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Länderreport / Archiv | Beitrag vom 26.02.2013

Die Rhön - Landschaft der Träume

Zwischen Tradition und Zukunft

Von Bettina Weiz

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Blick vom Kreuzberg über die Rhön (picture alliance / dpa Foto: Klaus Nowottnick)
Blick vom Kreuzberg über die Rhön (picture alliance / dpa Foto: Klaus Nowottnick)

Die Bayern sind stolz auf ihre Kulturlandschaft. Aber es allen im Freistaat recht zu machen, ist nicht einfach. Klimaschutz oder Förderung der Biodiversität? Energieausbeute oder Heimatschutz? Landschaftspflege oder Massentourismus? Die Ansichten darüber gehen auseinander.

Hangwiesen über Unsleben

"Das Erlebnis, hier zu sein, das ist einfach schön. Und der Ausblick hier ..."

Wenn Gerd Frickel im Sommer das Heu am Hang über dem unterfränkischen Flüsschen Streu zusammenrecht, stellt er hin und wieder mal den Rechen gerade, richtet sich auf und nimmt sich die Zeit, seinen aussichtsreichen Arbeitsplatz zu genießen. Meistens bei einer Zigarette zwischendurch.

"Hier sieht man Unsleben, das Dorf, man sieht in die Hohe Rhön, man sieht den Kreuzberg, Heidelstein, man sieht in Königshöfer Gau ..."

Als der Fünfzigjährige mit dem Ohrring noch ein Kind war, hörte für ihn die Welt kurz hinter Unsleben auf. Dort verlief nämlich die Grenze zur DDR. Gerd und die anderen Jungen aus dem Dorf sahen jedem Auto nach, das nicht das örtliche Autokennzeichen hatte oder das von Grenzschutz oder Bundeswehr. DER Ausweg aus der Enge des tief eingeschnittenen Tals war der aussichtsreiche Hang hinter dem Dorf. Zugleich war er ein phantastischer Spielplatz.

"Z.B. Feuerchen gemacht. Reifen den Hang runter rollen, z. B. im Winter war hier auch die Schlittenbahn, das war einfach der Anziehungspunkt für alle, nicht nur für mich."

Damals zog ein Wanderschäfer aus Bamberg auf seinem jährlichen Weg in die Rhön mit seiner Herde über die Hänge, und die wolligen Wiederkäuer weideten sie ab. Irgendwann blieb – wie auf so vielen vergleichbaren Flächen in Bayern – der Schäfer aus. Niemand kümmerte sich mehr um die Wiesen. Das Gras wuchs, Büsche auch. Allmählich entwickelte sich Wald auf den Hängen. Irgendwann kam auch kein Kind mehr zum Spielen.

Um die Jahrtausendwende wäre ein Reifen, den es hätte hinunterrollen lassen wollen, auch sofort im Dickicht steckengeblieben. Da bekam Gerd Frickel den Auftrag von der Unteren Naturschutzbehörde in Absprache mit den Grundeigentümern, die Gehölze zu roden. Er ist nämlich von Beruf Landschaftspfleger. Manche seiner Berufskollegen nennen sich auch mit einem Augenzwinkern "Felsenputzer".

"Hochwertige Standorte, die im Lauf der Zeit verbuscht sind, die legen wir frei, da kommen noch andere Dinge dazu wie Einflugschneisen und Brachen, wir machen Steinkauz, da muss zur rechten Zeit gemäht werden, damit die Altvögel Futter finden für die Jungen, wir machen Wanstschrecken-Projekt, die sind auch wieder gut für den Steinkauz, Einflugschneisen für Birkhühner haben wir auch schon gemacht, dann auch kulturhistorische Maßnahmen, die man in Verbindung bringt mit Landschaftspflegemaßnahmen, und zwar freigelegt einen Keltenwall, zugewachsen war, ehemaliger Truppenübungsplatz, vielseitig."

Wenn es zu steil wird, seilt sich Gerd Frickel an und rodet freischwebend.
Seine Maschinen sind klein und wendig; Modelle, die sonst Hochgebirgsbauern in den Alpen benutzen. Auf Landmaschinenbörsen sucht er alte Traktoren und Mähdrescher. Er probiert nämlich auch die fast vergessenen Landbauweisen aus der Zeit seiner Kindheit wieder neu aus. Häufig schweißt und hämmert er sich selbst die Werkzeuge und Maschinen zurecht.

