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Sein und Streit | Beitrag vom 20.01.2019

Die philosophische FlaschenpostHobbes und der böse Wolf

Gelesen von Iris Därmann

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Ein aggressiver Wolf aus Bronze des Künstlers Opolka symbolisiert einen Mitläufer während einer Kunstaktion. Mit der Kunstaktion will der Künstler gegen rechten Hass und Gewalt protestieren.  (picture alliance/Jan Woitas/dpa-Zentralbild/dpa)
Erschreckende Wolfsnatur: Die Skulptur des Künstlers Opolka symbolisiert Hobbes' Menschenbild. (picture alliance/Jan Woitas/dpa-Zentralbild/dpa)

Der Staatstheoretiker Thomas Hobbes war sich sicher: "Der Mensch ist dem Menschen ein Wolf". Aber wie kam er eigentlich darauf? Wenn Menschen mit Tieren verglichen werden, ist Skepsis angebracht, meint die Kulturphilosophin Iris Därmann.

Warum bezeichnete Hobbes den Menschen ausgerechnet als Wolf? Sein Vergleich speist sich nicht nur aus antiken Quellen, sondern aus der Kolonial-Geschichte seiner Zeit. Denn Hobbes bezog sich vor allem auf Reiseberichte aus den amerikanischen Kolonien, die er als Mitglied und Aktionär der "Virginia Company" gut kannte, erklärt die Berliner Kulturwissenschaftlerin Iris Därmann:

"Als Wölfe wurden in den Kolonialberichten die American Tribal Groups beschrieben, die sich gegen die gewaltsame Kolonisierung und Besiedlung ihrer Länder zur Wehr setzten und die dann, aus der Perspektive der Siedler, wie Wölfe die englischen Siedlungen überfielen. Und man kann sehen, dass dieses Ereignis ganz zentral gewesen ist für die Hobbessche Naturzustands-Konstruktion."

Der "Wolf" in den amerikanischen Kolonien

Als Naturzustand beschreibt Hobbes einen "Krieg aller gegen aller" - der einzige Schutz dagegen besteht für ihn in der Einrichtung einer absoluten Staatsgewalt, eines "Leviathan". Dieser soll die die wölfische Natur des Menschen einhegen und so Frieden schaffen. Bezeichnend sei, so Därmann, dass Hobbes die Staatsmacht für das englische Mutterland durch einen Gesellschaftsvertrag begründet, während er für die "Neue Welt" eine gewaltsame Unterwerfung vorsieht.

In beiden Fällen aber stehe dahinter die Idee, dass eine "raubtierhafte, nur auf Selbsterhaltung bedachte Geburtsausstattung" des Menschen unveränderbar sei. "Deshalb kann sie als Wolfsnatur nur durch eine externe Gewalt eingehegt werden. Auf gewisse Weise bleibt der Mensch bei Hobbes auch im Staat ein Wolf."

Vergleich mit Risiken und Nebenwirkungen

Das Hobbesche Menschenbild erweist sich bis heute als extrem wirkmächtig, meint Därmann: Indem wir gegenwärtige Verhaltensformen in Kultur und Wirtschaft als "natürlich" verstehen, geben wir Hobbes indirekt recht:

"Wenn wir Aussagen von Donald Trump nehmen, der immer geneigt ist, mexikanische Migranten als Tiere zu bezeichnen, Menschen zu animalisieren, sind die Neigungen in politischen Gewalt- und Machträumen, Menschen in Tiere zu verwandeln, nicht verschwunden. Dann müssen wir die Frage stellen, ob es überhaupt möglich ist, Menschen rest- und widerstandslos in Tiere zu verwandeln und was das für einen politischen Humanismus bedeutet, wenn wir da sagen: Nein, es gibt eine Irreduzibilität des Humanen."

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(Deutschlandfunk Kultur, Sein und Streit, 05.08.2018)

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