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Zeitreisen / Archiv | Beitrag vom 01.03.2006

Die neuen Gläubigen von Hollywood

Metamorphosen einer Filmmetropole

Von Josef Schnelle

Jim Caviezel spielt Jesus Christus, bei den Dreharbeiten zum Film "Die Passion Christi" (AP)
Jim Caviezel spielt Jesus Christus, bei den Dreharbeiten zum Film "Die Passion Christi" (AP)

Die Filmmetropole Hollywoods steht vor der größten Veränderung ihrer Geschichte. Evangelikale Netzwerke rüsten sich mit Drehbuchworkshops und Hollywood Player Groups zum Sturm. Mit dem Fantasyknüller "Der König von Narnia" und dem bitter ernst gemeinten christlichen Horrofilm "Der Exorzismus von Emily Rose" waren erster Ergebnisse dieser Häutung Hollywoods auch schon in deutschen Kinos zu sehen.

Wenn in einigen Tagen "Brokeback Montain", der Film des in Amerika lebenden Taiwanesen Ang Lees über zwei homosexuelle Cowboys in Wyoming, nach dem "Golden Globe" der Auslandspresse und zahlreichen anderen Auszeichnungen der Hollywoodberufsverbände auch bei der Oskarverleihung in den Hauptkategorien triumphiert, dann werden sich nicht alle freuen. Zum Beispiel Alan Chambers nicht.

Er ist Präsident einer Organisation namens "Exodus International", einem Zusammenschluss von ehemaligen Homosexuellen, die angeblich durch Gebete oder Therapie von ihrer "unchristlichen" Neigung losgekommen sind. Die Auseinandersetzung mit Ang Lees Film, der die Liebesgeschichte zweier Männer als klassisches Melodram zeigt, findet Chambers, quälend und überflüssig.

"Der Film zeigt Emotionen, die ich genauso kenne, wie Tausende andere, die ihre Homosexualität aufgegeben haben. Und wir sind diese Art von Botschaften, wie sie in diesem Film wieder vertreten werden, satt. Das führt nur zu weiterer Verwirrung und Verzweiflung."

Anfänglich hatte sich die Ang Lee noch gesorgt, wie sein Film in Amerika ankommen würde. Noch in Venedig, wo er mit seinem Film den Goldenen Löwen gewann, berichtete er von einem Gespräch mit seiner PR-Agentur.

Ang Lee: "Es ist gar kein schwuler Film. Scherzhaft habe ich in einem Marketing-Meeting gefragt: Können wir den Film nur in den 'demokratischen Staaten', den Blue States, starten. Sie haben mir dann versichert, dass jede Stadt deren Einwohnerzahl 50 000 überschreitet für John Kerry gestimmt hat. Ich solle doch entspannen."

Inzwischen hat Ang Lee Grund genug zu lachen. Sein Film überschritt in Amerika mit einem überraschenden Einspielergebnis die 70 Millionen-Dollar-Grenze und die Marktchancen in Europa, wo er in den kommenden Wochen startet, sind noch besser - auch ohne Oskar.

Aus der Nagelprobe, zu der evangelikale Kreise "Brokeback Montain" ursprünglich machen wollten, ist also nichts geworden. Und so verstummte auch die Kampagne gegen den Film, die die "Concerned Women for Americas Culture" betreiben wollten. Zuviel Aufmerksamkeit, las man bald auf den christlichen Websites, würde doch dem Film nur noch mehr Aufmerksamkeit garantieren.

Ang Lee gewann einen Golden Globe für "Brokeback Mountain" (AP)Ang Lee gewann einen Golden Globe für "Brokeback Mountain" (AP)Und noch mehr auf eine langfristigen Entwicklung hinweisen, die die Filmmetropole in Südkalifornien in den nächsten Jahren deutlich verändern dürfte. Im gleichen Zeitraum von "Brokeback Montains" Anerkennungserfolg hatte "Die Chroniken von Narnia", die Verfilmung eines Kinderbuches des christlichen Vorzeigeschriftstellers C.S. Lewis in Amerika und Europa alle Rekorde gebrochen – das Musterprojekt von "Walden-Media", der Produktionsfirma von Philip Anschutz aus Denver, der als eine Schlüsselfigur der evangelikalen Netzwerke gilt, die in Hollywood Fuß fassen möchten.

