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Weltzeit / Archiv | Beitrag vom 27.02.2018

Die nützlichen MigrantenZwei Millionen Ukrainer in Polen

Von Florian Kellermann

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Ukrainer an der Grenze zu Polen. Seit dem 11. Juni dürfen ukrainische Staatsbürger ohne Visum in die EU einreisen.  (AFP/Yuri Dyachyshyn)
Ukrainer an der Grenze zu Polen: Seit dem 11. Juni 2017 dürfen ukrainische Staatsbürger ohne Visum in die EU einreisen. (AFP/Yuri Dyachyshyn)

Polen will und braucht keine Zuwanderung, lautet regelmäßig die Rhetorik der PiS-Regierung. Dabei leben inzwischen rund zwei Millionen Ukrainer in Polen. Oft geflüchtet vor dem Krieg, beleben sie die wachsende Volkswirtschaft - meist unauffällig und flexibel.

Die Wartehalle wirkt frisch renoviert. Die Drogerie, die Lebensmittelläden, der Kiosk - der Warschauer Busbahnhof im Westen der polnischen Hauptstadt hat ein einheitliches, schickes Design bekommen. Von der Decke hängen glutrote Strahler, die Wärme nach unten abstrahlen, zu den Wartenden, die auf neuen bequemen Stühlen sitzen.

Doch das ist nur die halbe Wahrheit über den Busbahnhof. Die geschulten Augen von Ula Vorobets sehen mehr.

"Schauen Sie auf die Frau, die dahinten steht. Sie steigt von einem Fuß den anderen und beißt sich auf die Lippen. Sie ist gestresst. Vielleicht wartet sie auf ihren vermeintlichen Arbeitgeber. Und die beiden Männer, die gerade zur Tür laufen, das sind Mittler. Sie haben gerade Ukrainer hierher gebracht, nehme ich an. Der Westbahnhof hat sein eigenes Leben, für manche ist das ein Märchen, für andere ein Horrorfilm."

Warschauer Busbahnhof als Anlaufpunkt für Immigranten

Hier kommen jeden Tag mehrere Fernbusse an, vor allem aus Osteuropa. Die Wartehalle ist für viele Immigranten das erste Gebäude in Polen, das sie betreten. Die allermeisten von ihnen wissen schon, wo sie in den kommenden Monaten arbeiten werden - oder vielmehr glauben sie das. Denn nicht wenige werden betrogen. Von den ukrainischen Vermittlern, die sie für eine saftige Gebühr hierher gebracht haben. Oder von ihren künftigen Chefs.

Erst vor wenigen Tagen hat Ula Vorobets hier eine Frau angesprochen, die in sich zusammengesunken und völlig verzweifelt war:

"Die Frau hat hier sechs Tage verbracht, hat auf der Bank geschlafen und hatte nichts zu essen. Ab und zu hat ihr jemand ein belegtes Brötchen oder einen Kaffee gekauft, hat sie gesagt. Ihr Arbeitgeber, außerhalb von Warschau, hat sie betrogen. Er hat sie den ganzen Tag arbeiten lassen und ihr dafür fünf Zloty am Tag bezahlt. Dann haben sie auch noch Ukrainer, die sie mit nach Warschau gebracht haben, bestohlen. Sie hatte kein Telefon mehr und keine Hoffnung auf ein besseres Leben."

Ula Worobets setzt sich ein für Ukrainer, denen es schlecht geht in Polen. Denn auch sie, eine Mutter von vier Kindern, hatte es am Anfang alles andere als leicht, als sie aus dem ukrainischen Lemberg nach Polen gekommen war. In ihrem ersten halben Jahr arbeitete die ehemalige Journalistin auf dem Feld, als Köchin und als Kinderbetreuerin, schlief mit 18 anderen in einem Zimmer und wurde um ihren Lohn geprellt.

