreht sich um grundlegende Fragen: Wie soll man leben? Wie kann man leben? Welchen Platz findet man im Glauben oder außerhalb des Glaubens? Wann sind Rituale und äußere Formen wichtig, mit wie viel kann oder muss man sich arrangieren? Was ist Wahrheit? Wie viel Wahrheit vertragen Menschen? Wie viel Wahrheit vertragen Liebende? Wie soll man mit dem Wort umgehen? Wann ist Schweigen gut?

Die psychoanalysierte Ronit schützt sich durch Reden, das oberflächlich bleibt; sie lernt, manchmal das Schweigen zu schätzen. Esti schweigt und verschweigt damit Wichtiges. Sie lernt, dass sie manchmal reden muss. Esti entscheidet sich — entgegen allen liberalen Überzeugungen unserer scheinbar so aufgeklärten Gegenwart — ihrem lesbischen Begehren nicht nachzugeben, sondern ihr traditionelles Leben mit einem liebevollen Ehemann weiter zu führen, und sie wird auf ihre Weise glücklich.

Ronit kehrt nach New York zurück und findet mehr Klarheit über ihr Leben, das auf andere Weise als das Estis gleichsam zwischen den Stühlen stattfindet: Sie kann keine orthodoxe Jüdin sein, und sie kann auch nicht keine orthodoxe Jüdin sein. Nicht jedem Ruf, so erkennt sie, muss man folgen.

Naomi Aldermans erster Roman beeindruckt durch die differenzierte Personenzeichnung, die trotz der existentiellen Problematik nicht ohne (Selbst-)Ironie ist, und durch den souveränen Umgang mit der komplexen Problematik. Das breite sprachliche Spektrum verleiht allen Figuren, Problemen und Kontexten einen unverwechselbaren Stil und sorgt dafür, dass der Roman nie langweilig, pathetisch oder unglaubwürdig wird. Eine unbedingt empfehlenswerte Lektüre.


Rezensiert von Gertrud Lehnert


Naomi Alderman: Ungehorsam
Aus dem Englischen von Christiane Buchner und Miriam Mandelkow.
Berlin Verlag 2007, 240 Seiten, 19,90 Euro

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