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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 13.10.2006

Die Rätselhaftigkeit des menschlichen Lebens

Richard Powers: "Das Echo der Erinnerung". S. Fischer Verlag, Frankfurt am Main, 2006, 544 Seiten, 19, 90 Euro

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Der Autor gewinnt dem Thema Hirnfoschung interessante Seiten ab. (AP)
Der Autor gewinnt dem Thema Hirnfoschung interessante Seiten ab. (AP)

Aufregend ist der neue Roman des US-Amerikaners Richard Powers: Er nimmt das Thema Hirnforschung auf, das seit einiger Zeit Konjunktur hat. Tatsächlich lernt man während der Lektüre des Romans ganz nebenbei viel über das Gehirn - und man beginnt, Selbstverständlichkeiten und vor allem die eigene Selbstgewissheit in Frage zu stellen. Der Roman ist großartig erzählt und spannend.

Mark hat auf einer kerzengeraden Straße in Nebraska, mitten im US-amerikanischen Nirgendwo, einen fast tödlichen Autounfall, der schwere Hirnverletzungen zur Folge hat. Als er aus langem Koma erwacht und sich langsam wieder erholt, bleibt ihm ein entscheidender Defekt: Er erkennt seine Schwester, seine einzige Familienangehörige, nicht mehr. Zwar nimmt er die physische Ähnlichkeit der Frau, die sich seine Schwester nennt, mit "der wirklichen Karin" durchaus wahr, aber das vermag ihn nicht zu überzeugen. Er glaubt sie nicht.

Irgendjemand, so vermutet Mark, schmiedet ein übles Komplott gegen ihn und hat offenbar Gründe dafür, seine Schwester durch eine Schauspielerin zu ersetzen, die ihn ausspionieren soll. Dabei bleibt es nicht: Als er nach Hause kommt, erkennt er sein Haus und seinen Hund nicht als die seinen an: Alles, so meint er, sei ausgetauscht worden; er fühlt sich wie in der "Truman Show". Dabei ist völlig unklar, was irgendjemand mit dem eher einfach gestrickten Mark, Arbeiter in einer Fleischfabrik, vorhaben könnte. Ein paranoides Szenario ...

Karin, Marks Schwester, opfert sich für ihn: gibt Job und Wohnung auf, zieht in ihre verhasste Heimatstadt zurück - und weiß nicht, was sie aus ihrem Leben machen soll. Ihre eigene Leere sucht sie mit der gar nicht erwünschten Übernahme der Verantwortung für Mark auszufüllen. Tag und Nacht ist sie um ihn, leidet unter seiner Zurückweisung - und hat doch endlich einen Lebenssinn. Wie brüchig dieses Konstrukt ist, merkt sie freilich rasch.

Gerald Weber ist Neurologe in New York und Bestsellerautor: Seine populären Darstellungen der Hirnforschung haben ihn berühmt und seinen Verlag reich gemacht. Eine E-Mail von Karin weckt seine Neugier, und er fliegt für einige Tage nach Nebraska, um sich Mark anzusehen. Seine Diagnose: Mark leidet am überaus seltenen und nicht wirklich erforschten Capgras-Syndrom. Tun kann er freilich nichts für Mark. Aber die Geschichte lässt ihn nicht mehr los, und am Ende ist Gerald Weber der Verlierer: Sein Gewissheiten zerbröckeln vor der Rätselhaftigkeit des menschlichen Lebens, die ihn schließlich einholt, nachdem er sein ganzes Leben lang das menschliche Hirn erforscht und sich entgegen allem theoretischen Wissen über die Illusion eines kohärenten Ich in Sicherheit gewiegt hat.

Ferner gibt es die geheimnisvolle Krankenpflegerin Barbara, die Mark aufopfernd hilft. Karins alter und neuer Liebhaber, der Naturschützer Daniel, und dessen Rivale, der Bauunternehmer Robert geraten in Verdacht, mit dem Unfall etwas zu tun gehabt zu haben - denn tatsächlich hat der Roman auch eine kriminalistische Seite: dass es kein Unfall, sondern ein Anschlag auf Marks Leben gewesen sei. Aber warum, durch wen?

Und schließlich die Kraniche. Ein paar Wochen pro Jahr machen sie Rast am Fluss, auf ihrer Wanderung quer über die Kontinente, getrieben von einem inneren, von Generation zu Generation weitergegebenen Wissen über Flugwege, Rastplätze und so weiter. Es lässt sich kaum erklären, und doch funktioniert es - ähnlich dem menschlichen Hirn, das aus so vielen einzelnen Elementen besteht, die nur fragil zusammengehalten und zu einer scheinbaren Einheit verbunden werden.

Die Kraniche sind im Roman Symbol für die Weisheit der Natur, die das Leben unabhängig von allen wissenschaftlichen Erkenntnissen funktionieren lässt. Sie werden zugleich Symbol für die Zerstörung, die der vermeintlich so überlegene menschliche Verstand anrichtet, indem er die Natur systematisch zerstört: Die Kraniche sind vom Aussterben bedroht, und beschleunigt wird dieser Prozess von massiven Versuchen, die ansonsten öde Gegend touristisch aufzupeppen und ein riesiges Touristenzentrum zu errichten.

Aufregend ist der neue Roman des 1957 geborenen Richard Powers, der bereits mit "Der Klang der Zeit" einen außerordentlichen Erfolg erlebte. Er nimmt das Thema Hirnforschung auf, das seit einiger Zeit Konjunktur hat, wie man am Erfolg der Bücher der Neurologen Oliver Sacks oder Antonio Damasio für ein breiteres Publikum ablesen kann (die wohl in manchen Punkten Vorbilder für den Neurologen des Romans sind). Tatsächlich lernt man während der Lektüre des Romans ganz nebenbei viel über das Gehirn - und man beginnt, Selbstverständlichkeiten und vor allem die eigene Selbstgewissheit in Frage zu stellen.

Dieses brisante Thema wird verknüpft mit den Themen Umgang mit der Natur, mit Fragen wie der nach dem Sinn des Lebens, dem Wert menschlicher Bindungen und last but not least nach der Bedeutung von Ethik, Moral und Verantwortung - sowohl der Wissenschaft wie jedes einzelnen. Hinzu kommt eine Schwester-Bruder-Geschichte und ein Beinahe-Krimi. Alle Themen sind geschickt miteinander verwoben, der Roman ist großartig erzählt, spannend und sehr viel kohärenter, als das Thema nahelegen könnte, so dass man trotz einiger bitterer Erkenntnisse das umfangreiche Buch am Ende getröstet und zufrieden zur Seite legt.

Rezensiert von Gertrud Lehnert


Richard Powers: Das Echo der Erinnerung
Aus dem Amerikanischen von Manfred Allié und Gabriele Kempf-Allié.
S. Fischer Verlag, Frankfurt am Main 2006, 544 Seiten, 19,90 Euro

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