Internetportal als Vermittler zwischen Firmen und Immigranten

Doch inzwischen hat sie einen guten Arbeitgeber gefunden, ganz im Südwesten von Polen. Von dort aus betreibt sie ein Internetportal. Es bringt ehrliche polnische Firmen mit ehrlichen Mitarbeitern zusammen - und schützt beide. So hat sie auch sofort einen Arbeitsplatz für die verzweifelte Frau in der Wartehalle gefunden. In einem Cafe am Westbahnhof erzählt sie mehr:

"Wir helfen jedem gerne, aber wir helfen auch gerne beim Bestrafen. Einen Unternehmer, der betrügt, melden wir der Arbeitsaufsicht. Und einen unehrlichen Ukrainer dem Grenzschutz - er bekommt ein Einreiseverbot. Das klingt nicht so harsch, aber, glauben Sie mir, das wirkt."

Zwei Millionen Ukrainer leben in Polen

Nach Schätzungen leben heute schon rund zwei Millionen Ukrainer in Polen. Das Nachbarland braucht die Arbeitskräfte. Denn die Wirtschaft wächst schnell - und viele Polen sind in den vergangenen Jahren in westliche EU-Länder ausgewandert - nach Großbritannien und Deutschland. Also kann Polen die ukrainischen Zuwanderer gut gebrauchen. Sie gelten entsprechend auch als Gastarbeiter – nur einige Tausend Ukrainer haben einen Antrag auf Anerkennung als Flüchtling gestellt.

Auch Ljudmyla Daschynska nicht, obwohl sie aus Luhansk stammt, aus dem Kriegsgebiet im Osten der Ukraine.

"Als Flüchtling könnte ich ja nicht mehr in die Ukraine reisen - und dort wohnt ja noch meine Mutter. Ich lebe hier mit einer Aufenthaltsgenehmigung."

Die gelernte Tierärztin sitzt in einem ukrainischen Restaurant, nicht weit vom Warschauer Hauptbahnhof. Hierher kommt sie oft, wenn sie Sehnsucht hat nach Borschtsch, der Rote-Bete-Suppe.

Auch die Tierärztin hatte es nicht leicht. Nach ihrer Ankunft in Warschau vor vier Jahren bekam sie zunächst nur Absagen:

"In bin jeden Tag in ein Internetcafe am Bahnhof gegangen und habe nach Stellenanzeigen gesucht. Wir suchen Polen, hat es geheißen, oder: Man muss gut Polnisch sprechen. Da wurde ich ein bisschen depressiv, weil ich tageweise ein Zimmer gemietet hatte und meine Ersparnisse schnell geschrumpft sind."

Ljudmylas Glück: Sie kam in einem Hotel unter, wo sie auch übernachten konnte und die Sprache lernte. Heute pflegt die Tierärztin eine ältere Dame und hilft der Direktion einer Schule, im Umgang mit Kindern aus Osteuropa. Obwohl inzwischen viel mehr Ukrainer in Warschau leben, habe sie vor allem polnische Freunde, sagt sie.

"Probieren Sie doch die Kartoffelpuffer mit Sahne", sagt Ljudmyla, die seien hier so köstlich wie Zuhause in der Ukraine.

Wer in Polen nicht ankommt, zieht nach Westen

Nein, Heimweh habe sie nicht, beteuert sie. Obwohl auch sie die Spannungen im polnisch-ukrainischen Verhältnis mitbekommen hat. Kurz gesagt: Die polnische Regierung wirft der Ukraine vor, die Verbrechen ukrainischer Nationalisten im Zweiten Weltkrieg nicht aufzuarbeiten - das sogenannte Massaker von Wolhynien.

"Unter meinen Bekannten ist keiner, der das mir gegenüber angesprochen hätte. Nur einmal war ein Pole feindselig mir gegenüber: Ihr Ukrainer schießt hier wie Pilze aus dem Boden, hat er gesagt. Ich habe ihn gefragt, ob ich ihm etwa seinen Arbeitsplatz oder seine Wohnung wegnehme. Dann war Ruhe."

Ljudmila will in Warschau bleiben. Dass sie nicht als Tierärztin arbeitet, stört sie nicht. Aber nicht wenige Ukrainer, die mit ihrer Qualifikation in Polen nicht ankommen, zieht es weiter, etwa nach Deutschland.

Ula Vorobets, die am Busbahnhof Gestrandeten hilft, betreibt inzwischen ein zweites Internetportal. "Arbeit für die Ukraine", heißt es. Es vermittelt ukrainische Arbeitskräfte nach Deutschland.

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