"Da wird viel gebastelt und die Sachen einfach besser gemacht, und da bin ich immer schwer am Tüfteln."

Er stammt aus einer Familie von Schmieden und ist selbst gelernter Landmaschinenmechaniker. Eine Weile hatte er einen Forstbetrieb. Später bildete er sich zum Fachwirt für Naturschutz und Landschaftspflege weiter, dann zum Fachagrarwirt für Baumpflege und Baumsanierung. Zuletzt ist er zum Landwirt geworden, mit dem Adelsprädikat in Landnutzer-Kreisen: der eigenen Betriebsnummer.

Als er nämlich die Hänge über seinem Unsleben gerodet hatte, brauchte es jemanden, der die Wiesen mähte. Sonst kommen nämlich sofort wieder Hasel und Kiefern auf und damit von Neuem Wald. Von den Eigentümern der vielen, winzigen Grundstücke vermochte es aber keiner zu mähen.

So hat Gerd Frickel die Flächen gepachtet und kümmert sich um sie, viel in Handarbeit. Während er den Balkenmäher über die Wiesen schiebt, wendet er seinen Blick von der weiten Aussicht auf fingernagelgroße Schmetterlinge an einzelnen zartlila Blüten.

"Besonderes Augenmerk: Esparsette, weil relativ große Population von Streifenbläuling (Schmetterling) vorkommt, der legt die Eier an Esparsette, da passen wir bei Mahd auf, ob verpuppt oder nicht, oft lassen wir die aus und mähen dann später nach. Und un-kostendeckend. Oder nicht-deckend, besser gesagt."

Er plus zwei Helfer brauchen zwei Tage für einen Hektar Unslebener Hang. Ein konventioneller Landwirt dagegen mäht einen ebenen, hindernisfreien Hektar in drei Minuten, und zwar alleine.

"Das ist die Liebe zu dem Gebiet einfach. Das ist einfach ein Stück, wo net so viel übrig bleibt. Und optimiert dann vielleicht auf einem anderen Gebiet, wo es ein bisschen besser und schneller geht. Irgendwo ist das sicher auch Hobby, sicher."

Dafür sei sein Heu auch besonders gut, argumentiert Gerd Frickel – immerhin seien die Wiesen niemals gedüngt, niemals gespritzt worden.

"Arznei-Heu für Tiere. Ich hab ne Pferdebesitzerin an der Hand, die sagt einfach, allein sie sieht es schon am Fellwechsel, dass das ganz problemlos vonstatten geht, und sie führt das zurück auf das Heu."

Auch ein örtlicher Schafhalter kauft es gerne. Geld wie Heu macht Gerd Frickel aber nicht.

"Ne, mit Sicherheit nicht. Von den Produkten kann ich nicht leben, das ist einfach nicht mehr als'n Zubrot. Letztlich zahlt es hier auf den Flächen die Allgemeinheit, sicher, so kann man das sagen."

Naturschutzgelder aus dem Steuersäckel sind Gerd Frickels hauptsächliche Einkünfte. Seine wichtigsten Produkte sind nicht Heuballen für ein paar Schafe oder Pferde, sondern schöne Landschaft sowie Artenvielfalt für die Allgemeinheit. Wenn er über die Flächen schlendert, bückt er sich immer wieder, um eine aufkommende Kiefer herauszurupfen.

Kleinteiliger kann Landschaft nicht geschützt und gepflegt werden. Und tatsächlich wachsen auf den Unslebener Steilhängen Adonisröschen und Orchideen wie Händelwurz und Bienenragwurz. Eidechsen, Kreuzottern und Schlingnattern sonnen sich auf alten Lesesteinhaufen. Mit seinen Hecken und Terrassen wirkt der Hang wie ein abwechslungsreicher Park.

"Im Sommer, wenn wir hier mähen, sehr später Mahd-Termin, wenn dann vor einem Hunderte von Schmetterlingen fliegen, da läuft man durch eine Schmetterlingswolke. Wie in den Tropen."

