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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 06.04.2011

Die Opfer sind Kinder und Frauen

Lydia Cacho: "Sklaverei - Im Inneren des Milliardengeschäfts Menschenhandel", S. Fischer Verlag, Frankfurt / Main 2011, 350 Seiten

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Zwei Kinder auf den Philippinen (AP)
Zwei Kinder auf den Philippinen (AP)

Weltweit geraten jährlich rund 1,4 Millionen Frauen und Kinder in die Hände von Zuhältern und Pädophilen. Eine Journalistin hat sich in die Hölle der Sexsklaverei begeben und klärt auf. Ein großes, wichtiges und zutiefst beeindruckendes Buch.

"Jedes Jahr werden weltweit rund 1,4 Millionen Menschen, überwiegend Frauen und Mädchen, in die Sexsklaverei gezwungen." Mit diesem ebenso trocknen wie ungeheuerlichen Zitat beginnt die mexikanische Journalistin und Menschenrechtlerin Lydia Cacho ihr neues Buch "Sklaverei. Im Inneren des Milliardengeschäfts Menschenhandel".

Cacho weiß, wovon sie spricht. Nach dem Erscheinen ihres ersten Buches, in dem sie einen Pädophilen-Ring in Mexiko aufdeckte, wurde sie verhaftet, gefoltert und diffamiert. Doch statt sich zurückzuziehen, hat sie ihre Recherchen über die sexuelle Ausbeutung von Frauen und Kindern intensiviert und systematisiert. Lydia Cachos beeindruckender Mut, ihre unkorrumpierbare Kompromisslosigkeit und die große Klarheit ihrer Ausführungen beleben jede Zeile ihres neuen Buches.

Ihre Erkenntnisse hat sie in zwei große thematische Blöcke unterteilt. Im ersten Teil geht es um die einzelnen Länder. Ob in der Türkei, in Israel und Palästina, in Japan, in Kambodscha, in Birma oder Argentinien und Mexiko – die Autorin deckt überall ebenso kenntnisreich wie überzeugend die lokalen Verflechtungen zwischen legalen und illegalen Akteuren sowie die Bedingungen von Sklaverei und Menschenhandel auf.

Es sind entrechtete Kriegsopfer in Palästina, Kinderprostituierte in Südostasien oder Frauen aus Osteuropa, die mit falschen Versprechungen in diese Länder gelockt wurden – im ersten Teil des Buches kommen sie selbst zu Wort. Manche ihrer Geschichten sind so entsetzlich, dass das Lesen fast zur Qual wird. Doch Cacho schafft es, auch menschlicher Grausamkeit sachlich ins Auge zu blicken. Immer wieder weißt sie darauf hin, dass soziale Ungleichheit und Armut der Boden sind, auf dem Sklaverei und Menschenhandel gedeihen.

Im zweiten Teil des Buches systematisiert sie ihre Erkenntnisse. Sie beschäftigt sich mit den Klienten und der dahinter liegenden Wahrheit, dass der wachsende Markt sexueller Dienstleistungen immer eine Reaktion auf wachsende Nachfrage ist. Diese wird legitimiert durch ein patriarchalisches Menschenbild, das auf der Unterlegenheit und Wertlosigkeit von Frauen und Kindern beruht. Einen weiteren Schwerpunkt hat Cacho deshalb auch auf die Verflechtung von Militär und Prostitution, die Rolle des Zuhälters und den Einfluss der Mafia im Zeitalter der Globalisierung gelegt.

In ihren abschließenden Ausführungen wird deutlich, dass die Legalisierung der Prostitution ihrer Meinung nach keine Lösung des Problems darstellt. Denn es gehört zu den üblichen Techniken, unter dem Deckmantel legaler Käuflichkeit deren illegale Akteure wie Sexsklavinnen oder Kinderprostituierte zu verstecken.

Lydia Cacho hat ein großes, wichtiges und zutiefst beeindruckendes Buch geschrieben. Ihre Arbeit macht deutlich, dass es möglich ist, selbst die komplexesten Sachverhalte systematisch zu entwirren und alle Beteiligten, ob Anbieter oder Nutznießer, gezielt zu benennen. Jetzt liegt es an Staaten, Institutionen und Einzelpersonen, sich den Konsequenzen ihrer Recherchen zu stellen.

Besprochen von Ariadne von Schirach

Lydia Cacho: Sklaverei - Im Inneren des Milliardengeschäfts Menschenhandel
Übersetzt von Jürgen Neubauer
S. Fischer Verlag, Frankfurt / Main 2011,
350 Seiten, 19,95 Euro

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