Die Norm des Teilens

Urs Gasser im Gespräch mit Frank Meyer · 21.04.2009
Er nennt sie die "Digital Natives", die neuen Eingeborenen der digitalen Welt. Gemeinsam mit John Palfrey hat der Wissenschaftler Urs Gasser von der Universität Harvard ihr Verhalten erforscht. Auffällig sei, dass die Grenze zwischen Privatem und Öffentlichem verwische und damit die Bereitschaft, für Inhalte zu zahlen, sinke, so Gasser.
Frank Meyer: Die jungen Menschen, die inzwischen mit dem Internet groß geworden sind, die akzeptieren das Prinzip des geistigen Eigentums nicht mehr, denn diese Jugendlichen laden ohne Hemmungen Musik, Videos, Filme aus dem Internet, ohne zu bezahlen. Diese These ist gerade öfter zu hören in der Diskussion über das Pirate-Bay-Urteil. Vier Betreiber der schwedischen Internetbörse Pirate Bay sind vor Kurzem zu einjährigen Haftstrafen verurteilt worden. Wie sieht das aus mit dem Rechtsempfinden der Generation Internet und was unterscheidet diese Generation von den Älteren? Das will ich jetzt mit Urs Gasser besprechen. Er ist der Direktor des Berkman-Centers, das ist ein Institut der Universität Harvard, das sich auf Internet und Gesellschaftsforschung spezialisiert hat, und Urs Gasser hat gemeinsam mit seinem Kollegen John Palfrey ein Buch über die "Digital Natives" geschrieben, also über die neuen Eingeborenen der digitalen Welt. Herr Gasser, gehen Sie denn da mit bei dieser These, die mit dem Internet aufgewachsenen Jugendlichen, die achten das geistige Eigentum anderer nicht mehr?

Urs Gasser: Einmal mehr muss die Antwort mit "jein" ausfallen. Zum einen ist es tatsächlich so, dass eine große Mehrheit von "Digital Natives" die Musik kostenlos aus dem Internet bezieht und damit eben auch oft Urheberrechtsverletzungen begeht. Andererseits zeigen aber Umfragen, dass junge Menschen durchaus ein Verständnis haben von geistigem Eigentum, nämlich insbesondere dann, wenn sie selber Inhalte kreieren und ihre Kolleginnen und Kollegen Inhalte bereitstellen. Da spielen durchaus Normen der Anerkennung eine Rolle, die sich auch im Urheberrecht finden.

Meyer: Wäre denn aus dieser Anerkennung heraus auch eine Bereitschaft bei diesen jungen Menschen zu entwickeln, dann tatsächlich zu bezahlen für Inhalte, die sie sich aus dem Internet holen?

Gasser: Ich glaube, hier ist in der Tat ein interessantes Phänomen zu beobachten, dass das Internet mit dieser unglaublichen Fülle von Informationen zu einer sozialen Erwartung geführt hat, dass Inhalte grundsätzlich frei verfügbar sind und jederzeit abrufbar sind von allen Ecken der Welt. Ich glaube, da eröffnet sich tatsächlich eine Kluft zwischen den Erwartungen der "Digital Natives" und uns, den "Digital Immigrants", die eben ein stärkeres Bewusstsein haben, dass man für Inhalte unter Umständen bezahlen muss.

Meyer: Aber Sie sagen im Grundsatz, diese neue Generation Internet, die ist im Prinzip verloren für diese alte Idee vom Urheberrecht, vom geistigen Eigentum?

Gasser: Es ist sehr schwer, diese starke Sozialnorm, die eben von den "Digital Natives" geteilt wird, die rückgängig zu machen, insbesondere eben auch durch rechtliche Normen durchzusetzen, da, glaube ich, ist der Kampf tatsächlich weitgehend verloren.

Meyer: Sehen Sie da Alternativmodelle, etwas, mit dem man auch diese Gemeinde der jungen Internetnutzer wieder ins Boot holen könnte für eine gemeinsame, funktionierende Kulturproduktion?

Gasser: Diese Modelle gibt es, die werden diskutiert, Kulturflatrate ist ein Stichwort, also die Idee, dass man im Grunde genommen eine Steuer erhebt auf Internetzugang auf den digitalen Geräten und dann durch diese Steuern, die der Staat erhebt, letztlich auch wieder die Künstlerinnen und Künstler proportional zur Werknutzung entlöhnt.

Meyer: Viele dieser illegalen Aktivitäten, für die die Pirate-Bay-Betreiber in Schweden jetzt verurteilt wurden, die laufen ja über Tauschbörsen im Internet und dieses Austauschen, das miteinander Teilen, das ist ja für viele Jugendliche tatsächlich das Wichtigste im Internet. Wie verändert denn dieses Leben im intensiven Austausch die Identität der jungen Menschen?