Gerd Frickel zündet sich eine neue Zigarette an und blickt sich zufrieden um.

"Das ist eigentlich alles Lieblingsplatz hier, es ist überall ein Traum."

Nur ein paar Schritte zu viel, dann steht man allerdings vor einem konventionellen Acker. Da ist es aus mit der summenden Vielfalt. So intensiv Gerd Frickels Landschaftspflege ist, so klein ist auch die Fläche, auf der sie stattfindet. Ein Atoll fürs Gemüt in einem Ozean von landwirtschaftlicher Industriefläche. Dabei ist auch diese öffentlich gefördert - praktisch alle(1) Betriebe in Bayern stellen den sogenannten Mehrfachantrag und bekommen Subventionen aus dem Steuersäckel. Dazu schreibt das Landwirtschaftsministerium:

"Diese Fördermittel sind ein Ausgleich für den Beitrag der Landwirtschaft zur Erhaltung unserer bayerischen Kulturlandschaft, zur Aufrechterhaltung einer flächendeckenden Landbewirtschaftung und für die höheren Standards bei Umwelt-, Tier- und Verbraucherschutz in der EU."

Dass ein Landwirt wie Gerd Frickel viel Geld vom Staat bekommt, ist üblich. 62% des landwirtschaftlichen Gewinns besteht aus Beihilfen. Aber der Unterschied von der Frickel-Arbeit zu den üblichen Äckern könnte stärker kaum sein. Oder zu den Flächen, die Werner Rück und Roland Höger bewirtschaften. Sie leben im mittelfränkischen Landkreis Ansbach. Der ist bayerischer Spitzenreiter im Maisanbau. Seit Jahren gibt es bayernweit weniger und weniger Wiesen und mehr und mehr Mais, fürs Vieh und immer mehr, um Biogasanlagen zu füttern, die durchs Erneuerbare-Energien-Gesetz staatlich gefördert sind.

Roland Höger: "Für mich ist der Mais die einfachere Methode, Gas zu produzieren. Da kommt der Häcksler, der macht am Tag sei 30 ha oder von mir aus 40 ha, das geht in einem Aufwasch, verhältnismäßig schnell. Wenn ich a Grünland hab, das ist ja so, wir hebbe da 1 ha, da 1 ha, da 2 ha, da a halbes ha, und so, du musst das Ding anfahren, du musst es – also die Kosten laufen dir beim Grünland eigentlich davon."

Als er ein Kind war, waren die Äcker in seinem Dorf noch durchschnittlich so klein wie ein halber Fußballplatz, erinnert sich Werner Rück. Jetzt sind sie mehr als dreimal so groß wie ein Fußballplatz. Je größer die einzelne Fläche, der sogenannte Schlag, ist, desto weniger Arbeit hat Landwirt damit.

Werner Rück: "Wir fahren mit GPS, mir ham Lenkunterstützung, also fahrt der Schlepper dann selbständig. Auf den Zentimeter genau selbstständig. Ich bin dabei, droben auf dem Schlepper, so ist es net, aber ich kann dabei lesen, ich kann dabei telefonieren, ich kann dabei – bloß am Feldende muss ich wieder umwenden, und dann geht es wieder hoch. Es ist a Entlastung, grad, wenn man nachts fährt, dass man auch halbwegs als Mensch da durch kommt. Die großen Schläge sind dann schon sinnvoller, das Vorgewende und die Rüstzeiten und alles Umsetzen von Feld zu Feld ist von der Bestellung bis Düngung bis Ernte immer mit – ja 100 Euro oder 200 Euro effizienter wie wenn ich halt kleine Parzellen hätt."

Längst reichen Werner Rück die eigenen Felder nicht mehr, um die Nachwachsenden Rohstoffe herzukriegen. Er hat kräftig zugepachtet, lässt sich aus Vertragsanbau beliefern. Damit verantwortet er eine Fläche, die dreißigmal so groß ist wie die, auf der Gerd Frickel mit viel Handarbeit schöne Landschaft und seltene Arten schützt.

Handarbeit hat Werner Rück kaum. Ein computergesteuertes Förderband schiebt ständig Futter in den großen Fermenter nach. Fast zärtlich schaut der Herr über Milliarden von Bakterien durch ein verglastes Guckloch. Innen wallt eine bräunliche Masse.