Radikale christliche Lobbyisten, Kontroll- und Beobachtungsgruppen, die die Inhalte aus der Traumfabrik mit der Bibel in der Hand beobachten, haben sich längst schon etabliert. Es gibt auch mehr als ein Dutzend "Prayer Groups" die sich zu einem Netzwerk zusammengeschlossen haben und es existiert ein Dachverband christlicher Filmfestivals. Doch wirklichen Einfluss auf die liberale-libertäre Hollywood-Community hatten diese Kreise bisher nicht. Das soll sich jetzt ändern.

Barbara Nicolosi: "Wenn es eine spirituelle Erneuerung Hollywoods geben soll, dann muss sie von Innen kommen. Proteste, Briefkampagnen und öffentliche Aufschreie nützen nichts. Auch kann man Hollywood nicht infiltrieren oder erobern. Hollywood muss grundsätzlich verändert werden. Durch Künstler, die sich als Apostel in der Filmmetropole verstehen. Jetzt nach nur sechs Jahren von 'Act One' befinden sich schon zahlreiche unserer Absolventen in einflussreichen Positionen."

Barbara Nicolosi, in ihrem manifestartigen Buch "Behind the Screen". Sie hat sich der Evangelisierung der Massenmedien verschrieben und 1999 unter dem Namen "Act One" (Erster Akt) eine Filmschule in den Hollywood Hills gegründet. Das soll die Kaderschmiede der schönen neuen fundamental-christlichen Zukunft werden. Rund 300 Absolventen hat die Schule schon, mit der Barbara Nicolosi - eine ehemalige Ordensschwester - den ihrer Ansicht nach in der Mehrzahl marxistischen Filmakademien - etwas entgegensetzen wollte. Auch prominente Mitstreiter als Dozenten hat sie gefunden.

Dean Batali zum Beispiel, dessen erfolgreiche Fernsehserien "Buffy - Im Banne der Dämonen" und "Die wilden Siebziger" auch im deutschen Fernsehen zu sehen waren. Janet Batchler schrieb "Batman – Die Rückkehr", Ralph Winter produzierte die "X-Men"-Filmserie und Benedict Fitzgerald schrieb das Drehbuch zu Mel Gibsons umstritten-brutalem Bibelhit "Die Passion Christi".

Ron Austin arbeitete an der Actionserie "Mission Impossible" mit und Scott Derrickson hatte sich als Horrorfilmregisseur mit einer Fortsetzung der Filmserie "Hellraiser" einen Namen gemacht. Sein bisher erfolgreichster Film war erst vor wenigen Monaten bei uns im Kino und ein kontrovers diskutiertes Beispiel des neuen christlichen Kinos aus Amerika: "Der Exorzismus von Emily Rose". Derrickson erklärt wie man einen religiösen Film macht: zurückhaltend und vorsichtig.

Scott Derrickson: "Wenn man einen Film macht, der ein kontroverses Thema behandelt, besonders wenn man sich mit Politik und Religion beschäftigt, dann haben die Zuschauer meist schon eine feste Meinung. Und wenn man dann in einen Film sitzt, der eine bestimmte Ansicht propagiert, dann fühlt man sich unwohl, selbst wenn die eigene vorgefasste Ansicht unterstützt wird. Die Menschen möchten im Kino keiner Predigt hören. Das ist nicht unterhaltsam und natürlich auch keine gute Kunst. Es geht also nicht darum, eine bestimmte Ansicht zu propagieren, sondern darum, die richtigen Fragen zu stellen."

Nach den Kindern von "Marx und Coca Cola", wie man die Generation der 68er mit ihrem inneren Widerspruch zwischen Ideologie und Lebenspraxis gern beschrieben hat, glauben jetzt die Kinder von "Gott und Tarantino" an ihre Chance mit frommen Inhalten und feschen Formen. Als Studienobjekte fliegen bei "Act-One" Videos und DVDs der modernen säkularen Klassiker herum, von denen man zumindest formal lernen will.

