Seit 23:05 Uhr Fazit

Montag, 25.05.2020
 
Seit 23:05 Uhr Fazit

Interpretationen | Beitrag vom 22.03.2020

Die Orchesterstücke op. 6 von Alban BergMarsch in den Untergang

Moderation: Volker Hagedorn

Beitrag hören
Alban Berg Photos12.com - Ann Ronan Picture Library PUBLICATIONxINxGERxSUIxAUTxONLY Copyright: xPhoto12/AnnxRonanxPicturexLibraryx ARP07102390005848  (www.imago-images.de)
Seismograph der Krise: Der Komponist Alban Berg (1885-1935) (www.imago-images.de)

"Etwas Großes" sollte es sein, hatte Alban Berg bislang doch vor allem kurze Stücke geschrieben. Was dann kam, war länger – und wurde furchterregend groß: Die Drei Orchesterstücke op. 6 setzen die Welt des Jahres 1914 in Töne.

"Meinem Lehrer und Freunde Arnold Schönberg in unermeßlicher Dankbarkeit und Liebe" – so steht es über den Drei Orchesterstücken op. 6, die Alban Berg 1913 begann, im Sommer 1914 vollendete und 1915 ins Reine schrieb. Dass solche Jahreszahlen ins Gewicht fallen, versteht sich in diesem Fall von selbst, dokumentieren die Orchesterstücke die viel beschworene "Welt von Gestern" (Stefan Zweig) in ihrem Untergang doch sozusagen "live".

Hier geht es zur Playlist der Sendung.

In Bergs hochexpressiver Musik dämmern die "Letzten Tage der Menschheit" herauf, auch wenn diese von Berg und seinem Umfeld zunächst nicht so klar erkannt wurden wie von Karl Kraus, zu dessen begeisterten Lesern Alban Berg gleichwohl gehörte.

Eine Sinfonie, die keine ist

Präludium, Reigen, Marsch: Diese konzisen Überschriften gab Berg den drei Sätzen, die zusammen eher eine Sinfonie als eine Suite darstellen, überdies eine ausufernde Orchesterbesetzung im Stile Gustav Mahlers aufweisen. Überhaupt ist Mahler, der Widmung an Schönberg zum Trotz, der eigentliche musikalische Bezugspunkt dieser Komposition, die vor allem Mahlers Sechster Sinfonie viel verdankt.

Pierre Boulez in der Salle Pleyel Paris (imago stock&people)Dirigieren heißt, eine Partitur genau zu lesen: Pierre Boulez (1925-2016), einer der maßgeblichen Interpreten Alban Bergs (imago stock&people)

Der orchestralen Fülle entsprechend gehört Bergs Partitur auch auf der strukturellen Ebene zu den reichsten, ja üppigst wuchernden Stücken der Zeit. Theodor W. Adorno, Bergs Kompositionsschüler, brachte es auf den Punkt: "Als er mir die Partitur zeigte und erläuterte, meinte ich, unterm ersten graphischen Eindruck: ‚Das muß klingen, wie wenn man Schönbergs Orchesterstücke und Mahlers Neunte Symphonie zugleich spielt.‘"

Das Fass zum Überlaufen bringen

Unheilvolles kündet sich im schwülen "Präludium" an. Im "Reigen" wird scheinbar heiter auf den Rändern des Vulkans getanzt; Berg dachte hier sicherlich auch an das gleichnamige Theaterstück von Arthur Schnitzler. Mit ungeheurer Wucht geht der finale "Marsch" seinem eigenen Untergang entgegen – Berg war kein Prophet, hatte aber Sensorien für die Stimmung seiner Zeit, in der nur noch der Tropfen fehlte, der das Fass zum Überlaufen brachte. Als dieser beim Attentat 1914 in Sarajewo fiel, marschierte Berg – zumindest kurzzeitig – mit. Wohin das führte, davon hatten die Hammerschläge in seinen Orchesterstücken schon zuvor gekündet.

Mehr zum Thema

Christoph von Dohnányi bei den Wiener Philharmonikern - Atmosphärisch dicht
(Deutschlandfunk Kultur, Konzert, 10.12.2019)

Theodor W. Adorno und die Neue Musik - "Der kritische Weg ist allein noch offen"
(Deutschlandfunk Kultur, Neue Musik, 25.06.2019)

Zweite Wiener Schule - "Gipfelpunkt der Musik"
(Deutschlandfunk Kultur, Konzert, 13.02.2019)

Interpretationen

Bohuslav Martinůs 6. SinfonieFantastische Freiheit
Porträt des tschechischen Komponisten Bohuslav Martinů (1890-1959) (picture-alliance / dpa / CTK Photo)

Eine Musik, die im ungehemmten Fluss zu sich selbst findet, eine Sinfonie der Freiheit – das gelang dem tschechischen Komponisten Bohuslav Martinů 1953. Auch wenn das Werk nie populär wurde: Seine Qualitäten werden mehr und mehr anerkannt.Mehr

Das Requiem von Gabriel FauréTod ohne Stachel
Der französische Komponist Gabriel Fauré (1845-1924) (Imago / Collection Taponier)

Dieses Requiem ist anders als alle anderen: Kein dramatisches "Dies Irae" steht hier im Mittelpunkt, sondern Trost und Hoffnung. Mit seiner Vertonung der lateinischen Totenmesse schuf Gabriel Fauré ein Werk von elegischer Sanftheit.Mehr

weitere Beiträge

Entdecken Sie Deutschlandfunk Kultur