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Thema / Archiv | Beitrag vom 14.02.2011

"Die Parias der Medienbranche"

Regisseur Thomas Frickel zur Lage des Dokumentarfilms

Thomas Frickel im Gespräch mit Katrin Heise

Dass viele Dokus im TV erst nach Mitternacht gezeigt werden, findet Frickel nicht hinnehmbar.
Dass viele Dokus im TV erst nach Mitternacht gezeigt werden, findet Frickel nicht hinnehmbar.

Bei Festivals wie der Berlinale laufen Dokumentarfilme mit großem Erfolg, im TV fristen sie ein Nischendasein im Spätprogramm: Produzent Thomas Frickel kritisiert die Geringschätzung des Genres von Seiten der Fernsehmacher.

Katrin Heise: Michail Chodorkowski, dieser Ex-Oligarch und russische Regimekritiker, den kennen wir vor allem aus Bildern aus den Nachrichten, beispielsweise während der Urteilsverkündung Ende Dezember. Heute könnte man sich intensiver mit diesem Mann beschäftigen, heute wird nämlich der Dokumentarfilm von Cyril Tuschi über Chodorkowski auf der Berlinale uraufgeführt werden, nachdem dem Filmemacher zwei Mal die Filme gestohlen wurden ganz kurz vor der Berlinale – was ja die Brisanz des Films wohl nur unterstreicht.

Gestern hatte die Hommage an die Tänzerin Pina Bausch von Wim Wenders Premiere, auch ein Dokumentarfilm, und zwar gedreht in 3D. In der Reihe "Perspektive deutsches Kino" läuft der Dokumentarfilm "Stuttgart 21 – Denk mal!", und es gibt auch einen Dokumentarfilm über den spanischen Richter Garzón, also Dokumentarfilm über Dokumentarfilm, ich könnte minutenlang noch weiter ansagen, was alles so gezeigt wird. Das tue ich aber nicht, ich begrüße den Regisseur und Filmproduzenten Thomas Frickel, er ist auch Vorsitzender der Arbeitsgemeinschaft Dokumentarfilm AG DOK. Schönen guten Tag, Herr Frickel!

Thomas Frickel: Ja, guten Tag!

Heise: Das ist ja ein wunderbares Klima für Dokumentarfilme auf der Berlinale, oder? Da können Sie sich richtig wohlfühlen.

Frickel: Ja, ja, überhaupt bei Festivals sind wir immer sehr zufrieden, vor allen Dingen auch, was die Resonanz angeht, da steht ja der Dokumentarfilm gleichberechtigt neben dem großen Bruder, dem Spielfilm. Und wir freuen uns dann natürlich, wenn dann nachher die Filmkritik sagt, dass der Dokumentarfilm nicht weniger Kino ist als der Spielfilm oder, was wir auch schon erlebt haben bei der Berlinale, übrigens auch schon vor vielen Jahren, dass Kritiker schreiben, die interessantesten Entdeckungen, die sie gemacht haben bei so einem großen Festival, waren eben die Dokumentarfilme. Und sie haben ja mit ihrer Einfürung schon darauf hingewiesen, dass das Filme sind, die sehr aktuell in ganz brisante gesellschaftliche Probleme oder auch weltpolitische Probleme hineingehen und dort Hintergründe aufzeigen, die Leute hinter die Kulissen schauen lassen. Das ist interessant, wenn der Film gut gemacht ist, läuft es wunderbar.

Heise: Sie würden also auch sagen, trotz der großen Quantität, die auf diesen Festivals und vor allem auf der Berlinale an Dokumentarfilmen zu sehen ist –trotzdem würde man nirgendwo mangelnde Qualität irgendwie konstatieren müssen, also qualitativ hochwertig?