"Heut gast es gut, ja, es blubbert …"

Einen Fermenter füttert Werner Rück überwiegend mit Mais, einen zweiten mit Abfall, Gülle und Speiseresten.

Ein Blockheizkraftwerk macht aus dem Biogas Strom. Das Erneuerbare-Energien-Gesetz regelt die Einspeisevergütung.

"600 Mal könnte man in einem PKW um die Erde fahren, was die Anlagen produzieren, und die Stromproduktion, ohne dass man die Wärme berücksichtigt, über 2000 Privathaushalte zur Stromversorgung, und die Kohlendioxideinsparung berechnet auf etwa 5000 Tonnen, und nebenbei werden noch Arbeitsplätze geschaffen, also mein eigener Arbeitsplatz ist freigemacht worden, ich hab noch einen Angestellten seit elf Jahren, und ja ok, mein Senior ist auch noch mit dabei und meine Frau, die ist noch dabei, und wo bleibt das Geld? Hier. In der Landwirtschaft."

Werner Rücks stolze Bilanz geht im Generatoren-Lärm von zusammengerechnet 986 Kilowatt unter: 600 Mal könne man mit der Energie, die seine Motoren ins Netz einspeisen, um die Erde fahren. Über zweitausend Privathaushalte ließen sich damit mit Strom versorgen. Die Wärme heizt zehn Haushalte im Dorf sowie eine Lackiererei im Nachbarort. 5000 Tonnen Kohlendioxid würden eingespart. Sein eigener Arbeitsplatz, der seiner Frau und noch einer wurden geschaffen.

1995 hat der gelernte Landtechniker Werner Rück den Hof vom Vater übernommen. Er blickte auf die ererbten 25 Hektar und 25 Milchkühe und wusste:

"Typisch Mittelfranken: zum Leben zu wenig, zum Sterben zu viel, und hab damals schon überlegt, also die Abfallentsorgung und Energieproduktion müsste doch a Standbein sein."

Die allermeisten Bauern seiner Gemeinde haben inzwischen aufgehört. Er hat expandiert. Außer in die Biogasanlage hat er auch in ein Windrad und in Photovoltaik auf seinem Dach investiert. Die Tochter will Landwirtschaft studieren. Vielleicht führt sie den Betrieb einmal weiter.

Werner Rücks Merkendorf ist einer der Pionier-Orte der Energiewende. Im schmucken Fachwerk-Rathaus klickt sich Bürgermeister Hans Popp durch Computer-Dateien: Lauter Präsentationen, die er in ganz Deutschland darüber gehalten hat, dass sich sein 2900-Einwohner-Städtchen komplett selbst mit Strom versorgt.

"Wir ham bei uns neun Biogasanlagen. Dann kommen noch 295 Photovoltaikanlagen dazu, davon auch eine Freiflächenanlage mit fünf Hektar und ein ganz, ganz kleines Wasserkraftwerk, zusammen mehr als 32,5 Millionen Kilowattstunden Strom, was bei uns einen Selbstversorgungsgrad von insgesamt 247 Prozent an elektrischer Energie bedeutet."

Im Gewerbegebiet haben sich Firmen angesiedelt, die Biogas- und Photovoltaikanlagen bauen. Die Gemeinde ist im Landkreis-Ranking der Wirtschaftskraft von den untersten auf die obersten Plätze aufgerückt. Es gibt so viele Arbeitsplätze, dass mehr Leute ein- als auspendeln, und der Bürgermeister freut sich über mehr Gewerbesteuer.

Hans Popp: "Wir überlegen zum Beispiel eine komplette Sanierung unseres Naturfreibades, wir wollen für unseren Jugendfußball ein neues Fußballfeld bauen, wir haben nächstes Jahr auf der Liste, einen Themen- und Erlebnisspielplatz zu bauen, Investitionsvolumen von über 200 000 Euro."

Eines der nächsten Vorhaben von Hans Popp ist ein Windpark. Drei Windräder erheben sich schon auf dem Hang über Merkendorf auf Flächen der Nachbargemeinde Wolframseschenbach. Eines der Windräder gehört zum Teil Werner Rück.