Gasser: Ich stimme überein, diese Norm des Teilens ist eine Kernnorm des Internets und interessanterweise auch etwas Gutes eigentlich, gesellschaftlich gesehen. Wir lehren unseren Kindern ja auch, dass sie schön teilen sollen. Insofern ist das durchaus begrüßenswert. Nun, ich glaube, die Veränderungen, die man beobachten kann, sind dreifacher Art. Einerseits eben verändert sich das Verhältnis zur Information als solches, der Umgang mit Informationen ist heute viel interaktiver, auch kreativer, dann die Art und Weise, wie "Digital Natives" miteinander kommunizieren, das verändert sich stark, und dann letztlich eben auch die Beziehung zu gesellschaftlichen Institutionen. Der Aspekt, den Sie erwähnen, betrifft ja die Kommunikation, man sieht: "Digital Natives" teilen sich gerne mit, also auch hier das Motiv des Teilens, legen persönliche Daten offen, auf Facebook, wie wir das aus älteren Generationen eigentlich nie machen würden, und das verändert eben auch die Erwartungen unter den Jugendlichen und jungen Nutzern, was privat und was öffentlich sei.

Meyer: Viel von dem Sozialleben von Jugendlichen findet ja im Internet statt mit ganz unterschiedlichen Erwartungen. Der "Focus" hat vor Kurzem die Nachwuchsautorin Rebecca Martin zitiert, die schreibt: "Im Endeffekt ist es so, dass meine 150 Freunde bei Myspace nur Leute sind, mit denen man mal Party macht, Dutzende von Gesichtern, die man umarmt, küsst – sie scheren sich einen Scheißdreck um dich und du scherst dich einen Scheißdreck um sie." Meine Frage an Sie, Urs Gasser: Wird da vielleicht auch zu viel erwartet von diesen sozialen Netzwerken an tatsächlicher Gemeinsamkeit?

Gasser: Die Untersuchungen zeigen, dass gerade diese Freundschaftsnetze, die entstehen in diesen Sozialnetzwerken, durchaus Ähnlichkeiten haben mit dem realen Freundeskreis, also mit Menschen, mit denen ich mich auch offline treffen würde. Nun lässt sich aber natürlich nicht abstreiten, dass es in der Tat auch Beziehungen gibt und Freundschaften geknüpft werden, Freundschaften in Anführungsstrichen, die sich eben alleine im Online-Raum abspielen, denken Sie auch an beispielsweise die kürzliche Abstimmungskampagne, Wahlkampagne von Präsident Obama, der Hunderttausende von Freunden nun auf dem Internet hat. Wie ist das zu beurteilen? Ich glaube, grundsätzlich nicht negativ, weil es eben in der Tat so ist, dass das Internet sozusagen eine neue Dimension hinzufügt, wie Freundschaften entstehen können, und nicht die realen, echten Freundschaften, wie wir sie gewohnt sind, ersetzt, sondern in dem Sinne ergänzt und erweitert.

Meyer: Deutschlandradio Kultur, wir sind im Gespräch mit Urs Gasser, er ist der Direktor des Berkman-Centers der Harvard University, einem Zentrum für Internet und Gesellschaftsstudien. Dieses Leben der Jugendlichen, das sich immer mehr ins Virtuelle verlagert, in soziale Netzwerke, in Computerspiele hinein – was macht das eigentlich mit dem Verhältnis dieser Generation Internet zur realen Welt? Gibt es da überhaupt noch Unterschiede zwischen der virtuellen und der realen Welt?

Gasser: Das ist eine sehr interessante Frage. In den zahlreichen Interviews und Gesprächen, die wir geführt haben im Rahmen unserer Studien, hat sich tatsächlich herausgestellt, dass diese Differenzierung nicht mehr vorgenommen wird bei den "Digital Natives", sondern dass die Grenzen verwischen. Man kann es vielleicht so vergleichen wie bei der Einführung des Automobils. Ich erinnere mich an Erzählungen meiner Großeltern, damals war das Automobil, das da sozusagen auf den Markt kam, etwas ganz Besonderes, etwas, das man fast nicht glauben konnte, dass es das gibt, aber heute, selbst in unserer Generation, zwei Generationen später, da ist das Auto selbstverständlicher Bestandteil des Lebens und ich glaube, ganz ähnlich ist das beim Internet und bei den jungen Menschen, die eben in eine digitale Welt hineingeboren worden sind, die sich ein Leben ohne google und wikipedia nicht mehr vorstellen können. Das Internet wird Selbstverständlichkeit.

Meyer: Und wie ausschließlich ist das Internet für Sie? Man liest immer wieder, dass für diese neue Generation, für eben diese "Digital Natives", für die Eingeborenen der digitalen Welt, das Internet tatsächlich schon die einzige Informationsquelle ist, so als ob Fernsehen, Radio, Bücher gar nicht mehr existieren würden. Ist das so?

Gasser: Gemäß den jüngsten Umfragen, gerade zum Beispiel aus Deutschland, ist es so, dass das Internet – was die Zeit betrifft – den Fernsehkonsum überholt hat. Gleichzeitig stellt man natürlich auch den Trend fest unter der Rubrik Medienkonvergenz, dass das Fernsehen zunehmend ins Internet kommt, also – die Dinge fließen zusammen. Insofern stimmt sicherlich der Trend eben, dass das Internet zum primären Informations- und Kommunikationsmedium der "Digital Natives" wird. Ich möchte aber anfügen, wir sprechen hier von einer Generation von "Digital Natives", man muss sich immer vor Augen halten, dass das natürlich streng genommen nur ein Ausschnitt aus der Gesellschaft ist. Es gibt viele junge Menschen, denken Sie an Entwicklungsländer, die eben keinen Zugang zu diesen Technologien haben und die natürlich auf ganz andere Informationsmedien, durchaus auch traditionellerer Art, angewiesen sind.