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Im Gespräch / Archiv | Beitrag vom 13.06.2009

Die Pille für die Karriere?

Doping am Arbeitsplatz

Zu Gast: Stephan Schleim und Frank Berndt

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800.000 Deutsche nehmen regelmäßig leistungssteigernde Pillen (Stock.XCHNG / Carlos Paes)
800.000 Deutsche nehmen regelmäßig leistungssteigernde Pillen (Stock.XCHNG / Carlos Paes)

Literweise Kaffee oder pushende Energiedrinks sind out. Immer mehr Deutsche greifen zur "Pille davor", um dem Stress im Job, der Doppelbelastung von Familie und Büro oder Prüfungs- und Versagensängsten standhalten zu können. Eine aktuelle Studie der Krankenkasse DAK ergab, dass zwei Millionen berufstätige Deutsche schon einmal "gedopt" haben, 800.000 Deutsche nehmen regelmäßig leistungssteigernde oder stimmungsaufhellende Pillen.

Dabei handelt es sich um verschreibungspflichtige Medikamente, die zweckentfremdet werden und die sich die Nutzer meist illegal besorgen: Mittel gegen krankhafte Schlafneigung werden als Wachmacher eingesetzt, Substanzen gegen das "Zappelphilipp-Syndrom" (ADHS) bei Kindern, sollen die Konzentration steigern, Herzmittel gegen Lampenfieber helfen, Antidepressiva die Prüfungsangst mindern.

Doping am Arbeitsplatz und in der Uni ist längst gang und gäbe.

Stephan Schleim verfolgt diese Entwicklung mit Skepsis. Der Neuroethiker von der Universität Bonn warnt vor einem "kognitiven Wettrüsten":"Der Standard ändert sich: Leistung ist ja immer in Relation zu dem zu sehen, was die anderen erbringen." Durch das so genannte "Cognitive Enhancement" würde diese Relation verschoben – wenn der eine Kollege länger durchhält, warum der andere nicht? Die Leistungsfähigkeit der Menschen und ihrer Gehirne könne jedoch nicht ins Unermessliche gesteigert werden. "Man kann nicht alle Grenzen aufheben und 24 Stunden durcharbeiten. Erst recht nicht über einen längeren Zeitraum."

Zudem seien die Nebenwirkungen dieses Gehirndopings noch nicht erforscht.

Der Neurowissenschaftler stellt auch die erhoffte Wirkung in Frage:
"Ein Problem ist, dass vielleicht Ritalin die Aufmerksamkeit etwas verstärken mag, aber gleichzeitig auch die Impulsivität erhöht." Das führe bei Schülern unter Unständen zu einer höheren Fehlerquote. Ebenso zweifelhaft sei die Wirkung von Alzheimer-Medikamenten auf das Gedächtnis von Gesunden.

Die Frage ist doch: Wie viel Leistungsdruck ist gut und wo fängt der Irrsinn an? Was ist ethisch und gesellschaftlich wünschenswert? Wenn wir festgestellt haben, Cognitive Enhancement schadet, was können wir tun? Was tun wir gegen Menschen, die sich illegal Medikamente und Drogen beschaffen?"

Erfolg um jeden Preis?

Dieses Thema beschäftigt auch Frank Berndt, der Coach und Berater leitet die Burnout-Fachberatung in Neuhaus. Viele seiner Klienten greifen auch schon mal zur Tablettenpackung, um dem Karrieredruck standzuhalten.

"Ich schätze, dass es ein Viertel der Leute betrifft, aber es ist auch so, dass die Hemmschwelle hoch ist, anzufangen, je nachdem in welchen Kreisen ich mich befinde. In höheren Gesellschaftsschichten sind es Drogen, die stimulierend wirken, Kokain, um wach zu sein, um durchzuhalten. Dann gibt es diese Leistungssteigernden Mittel. Aber was ich auch sehe, sind die Leute, die von Burnout betroffen sind, die sich betäuben müssen. Die laufen so heiß und kommen abends nicht mehr runter, die trinken dann Alkohol, manche ein Glas, andere ganze Flaschen."

Der Theologe kann in seinen Beratungen auch auf seine eigene Erfahrung zurückgreifen – er brach mit 28 Jahren unter der Doppelbelastung von Arbeit und Familie zusammen und krempelte sein Leben komplett um.

"Grundsätzlich glaube ich, Burnout ist eine Entscheidung, die ich treffe, ob ich Burnout will oder nicht. Will ich etwas erreichen und bin ich bereit, dafür über Grenzen zu gehen? Und bin ich bereit, solche Medikamente zu nehmen? Ich vergleiche das gern mit einem Sandhügel: Sie sind am Hochrennen und je mehr Sie laufen, desto mehr Sand verrinnt unter Ihren Füßen, desto weniger kommen Sie hoch." Bei seinen Klienten ist oft die Arbeit das Suchtmittel, die Sucht nach Anerkennung, Applaus, dem Wohlwollen der anderen. Sie tun alles, um diese Sucht zu stillen, "und dafür sind sie auch bereit, Drogen einzusetzen."

Den dreifachen Vater beschäftigt aber auch die zunehmende Medikamentengabe bei Kindern. So gehören ADHS-Medikamente bei 11- bis 14-jährigen Kindern mittlerweile zu den am meisten verschriebenen Arzneien. Immer häufiger würden schon Schüler diese Pillen vor Prüfungen schlucken.

"Wenn wir heute unseren Kindern beibringen, dass sie ok sind, wenn wir ihnen vermitteln, ´ich hab` dich lieb`, dann würden sie nicht zu Junkies. Aber es fängt doch schon damit an, dass Eltern unbedingt wollen, dass ihr Kind aufs Gymnasium kommt, dass es Abitur macht. Diese Eltern züchten sich Persönlichkeitsprothesen heran, weil sie es selbst nicht schaffen."

Und dadurch züchteten sie die nächsten Fälle für Burnout oder Gehirndoping.

"Die Pille für die Karriere? Doping am Arbeitsplatz"
Darüber diskutiert Dieter Kassel heute gemeinsam mit dem Neuroethiker Stephan Schleim und dem Burnout-Berater Frank Berndt. Hörerinnen und Hörer können sich beteiligen unter der kostenlosen Telefonnummer 00800 / 2254 2254 oder per E-Mail unter gespraech@dradio.de.


Link:
Über Stephan Schleim
Über Frank Berndt

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