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Musikfeuilleton | Beitrag vom 06.03.2020

Die Pioniere der MikrotonmusikMit Tönen zwischen den Tönen

Von Corinna Thaon

Fotographie des Klavieres mit einer erweiterten Tastatur. (August Förster GmbH / Archiv)
Das erste Viertelton-Klavier, das die Firma August Förster 1928 an Ivan Wyschnegradsky nach Paris lieferte. (August Förster GmbH / Archiv)

Im traditionellen westlichen Tonsystem besteht eine Oktave aus 12 Halbtönen. Vor ca. 100 Jahren überlegten Musiktheoretiker und Komponisten, ob und wie auch die dazwischen liegenden Mikrotöne als kompositorisches Material geeignet wären.

Dem Tschechen Alois Hába war das abendländische Tonsystem seiner Zeit zu eng. Er gehört zu den Pionieren der sogenannten Mikrotonmusik, wie auch sein russischer Zeitgenosse Ivan Wyschnegradsky.

Hinter der erweiterten Tastatur wird das enorme Innenleben des Flügels sichtbar. (August Förster GmbH / Archiv)Innenansicht des ersten Viertelton-Pianos der Firma Förster, das 1928 ausgeliefert wurde. (August Förster GmbH / Archiv)

Sie experimentierten mit zusätzlichen Tönen und mit Tonabständen, kleiner als ein Halbton. Dabei verwendeten sie bevorzugt das Vierteltonsystem.

Um einen Viertelton versetzt

Da Vierteltöne auch auf dem traditionellen Klavier unspielbar sind, verwendete Ivan Wyschnegradsky als Übergangslösung zwei Klaviere. Eines wird dabei um einen Viertelton tiefer gestimmt. Ein Pianist spielt dann die traditionellen Halbtöne und ein anderer auf dem zweiten Klavier die Vierteltöne. Dieses ursprüngliche Provisorium erwies sich als überraschend ausbaufähig und wird bis heute von Komponisten verwendet. 

Fotographie eines Flügels, der einen besonders hohen Korpus hat. (August Förster GmbH / Archiv)In diesem Modell der Firma August Förster steckt die Technik mehrerer Flügel in einem Instrument (August Förster GmbH / Archiv)

Zunächst waren es theoretische Schriften, die sich mit Mikrotonmusik beschäftigten. Russische Futuristen wie Arthur Lourié und Michail Matjuschin machten anschließend die ersten Versuche mit Viertelton-Kompositionen. Ivan Wyschnegradsky, 1893 in St. Petersburg geboren, verschrieb sich dann voll und ganz der Mikrotonmusik. Eine Vision, so sagte er, ließ ihn die Mikrotöne entdecken und im Jahr 1918 die ersten Viertelton-Werke schreiben. 

Ein Junge mit unfehlbarem Gehör

Alois Hába wurde wie Wyschnegradsky im Jahr 1893 geboren und wuchs in Mähren, im heutigen Tschechien auf. Er entdeckte die Mikrotöne mit Hilfe der Volksmusik seiner Heimat und durch das Studium außereuropäischer Musik. 

"Mein Vater und meine Brüder spielten mit meinem absoluten Gehör in meiner Kindheit. Sie sangen mir Töne vor, die nicht in den Bereich des Halbtonsystems gehörten und wollten mich damit sozusagen aufs Glatteis führen. Ich habe zuerst den nächstliegenden richtigen Ton des Halbtonsystems gesungen und dann den Ton angegeben, welcher mir zum Erraten gegeben wurde. Dies führte mich später zu der Stilisierung der Zwischenstufen im Vierteltonsystem."

Hába konnte Vierteltöne problemlos auf seiner Violine spielen. Die ersten Kompositionen im Jahr 1917 schrieb er daher auch für Streichinstrumente. 

Die Mikrotöner organisieren sich

Im Berlin der 1920er Jahre blühte die Avantgarde und die Stadt wurde für drei Jahre zur Hochburg der Mikrotonmusik. Zwischen 1920 und 1923 trafen sich hier die Viertelton-Begeisterten. Alois Hába studierte in Berlin und Ivan Wyschnegradsky kam aus Paris in die Stadt. Hinzu kamen Richard H. Stein, Jörg Mager und der Instrumentenbauer Willi Möllendorff. Sie tauschten sich aus und diskutierten die musiktheoretischen Grundlagen für Mikrotonmusik.

Alois Hába wollte das Halbtonsystem nicht ablösen, sondern mit den zusätzlichen Tönen bereichern. Ivan Wyschnegradsky hingegen suchte nach einem neuen in sich stimmigen System. Die von ihm propagierte Teilung der Oktave in kleinere Einheiten als die traditionellen 12 chromatischen Halbtöne nannte er Ultra-Chromatik. 

Das erste Vierteltonklavier

Das Hauptinteresse der Mikrotöner in Berlin galt der Konstruktion neuer Instrumente. Dabei konzentrierte man sich besonders auf das Vierteltonklavier. Doch bevor es zu einer intensiveren Zusammenarbeit kam, wurde Wyschnegradsky im Jahr 1923 aus Deutschland ausgewiesen.

Detail der Fotographie mit handschriftlicher Notiz zur Lieferung im Jahr 1928. (August Förster GmbH / Archiv)Detail einer Fotographie, die die Lieferung nach Paris bestätigt. (August Förster GmbH / Archiv)

 Das erste Piano bekam er von der Firma August Förster 1928 nach Paris gesandt. Auch Alois Hába kehrte nach Prag zurück. Ende der 1920-er Jahre ließ das Experimentieren mit Mikrotonmusik nach. Im Nationalsozialismus und später in der Sowjetunion wurde sie verboten. Auch in der westlichen Welt der Nachkriegszeit sah man Mikrotöne als einen Irrweg an. 

Blick in einen hochkant gestellten Flügel mit erweiterter Tastatur. (August Förster GmbH / Archiv)Ein Vierteltonflügel der Firma August Förster liegt bereit für den Transport. (August Förster GmbH / Archiv)

Alois Hába und Ivan Wyschnegradsky verfolgten dennoch hartnäckig ihre Ideen als Einzelkämpfer weiter.

Vom Viertelton zum Zwölftelton

Wyschnegradsky arbeitete sein Leben lang ohne öffentlichen Erfolg an der Erfüllung seiner Klangvorstellungen. Nach seiner Vision 1918 sollte es noch fast 40 Jahre dauern, bis er sein Ziel erreichte. 1956 komponierte er im Zwölftelton-System das Werk "Arc-en-Ciel" für sechs Klaviere und verwirklichte damit sein perfektes Tonsystem.

Die Pionierarbeit der ersten Mikrotöner wirkt in die Gegenwart, bin hin zur Arbeit von Komponisten wie Enno Poppe und Edu Haubensak.

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