Frickel: Also ich denke mal, dass bestimmte Themen, die in anderen Bereichen immer zu kurz kommen, intensiv behandelt werden, dass man dem Publikum Gelegenheit gibt, sich eingehend mit Personen oder mit Sachverhalten zu beschäftigen, das ist per se eine Qualität, die leider in dem Medienbetrieb ansonsten ein bisschen kurz kommt. Und deshalb halten wir ja den Dokumentarfilm für so eminent wichtig und wir sind froh, dass wir da auch eine ganze Reihe von Unterstützern außerhalb jetzt der eigentlichen Dokumentarfilmszene haben, die uns darin bestärken und sagen, ja, also ihr bietet diesem Medienbetrieb, dieser Gesellschaft Dinge an, die wir sonst nicht bekommen können.

Heise: Sie als Vorsitzender der Arbeitsgemeinschaft Dokumentarfilm werden da auf der Berlinale gerade auch um Mitkämpfer wahrscheinlich werben. Wie würden Sie sich das erklären, dass das Publikum gerade auf Festivals ja doch sehr diesen Dokumentarfilm ja, da sehr reinläuft? Das heißt, eigentlich müsste doch auch im normalen Fernsehbetrieb dann die Angst nicht so groß sein, dass Dokumentarfilme immer wieder ihr Publikum finden?

Frickel: Ja, das sagen wir auch. Selbstverständlich, also ich glaube, das Publikum unterscheidet nicht, ob es jetzt einen Dokumentarfilm sieht oder nicht. Es gab mal eine Zeit, da hatte Dokumentarfilm so den Ruf des Didaktischen und irgendjemand hat mal den bösen Spruch geprägt, Dokumentarfilm ist das einzige Schlafmittel, das man durch die Augen einnehmen kann. Da sind wir weit darüber hinaus. Dokumentarfilme sind heute in der Tat nicht weniger Film als Spielfilme auch, sie sind dramaturgisch gebaut. Und Sie sehen ja auf der anderen Seite, dass auch der Spielfilm oft sich Referenzen sucht im Dokumentarfilm. Also ein ganz berühmtes Beispiel ist "JFK" von Oliver Stone, der richtig dokumentarisch arbeitet, wenn es darum geht, ein historisches Geschehen aufzubereiten.

Also da sind wir ganz nah, und das Publikum akzeptiert das übrigens nicht nur bei den Festivals, sondern auch im regulären Kinobetrieb, wo ja Dokumentarfilme auch recht passabel laufen in den letzten Jahren – nicht jeder natürlich, weil Dokumentarfilm immer auch einen Zugang über das Thema erfordert, aber im Kino ist der Dokumentarfilm sehr gefragt. Und es ist in der Tat auch so, wie Sie gesagt haben, dass im Fernsehen dieser Hype des Dokumentarfilms noch nachvollzogen werden müsste.

Heise: Sie haben gerade die filmischen Mittel angesprochen und dass also ein Dokumentarfilm von heute weit davon entfernt ist, irgendwie Schlafmittel zu sein. Das liegt ja zum Beispiel auch … also oder wie sehen Sie da die Entwicklung des 3Ds? Also wo ich gerade angesprochen habe, Pina Bausch gestern, die Dokumentation ist in 3D gedreht. Das ist ja dann doch noch was Neues. Ist da noch viel drin sozusagen?

Frickel: Na also ich denke, das ist eine interessante Perspektive, wie ja überhaupt das Genre Dokumentarfilm immer auch avantgardistisch ist und war, denn Dokumentarfilme sind von ihrem Produktionsbudget natürlich sehr viel leichter zu handeln als große Spielfilmproduktionen, und deshalb hat man dort leichter die Möglichkeit, auch mal was auszuprobieren. Natürlich ist 3D auch eine aufwendige Technik, also man muss alles doppelt machen, und es wird sicher Anwendungsbereiche geben, also wenn ich mal denke an den großen Bereich des Naturfilms, der ja übrigens auch im Kino sehr erfolgreich ist, aber nicht jetzt alleine für den Dokumentarfilm steht. Da gibt es natürlich noch sehr viel anderes, aber es wird Anwendungsbereiche geben, wo 3D sicher eine Rolle spielen wird, es wird andere Bereiche geben, wo es auch gar nicht notwendig ist, 3D einzusetzen. Aber ich weiß, dass viele Kollegen da auch offen sind und gerne auch damit experimentieren wollen.