Auch "American Beauty", die Geschichte eines Mannes, der die Freundin seiner Teenager-Tochter begehrt, gedreht 1999 von Sam Mendes gehört dazu. Für alle evangelikalen Moralisten ein rotes Tuch wie die Filme von Quentin Tarantino, Martin Scorsese oder Spike Jonze. Drehbuchautor Dean Batali scheut sich auch nicht, Eve Enslers Bahn brechendes feministisches Theaterstück "Die Vagina Monologe" als Vorbild zu erwähnen. Und zu fragen, wo deren christliches Pendant bleibt. Womit natürlich durchaus nichts Schlüpfriges gemeint ist.

Eher die Sehnsucht nach einem vergleichbaren Durchbruch der evangelikalen Netzwerke mit einem künstlerischen Kulterfolg. In Sachen Erotik und Sex soll es dagegen eher zugehen wie in der Sonntagsschule versichert Zena Schroeder, die Leiterin der Drehbuchabteilung von Act-One.

Zena Schroeder: "Wenn wir Sünde zeigen, dann wollen wir das Publikum nicht verführen, selbst zu sündigen. Zum Beispiel bei einer Liebesszene. Man kann man diese so zeigen, dass das Publikum im Kinosessel unmittelbar Lust empfindet. Das lehnen wir ab. Denn dann hätten wir sie ja zur Sünde verführt."

Und so arbeiten sich die Adepten von "Act-One" vorerst an sauberen Stoffen für die saubere Leinwand ab. Manchmal reicht eine Superheldenstory, bei der Supermann bei passender Gelegenheit priesterlichen Rat sucht oder entscheidende Aktionen mit einem Gebet einleitet. Besser ist aber zum Beispiel die Geschichte eines Mannes, der denkt, er sei ein Prophet. "American Dreamer" könnte diese Story am Ende heißen, die sich Hanna Rosin, Reporterin des liberalen "Atlantic Monthly", von einem Absolventen des Act-One-Drehbuchworkshops und seinen Kollegen vorspielen ließ.

Mel Gibson trifft "Jesus Christus" - Regieanweisungen von Jesus-Fan (rechts) an Jesus-Darsteller (Mitte) (AP)Mel Gibson trifft "Jesus Christus" - Regieanweisungen von Jesus-Fan (rechts) an Jesus-Darsteller (Mitte) (AP)Ein Remake des Bibel-Monumentalfilms "Die größte Geschichte, die jemals erzählt wurde" von George Stevens ist im Umkreis der Schule in Vorbereitung und fast schon finanziert. Und auch Barbara Nicolosi selbst plant neben einer Erweiterung der Schule um Trainingsprogramme für Produzenten, Schauspieler und Regisseure, bald selbst einen Film, den sie mit Benedict Fitzgerald, Mel Gibsons bibelfestem Drehbuchautor, entwickelt. Der Zeitgeist habe sich ganz plötzlich gewandelt - berichtet Produzent Ralph Winter:

"Neuerdings öffnen sich für uns Türen, die vor einem Jahr noch verschlossen geblieben wären. Und dann sagt einer vom Studio auch noch: 'Wir brauchen ihre Hilfe. Wir haben hier einen christlichen Bestseller. Daraus möchten wir einen Film machen. Und von ihnen wollen wir wissen, wie wir den an den Markt bringen können. Sie müssen es wissen'."

Vor ein paar Jahren noch nämlich galt es in Hollywood doch eher als "Sünde", zuzugeben, dass man in eine Kirche ging. Andererseits hat die Bereitschaft, sich auf obskure Sekten einzulassen, durchaus Tradition in der Filmmetropole. Kabbalistische Sekten waren "In" und das prächtigste Gebäude am Hollywood Boulevard gehörte den Scientologen. Schauspieler Tom Cruise ließ sich gar in Verträgen zusichern, dass am Drehort ein "Bekehrungszelt" stehen dürfe, in das er seine Mitspieler unverbindlich einladen könne.

