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Im Gespräch | Beitrag vom 08.06.2019

Die offene GesellschaftWie tolerant sind wir?

Philip Husemann und Wolfgang Merkel im Gespräch mit Katrin Heise

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Demo in Berlin - die Demonstranten tragen einen Schriftzug mit der Aufschrift: "Unteilbar - für eine offene und tolerante Gesellschaft". (imago images / Carsten Thesing)
"Für eine offene und tolerante Gesellschaft": Doch wie weit reicht die Toleranz der "wohlmeinenden Kosmopoliten", fragt Politologe Wolfgang Merkel. (imago images / Carsten Thesing)

Die offene Gesellschaft wird in Wahlkämpfen und Talkshows oft beschworen. Aber wie tolerant sind wir wirklich, wenn es darum geht, die Meinung anderer zu akzeptieren? Wie schnell grenzen wir aus? Was bedeutet es, eine offene Gesellschaft zu sein?

"Öffentliche Debatten sind aktuell geprägt durch Dauerempörung und destruktive Diskussionen. Wir wollen den Spieß umdrehen und nach Lösungen und Ideen suchen, die das Leben ein gutes Stück besser machen", sagt Philip Husemann, Geschäftsführer der Initiative "Die Offene Gesellschaft". Die parteiunabhängige Bewegung wurde 2015 gegründet, unter dem Eindruck der Flüchtlingsdebatte und des wachsenden Populismus.

Ihr Ziel: den gesellschaftlichen Dialog und die Toleranz im Land zu befördern. Ihr Motto: "Eine offene Gesellschaft gibt es nur dann, wenn genug Menschen für sie eintreten."

Picknicken für die Demokratie

Zu ihren Aktionen gehört der "Tag der offenen Gesellschaft", der in diesem Jahr am 15. Juni stattfindet. Die Idee dahinter: Möglichst viele Menschen sollen Tische vor ihre Tür stellen und Menschen einladen, mit ihnen zu essen, zu trinken, zu diskutieren – und zu streiten.

Philip Husemann gehört auch zum Gründungsteam von "Fearless Democracy". Der Verein will die Funktionsweise und Auswirkungen populistischer Hass-Kampagnen im Netz offenlegen. Neben vielen Chancen, die das Internet und die sozialen Medien gerade auch für die demokratische Beteiligung mit sich bringen, können sie auch "Brandbeschleuniger" sein, so Husemann: "Realität, Diskussionen und Debattenkultur stehen sich oft diametral gegenüber."  

"Toleranz muss weh tun"

"Toleranz muss weh tun, sonst ist es keine Toleranz", sagt Prof. Dr. Wolfgang Merkel, Direktor der Abteilung Demokratie und Demokratisierung am Wissenschaftszentrum Berlin. "Wenn wir das nicht aushalten, schließen wir aus."

Aktionen wie ein "Tag der offenen Gesellschaft" seien löblich. Doch müsse man aufpassen, dass sich dabei nicht die "wohlmeinenden Kosmopoliten" treffen, die sich auf der "guten Seite" wähnen und Andersdenkende damit ausschließen. Der Politikwissenschaftler warnt vor einer wachsenden gesellschaftlichen Spaltung, die sich auch bei der Europawahl gezeigt habe.

Warnung vor der "Zweidrittel-Demokratie"

Wir lebten längst in einer "Zweidrittel-Demokratie", warnt er:

"Ein Drittel beteiligt sich politisch nicht mehr aktiv und wird auch nur sehr bedingt repräsentiert. Die Mehrzahl unserer Abgeordneten hat die kulturelle Verbindung zu den unteren Schichten verloren. Das obere Drittel bestimmt die Medien, die Kultur und die politischen Entscheidungen. Wir haben es uns in unseren liberalen Echokammern bequem gemacht. Die demokratische Klugheit gebietet es aber, dass das privilegierte obere Drittel nicht ständig die wirtschaftlich und kulturell abgehängten Schichten mit seiner Weltsicht belehrt."

Die offene Gesellschaft: Wie tolerant sind wir? Darüber diskutiert Katrin Heise am Samstag, den 8. Juni 2019, von 9:05 bis 11:00 Uhr mit Philip Husemann und Wolfgang Merkel.

Hörerinnen und Hörer können sich beteiligen unter der Telefonnummer 0800 2254 2254 sowie per E-Mail unter gespraech@deutschlandfunkkultur.de.

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