Heise: Der Produzent Thomas Frickel, Vorsitzender der Arbeitsgemeinschaft Dokumentarfilm. Herr Frickel, wo sind denn diese Filme, diese ganzen Dokumentarfilme, die jetzt auf Festivals laufen, auf der Berlinale laufen, wo sind die denn später zu sehen? Wie viele schaffen es eigentlich ins Kino, wie viele ins Fernsehen?

Frickel: Also ins Kino schaffen es schon sehr viele, weil ja auch oft eine Produktionsvoraussetzung von Anfang an ist, dass der Film im Kino erscheinen wird, mit Verleihvertrag et cetera. Im Kino sind leider viele Filme auch schnell wieder weg, weil das Kino bestimmten Marktgesetzen unterworfen ist und den Filmen gar nicht mehr die Zeit lässt, sich zu entfalten, auch die Kinolandschaft sich verengt. Das kommt als weiteres Problem dazu, dass es natürlich auch sehr viele Filme gibt, auch sehr viele Neustarts jede Woche, sehr viele deutsche Filme, und da hat es der Dokumentarfilm dann meistens noch ein bisschen schwerer als die Spielfilme, die parallel starten, weil oft auch die Budgets, um Filme zu bewerben, nicht so intensiv sind wie in anderen Bereichen.

Sie kommen vor, ja, aber es sind einige dann nur, die in relevante Zuschauerzahlen vorstoßen, die Titel kennt man zum Teil. Beim Deutschen Filmpreis beispielsweise gab es jetzt Einreichungen, wenn ich mich recht entsinne, 39 Einreichungen langer Kino-Dokumentarfilme, von denen die Vorauswahlkommission dann immerhin 12 Filme ausgewählt hat, die man für so beachtlich hielt, dass man sagt, die sind erst mal preiswürdig. Da müssen jetzt zwei Nominierungen gefunden werden, aber das zeigt, was für eine Bandbreite und was für ein kreatives Spektrum den deutschen Dokumentarfilm kennzeichnet.

Heise: Also Sie würden auf jeden Fall nicht davon sprechen, dass es ein Nischenprodukt ist, …

Frickel: Absolut nicht.

Heise: … aber im Fernsehen beispielsweise verschwindet die Dokumentation beziehungsweise der Dokumentarfilm immer mehr. Wie erklären Sie das?

Frickel: Ja, wir müssen das leider, ja, was heißt leider, wir müssen es eigentlich gar nicht erklären, sondern das müssen die Leute erklären, die für die Fernsehprogramme verantwortlich zeichnen, und da stellen wir seit Jahren eine Geringschätzung und eine Nichtachtung fest, die wir zum einen natürlich für völlig ungerechtfertigt halten, und zum anderen sehen wir darin auch ein Sich-Entfernen von dem eigentlichen Funktionsauftrag zumindest des öffentlich-rechtlichen Fernsehens.

Denn Dokumentarfilm, wie wir eingangs festgestellt haben, steht ja mitten in der Gesellschaft, er sagt sehr viel über die Gesellschaft, er hat eine große integrative Kraft, der Kinofilm allgemein, und es ist einfach nicht hinnehmbar, dass das Fernsehen, das mit erheblichen öffentlichen Mitteln arbeitet, sich aus diesem Bereich so weit zurückzieht, dass Dokumentarfilme eben dann nach Mitternacht erscheinen, wenn die Leute tatsächlich, auch ohne dass sie den Dokumentarfilm gesehen haben, schon schlafen. Denn der normale Mensch geht ja so gegen zehn Uhr ins Bett, und das lässt sich übrigens auch an den Einschaltstatistiken nachweisen, wie die Sehbeteiligung nach 21 Uhr, nach 22 Uhr wirklich rapide absinkt, und wenn dann kurz vor Mitternacht …

Heise: Herr Fricke, ich habe noch eine andere Idee, woran es vielleicht liegen könnte, liegt es vielleicht daran, an der Explosion des Dokumentarischen im Fernsehen allgemein, also Doku-Soaps, Doku-Drama, Doku-Feature, Scripted Doku, alles heißt ja Dokumentar oder dokumentarisch. Da kommt vielleicht der Dokumentarfilm, der klassischere Dokumentarfilm gar nicht mehr gegen an?