Stichtag für die Stimmungsänderung war der 11. September 2001 Nach dem Schock der terroristischen Angriffe auf das World Trade Center änderte sich alles. Die Zerstörungsorgien des Hollywood-Mainstreamkinos passten nun nicht mehr in die Landschaft. Barbara Nicolosi erinnert sich im Interview:

"Nach dem 11. September bekam ich immer wieder Anrufe die sagten: 'Ihr Religiösen müsst doch sagen können, welche Stoffe wir jetzt bringen sollen'."

Hollywood suchte plötzlich "spirituelle" wenn nicht explizit religiöse Stoffe. Den hatte gerade der australische Actionstar und Oskarpreisträger Mel Gibson in der Schublade. Seine "Passion Christi" drehte er aber lieber noch außerhalb des Hollywoodsystems und brachte ihn dann auch auf einem ungewöhnlichen Weg in die Kinos. Die etablierten Filmtheaterketten ignorierte er und ließ den Film in Kirchen oder zumindest vor kirchlichen Gruppen vorführen.
Die "Passion" war besonders in Europa wegen ihrer frömmelnden Brutalität umstritten aber am Ende spielte der Film trotzdem - oder gerade deswegen - sagenhafte 600 Millionen Dollar allein im Kino ein. Das Marktsegment "Passion-Money" war geboren. Klingelnde Münze für religiöse Leidenschaft.

Gibson erfolgreicher Coup elektrisierte die Altbranche Hollywoods und auch die evangelikalen Netzwerker. Was macht Gibson als Nächstes? fragte man sich. Oder wer wird der nächste "Mel Gibson"? "Passionkids" nennt man seither doppeldeutig die neue Generation christlicher Filmfreaks, die die Zukunft Hollywoods mit bibelfesten Stoffen verändern wollen. Als erster Film dieser "Neuen Welle" gelangte Scott Derricksons "Der Exorzismus von Emily Rose" in unsere Kinos.

Dem Film liegt eine wahre Begebenheit zugrunde. 1976 starb in Süddeutschland eine junge Frau nach einem bischöflich erlaubten Exorzismus - an Entkräftung und Unterernährung und Verletzungen, die sie sich während des wochenlang andauernden Rituals beigebracht hatte. Gerade war der Film "Der Exorzist" von William Friedkin auch in Deutschland ein Kinohit gewesen.

Bei dem folgenden Strafprozess wurden zwei Priester und die Familie von Anneliese Michel angeklagt und auch verurteilt. Scott Derricksons Film geht von dem Prozess aus und stilisiert ihn zum Kampf der Weltanschauungen. Das Plädoyer der Anwältin:

"Bei der Recherche zu diesem Film wurde ich mehr und mehr überzeugt, dass das Thema dieses Films wichtig sei. Und dass es wichtige Konsequenzen hat. Bei jeder einzelnen Geschichte von Besessenheit und Exorzismus müssen sie sich schließlich fragen, ob sie an den Teufel glauben oder nicht und damit ob sie an Gott glauben. Und jede Geschichte die zu solchen Fragen führt, ist eine gute Geschichte."

Selbstverständlich verzichtet Scott Derrickson nicht auf die drastischen Elemente des Horrorfilms, die sein Stoff ihm bietet. Aus den Augen von Passanten fließt schwarzer Schleim und die Teufel namens Nero, Luzifer oder Hitler kichern dazu. Effekt heischende Propaganda für den Exorzismus.

Zufall oder nicht. In seinem neuen Film hat sich der deutsche Filmemacher Hans Christian Schmidt gerade jetzt mit derselben Geschichte beschäftigt. Er schildert in "Requiem" den Fall der Anneliese Michel als Studie einer nicht alltäglichen Psychose, in der sich eine monströse Familienneurose bricht. Seinen Film kann man auch als aufgeklärten Kommentar zu Derricksons frommem Horrorfilm sehen.

75 Millionen Dollar allein an den amerikanischen Kinokassen bestätigten für die Filmemacher von "Der Exorzismus von Emily Rose", dass die Richtung stimmte. Denn am Ende des Tages zählen doch nur die Dollars. Zena Schroeder von "Act One" weiß auch diese Tatsache positiv zu wenden:

"Wir müssen die Marktgängigkeit unserer Filme beachten, das ist nur klug. Das heißt im Business zu sein. Aber wenn wir diese Überlegungen haben, dann beugen wir uns nicht vor dem allmächtigen Dollar. Es handelt sich lediglich um christliche Weisheit."

