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Politisches Feuilleton / Archiv | Beitrag vom 12.01.2007

Die Opferkultur und ihre Verächter

Von Joachim Güntner

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Passanten laufen durch die Innenstadt von Essen (AP)
Passanten laufen durch die Innenstadt von Essen (AP)

"Du bist ein Opfer! Kein Player, kein Rapper, kein Mann. Du bist ein Opfer!" So tönt es, wenn ein Berliner Gangsta-Rapper einen anderen mit einem Diss-Track, früher hätte man gesagt: einem Schmählied aufs Übelste verhöhnen möchte. Die gleiche rhetorische Waffe kommt in Anschlag, wenn Jugendliche auf der Straße oder an der Schule jemanden ausgucken, von dem sie meinen, er lasse sich je nach Laune demütigen und "abziehen", also berauben oder zu Schutzgeldzahlungen erpressen.

"Du Opfer" ist nicht nur in verrohten Vierteln unserer Metropolen, sondern bis in ländliche Kreise bildungsferner Milieus hinein das schlimmste Etikett, das einem angeheftet werden kann. Eine Lizenz zum Anspucken. Man suche einmal auf YouTube, der Internetplattform für Videos, welche die Nutzer selber einstellen, das Wort "Opfer". Bezeichnend sind die Sujets der dann angezeigten vielen hundert Treffer. Nicht um das Opfer, das jemand dankenswerterweise bringt, auch nicht um Menschen, die unser Mitleid verdienen, geht es dort mehrheitlich. Dominant sind vielmehr Hohn, Häme und die Lust, die Drangsalierten in ihrer Schwäche dem öffentlichen Gelächter preiszugeben. Die Frage, was moralisch anstößiger ist, Opfer zu sein oder Täter, wird hier klar zu Lasten der Opfer beantwortet.

Das muss irritieren, denn seit Jahrzehnten pflegen wir eine Kultur der Anerkennung, die es gut mit Opfern meint. Frauen als Opfer männlicher Gewalt, Schwarze als Opfer von Rassisten, Schwule als Opfer von Homophoben, Nichtraucher als Opfer der Raucher – sie alle können, jedenfalls in der Beletage des moralischen Diskurses, auf Verständnis für ihre Nöte rechnen. Der Opferstatus verspricht Identität, Prestigegewinn, Unangreifbarkeit. Opfer zu sein, entlastet von Verantwortung, fordert Aufmerksamkeit und setzt jene unter Rechtfertigungsdruck, die ihr Mitleid verweigern.

Es passt zur liberalen, postheroischen, individualistischen Gesellschaft, vom Einzelnen nicht Duldsamkeit oder gar Aufopferung für höhere und allgemeine Zwecken zu verlangen, sondern ihn bei Bedarf zu bedauern. Darin steckt gewiss auch ein zivilisatorischer Gewinn, ein Zuwachs an Empathie und Zartheit. In dem Maße freilich, wie das Profitieren vom Opferstatus zu einer forcierten Ausweitung von Opfergruppen führt, Opferkonkurrenzen schafft und "Opferanwälte" sowie als "Opfermacher" wirkende Therapeuten auf den Plan ruft, droht eine Korruption zivilisatorischer Vorzüge. Verdruss ist die Folge, und Intellektuelle unterschiedlicher Couleur sehen sich zur Gegenrede genötigt. Unsere Opferkultur sei neurotisch, heißt es, sie pflege eine "äußerst narzisstische Vorstellung von der menschlichen Persönlichkeit", sie sei politisch überkorrekt und intolerant und verhindere im Übrigen durch die Art, wie sie Opfer hätschele, dass der Betreffende sein Opferdasein überwindet.

An dieser Stelle drängt sich die Frage auf, wie breit die Aversion gegen Opferstilisierungen angelegt ist. Sollten etwa die vielen abwertenden Stimmen letztlich Kinder eines Zeitgeistes sein? Das wäre eine schauderhafte Vorstellung. Wir müssten dann glauben, dass die Opferverhöhnung, wie sie Gangsta-Rapper und Unterschicht-Jugendliche mit Wonne betreiben, untergründig Verbindung hält mit der intellektuellen Kritik an den Auswüchsen der Opferkultur. Vielleicht haben wir es mit einem Stimmungswandel zu tun, der durchaus allgemein ist, sich nur eben je nach gesellschaftlichem Standort mal klug und abgewogen, mal brutal artikuliert. Entscheidend jedoch für die Frage, wes Geistes Kind ein Verächter der Opferkultur ist, ist seine Haltung zur "Täterkultur". Höhnt, spottet und kritisiert er nur? Oder geht seine Verachtung einher mit der Billigung von Schikanen und Gewalt?

Die Beschimpfung "Du Opfer" strotzt vor solcher Billigung. Und sie vereinzelt den Beschimpften radikal. Wir sehen nun das spezifisch Zeitgeistige an ihr. Sie steht gleich doppelt quer zur Opferkultur, die erstens eine Kultur des Schutzes, zweitens eine Kultur von Kollektiven ist, von Opfergruppen. Der Jugendliche hingegen, der auf der Straße oder dem Schulhof als Opfer fertiggemacht wird, ist aller Gruppenidentität entkleidet: Nicht dass er schwarz, schwul oder weiblich sei, hält man ihm vor, sondern persönliche Schwäche. Sein Sein ist sein Verhängnis. Die Täter blicken ihn gewissermaßen nackt an, sie verorten seine Existenz jenseits sozialer Zugehörigkeiten.

Archaik steckt in diesem Tun, aber auch Moderne. Es ist die Moderne der Globalisierung, die Migration und multiethnische Gesellschaften schafft. Ohne die Einwanderer aus Macho-Kulturen gäbe es die Stigmatisierung "Du Opfer" wohl kaum. Zugleich macht es gerade den funktionalen Nutzen dieser Begrifflichkeit aus, in einer multiethnischen Gesellschaft ethnisch neutral zu sein. Wo viele Nationalitäten beieinander leben, kann es ratsam sein, ein Opfer rein als Opfer, nicht als "Kanake", "Knoblauchfresser" oder "Schlitzauge" zu beschimpfen. Denn wer jemanden unter Bezug auf dessen Milieu oder Herkunft attackiert, bringt sogleich auch dessen Clan oder Landsleute gegen sich auf. Diese Gefahr besteht bei "Du Opfer" nicht.

Joachim Güntner, Jahrgang 1960, studierte Philosophie und Literaturwissenschaften, bevor er in die freie Publizistik ging. Er war zunächst künstlerisch-wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Kunsthochschule für Medien in Köln und schrieb für die Feuilletons überregionaler Zeitungen, für Zeitschriften und für den Hörfunk. Seit 1997 ist Güntner der für Deutschland zuständige Kulturkorrespondent der Neuen Zürcher Zeitung.

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