Frickel: Das ist natürlich richtig, dass wir da auch für eine definitorische Klarheit streiten, denn im Fernsehen wird das leider alles in einen Topf gerührt. Dokumentarfilm meint natürlich noch mal was anderes, Dokumentarfilm meint die Filme, die auch dem Publikum noch Raum lassen, sich eigene Gedanken zu machen. Aber das ist ein fester Bestandteil der Kinokultur und das war immer ein fester Bestandteil auch von Fernsehprogrammen, bis dann schrittweise seit Mitte der 80er-Jahre und in letzter Zeit verstärkt eine gewisse, Boulevardisierung sage ich jetzt mal auch öffentlich-rechtlicher Programme eingetreten ist, und das führt dann so weit, dass dann bestimmte herausragende Filme eben nicht, wie noch vor einigen Jahren es möglich war, um 20.15 Uhr laufen, sondern dass sie dann irgendwo versteckt werden, entweder in Nischenprogrammen oder dann wirklich nach Mitternacht.

Heise: Damit ist natürlich das Finanzierungsmodell, dass viele Dokumentarfilme übers Fernsehen eben finanziert werden, sehr wackelig. Gibt es da andere Lösungsansätze?

Frickel: Fernsehsender brüsten sich ja damit, dass sie in sehr viele Filme noch Geld reingeben. Auch bei der Berlinale gibt es viele Filme, wo man dann nachher im Abspann die Sendernamen sieht, aber man muss natürlich sehen, mit welchen Anteilen, mit welchen Finanzierungsanteilen die Fernsehsender beteiligt sind. Und das ist im freien Fall begriffen, das ist geradezu unterirdisch geworden inzwischen.

In Dokumentarfilmproduktionen, die halt, sagen wir, im Schnitt 300.000 Euro kosten, 400.000 Euro kosten, ist das Fernsehen dann mit 30.000, 40.000 Euro beteiligt. Es gibt große, herausragende, auch international bedeutende Dokumentarfilme, die einen deutschen Senderanteil von 5 Prozent noch haben. Oft sinkt der unter die 10-Prozent-Marge, und der Deutsche Filmförderfonds hat festgestellt, dass die Senderbeteiligungen sukzessive abgenommen haben, von vor drei Jahren waren es 25 Prozent, inzwischen sind es unter 15 Prozent, und das geht dann in der Tat nicht mehr, und das kann auch nicht durch andere Fördermittel noch ausgeglichen werden, also da muss mit einer Wertschätzung in den Programmen auch eine Wertschätzung der Arbeit erfolgen, die wir leisten. Und das … also wir sagen manchmal und können das auch nachweisen: Die Dokumentarfilmer, also Leute, die Dokumentarfilme machen, die als Idealisten da rangehen, sind, was das Vergütungsgefüge angeht und das, was sie bekommen für ihre Arbeit, die Parias der Medienbranche. Also jeder Berufszweig kriegt mehr als die Dokumentarfilmer. Reich werden kann man damit nicht.

Heise: Den Kampf für den Dokumentarfilm ficht Thomas Frickel, selber Regisseur und Produzent zahlreicher dokumentarischer Filme und der Vorsitzende der Arbeitsgemeinschaft Dokumentarfilm. Ich danke Ihnen recht herzlich!

Frickel: Ja, recht gerne!

Unser Programm zur Berlinale - Alle Infos zum Filmfestival bei dradio.de

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