"Es ist auch eine Geschichte, wo eigentlich auch mit dazugehört."

Der Energiewirt ist natürlich erfreut, wenn sich die Räder drehen. Der Pensionär Ägidius Kreitmeier blickt von seinem Lieblingsplatz über Wolframseschenbach auf dieselben drei Windräder und ärgert sich.

"Ich bin ja nicht gegen Windräder allgemein, aber es gibt halt Standorte, die passen einfach nicht. Und ich mein halt, dieser Standort, 600 Meter auf freiem Feld vor einem mittelalterlichen Ort, das passt einfach nicht. Das tut mir einfach in der Seele weh. Unser Kirchturm ist der höchste in der Diözese Eichstätt, und diese Silhouette, dieser Kirchturm hat einfach unsere Landschaft geprägt über 550 Jahre, und jetzt prägen halt nicht mehr unser Kirchturm die Landschaft, sondern die nahegelegenen Windräder. Und das ist schon ein gewaltiger Eingriff."

Ägidius Kreitmeier lebt zwar auf dem Land, gehört aber zu denen, die ihr Geld nicht mit der Bestellung des Landes verdienen – also zu über 98 Prozent der Bevölkerung in Deutschland. Für ihn sind die Landschaften besonders fürs Gemüt wichtig.

"Die Gerüche, nicht nur das, was man sieht, sondern auch das, was man über Geschmack und Nase wahrnimmt, das spielt auch eine Rolle, das ist ja gerade das Schöne."

Bevor er in Pension ging, ist er in die nächste Kreisstadt gependelt, wenn das Wetter schön war, am liebsten per Rad.

"A bissl zu entspannen, wieder zur Ruhe zu kommen. Und ich war ja bei der Polizei in der Einsatzzentrale 20 Jahre lang, da hat man im wahrsten Sinne des Wortes viel um die Ohren, Funk und so weiter, man muss ja ständig telefonieren und funken, und auf der Heimfahrt dann ist man halt wieder dann so zur Ruhe gekommen, dass man wieder runtergefahren ist, sozusagen. – Und dafür ist Landschaft wichtig? – Genau. Sehr wichtig sogar."

Die ruhige Landschaft wirkt als Gesundbrunnen für gestresste Pendler, ist beliebtes Ausflugsziel für Städter – immerhin drei Viertel der Deutschen – und sie ist Erholungsraum für Touristen. Für den Generalkonservator Bayerns ist sie auch ein kultureller Wert für die Allgemeinheit. Durch die Windräder sieht Egon Johannes Greipl aber die Ruhe und die Landschaft gestört.

"Veränderung gibt es immer, aber eine Veränderung der Landschaft in einem so dramatischen Ausmaß wie es durch das Wachstum der Städte im 19. und dann die völlige Veränderung der Strukturen der Dörfer seit etwa 1950 und jetzt dann nach 2005, 6,7 im Zuge der Energiewende passiert, also so eine dramatische Veränderung, is in der Geschichte schon eine sehr, sehr seltene Sache."

Vermaisung der Landschaft, Verspiegelung (durch Photovoltaik-Anlagen) und Verspargelung (durch Windräder): das sind die Schlagworte der Kritiker der Energiewende in ihrer heutigen Form. Photovoltaikanlagen beschädigen nach Ansicht von Egon Johannes Greipl historische Stadt- und Landschaftsbilder.

Dem zunehmenden Maisanbau kreidet er an, die Vielfalt von Landschaft, Tier- und Pflanzenarten sowie die Qualität des Bodens zu stören. Maisfelder werden üblicherweise rigoros gespritzt und liegen im Winter nackt und ohne Bewuchs da, so schwemmt der Regen die kostbare Erde weg. Im Sommer wiederum gehen Spaziergänger Kilometer um Kilometer durch grüne Wände. Außerdem:

"Strom kann man nicht fressen. Brotgetreide verbrennen, also nahrungstaugliches Getreide verbrennen, oder es in Biogasanlagen vergären, das is sündhaft in einer Zeit, wo weiß ich wie viele Milliarden Menschen auf der Erde hier Hunger leiden und die Getreidepreise steigen. Das ist sündhaft."

Die eigenen Nahrungsmittel herstellen – das kann ja jeder Bauer, winkt der Biogas-Pionier Werner Rück ab.

"Aber die Energie selber machen, Energieerzeugung, die eigene Energie machen, das hat schon sein Flair und seinen Schmäh, das ist das eigene Licht, das ist die eigene warme Suppen, so haben mir auch damals, wie wir die ersten Motoren ham laufen lassen, unseren Strom von der eigenen Anlage runterzogen in die Ortschaft rein, haben sich vom örtlichen Netz abkoppelt und ham bei uns am Hof nur noch eigenen Strom gehabt. Und das war für mich pfff absolut wichtig. Dass ich sag, das ist mein eigener Strom, meine eigene Wärme, und ja – das ist einfach das, wo ich sag, das lieb ich."

Sein Haus heizt er mit der Abwärme vom Biogas, auf dem Dach hat er eine Photovoltaik-Anlage. Nur für sein Auto und die Tratoren ist er auf herkömmlichen Diesel angewiesen.

"Aber was natürlich schon a Geschicht wäre, wenn ich net das Biogas aufbereiten zu Methan, sondern einfach den Strom zu nehmen und dann Strom, a Strom-Auto zu fahren. Und das ist das, was ich mir als nächstes mit angehe werd, dass ich mir irgendwoher als Zweitwagen so an Elektroflitzer, wo man dann a wenig shoppen geht."

Aber auch der Energiewirt beteuert, sein Herz hänge in puncto Landschaft nicht nur an der Energie.
"Es muss schon fürs Gemüt auch was sein."

So baut er nicht nur Mais an, sondern zwischendrin auch mal andere Feldfrüchte, lässt den Boden im Winter nicht nackt.

"Das ist Roggen, da unten sieht man an Senf, mir ham a gewisse Mischung mit Sandhafer noch zur Zwischenfruchtmischungen, wir ham ungefähr so 2,3% Blühpflanzen in den Maisflächen drin. Das ist sicher net so rasend viel, aber mir sind der irgendwo in Mittelfranken, der wahrscheinlich am meisten anbaut. Also wenn das jeder anbauen würde, es ist schon besser wie nichts, am besten wär es natürlich, die Blühpflanzen, wenn man das noch weiter hochbringen tät, dass man die Wildblumenmischung richtig als Mais-Ersatz tät auf 15, 20 Prozent."

Die Gestaltung ist das Entscheidende. Das meint auch der Bayerische Generalkonservator Egon Johannes Greipl. Bei Mais, aber zum Beispiel auch bei Photovoltaikanlagen und Windrädern.

"Die Auswahl des Standorts, damit fängt die Gestaltung an."

Nicht am freien Horizont, nicht in einer Altstadt wie der Regensburgs, nicht auf Kirchendächern. Da bleiben nur noch wenige erlaubte Aufstellorte übrig.

"Das ist eine wunderbare Möglichkeit, auf Industrieanlagen, in Gewerbeparks, auf den Supermärkten diese Dinge zu bauen, da stört’s keinen, da sind sie aber nicht. Und dann ist ein Unterschied, ob ich eine einheitliche Dachfläche, von der Traufe bis zum First einheitlich, einheitlich mit Photovoltaikelementen einheitlichen Formates, maßgeschneidert sozusagen belege, oder ob ich im Baumarkt ein Paket kauf und des da oben drauf nagel, wo’s grad hinpasst."

Das Beste ist sowieso, Energie zu sparen statt immer neue für einen immer üppigeren Lebensstil zu produzieren, meint der Historiker Egon Johannes Greipl.

Wenn die Landschaft der Träume die Landschaft der Kindheit ist, gilt es folglich nur eine Generation zu warten, und Windräder, aber auch Arten-arme Maisäcker gelten als normal und vielleicht sogar als schön.

(1) 2012: 113.000 landwirtschaftliche Betriebe in Bayern. Laut Bayerischem Agrarbericht gibt es in Bayern aber nur 97 900 landwirtschaftliche Betriebe. Der Agrarbericht, und das ist eigentlich die beste Quelle, zählt allerdings nur Betriebe ab 5 ha. "Praktisch alle"

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