Derartige "Weisheit" treibt auch Philip Anschutz um - allerdings im großen Stil. Er ist Milliarden Dollar schwer mit Ölfeldern, Eisenbahnlinien, Farmen, fünf Fußballmannschaften und weltweit ein begehrter Investor für Entertainmentprojekte. In Berlin baut die Anschutz-Group übrigens gerade die Multifunktionsarena am Ostbahnhof. Anschutz ist außerdem streitbarer Republikaner und evangelikaler Aktivist.

C.S. Lewis, Autor der "Chroniken von Narnia" (AP)C.S. Lewis, Autor der "Chroniken von Narnia" (AP)Neben einer der größten Kinoketten des Landes besitzt er ein Konglomerat von Medienfirmen. Darunter das Filmstudio "Walden-Media". Die Kinderbuchserie "Narnia" des irischen Lieblingsautors evangelikaler Bibliotheken C.S. Lewis, wurde zu seinem Modellprojekt, das er zusammen mit Disney - dem Spezialisten für Familienunterhaltung - realisierte und in die Kinos brachte.

Hinter einem massiven Eichenschrank befindet sich eine verschneite Märchenwelt für Fantasyfans. Man kann einfach durch den Schrank hindurchgehen. Narnias Schönheit ist jedoch trügerisch, denn eine böse Hexe hat das Land mit ewigem Schnee gestraft. Es muss erlöst werden und wartet auf die vier Kinder der Pevensie-Familie, die zum Schutz vor den Gefahren des zweiten Weltkrieges aufs Land geschickt worden sind.

Sie treffen auf den Löwen Aslan, den eigentlichen Herrscher der Zauberwelt und auf "Narnia" nebst allerlei sprechenden Tieren, Faunen, Zentauren und Riesen. Fantasy eben – ein Film angesiedelt in der Mitte zwischen "Harry Potter" und "Herr der Ringe" mit jede Menge Spezialeffekten und der unvermeidlichen finalen Schlacht zwischen Gut und Böse. Neben allen Schauwerten enthält der Film auch noch eine saubere fromme Botschaft. Löwe Aslan hat zahlreiche Sprüche des Erlösers im Köcher, muss sich opfern und wieder auferstehen. Wer ist Aslan? fragen die Helden der Geschichte und schon müssen sie die Welt retten.

C.S. Lewis schrieb 7 Bücher für die Narnia-Serie, die nun nach dem phantastischen Kassenerfolg als "Franchise" wie Harry Potter oder James Bond nach und nach von der Walden-Media-Group verfilmt werden sollen. Auslöser der christlichen Wiedergeburt von C.S. Lewis, einem Zeitgenossen und Freund des Herr-der-Ringe Autors J.R.R. Tolkin, sollen lange Gespräche nach einem denkwürdigen Beinahe-Unfall mit dem Motorrad gewesen sein.

Er zählte fortan zur literarischen Gruppe der "Inklings" und schrieb neben religiösen Traktaten und erbaulichen Science Fiction Romanen ab 1950 seine Bestsellerserie für Kinder. Die geraten - gerade vor dem zweiten Weltkrieg geflohen - als heroische Retter in einen noch heftigeren Kampf. Es geht um Gut und Böse aber auch um die übliche abgestandene Kriegsrethorik.

Bei der Vermarktung des Films mochte sich Walden Media nicht allein auf die gut geschmierte Maschinerie des Disney-Konzerns verlassen. Philip Anschutz verpflichtete die PR-Agentur "Motiv Marketing" von Paul Lauer, der schon Mel Gibson Film zum Erfolg geführt hatte. Mit einer neuartigen Marketingkampgane, die die Mobilisierungsmöglichkeiten der evangelikalen Netzwerke nutzte.

Eine ähnliche Strategie verfolgte der Verleih auch in Großbritannien, in C.S. Lewis Heimatland, wo er eine große Fangemeinde besitzt. "Narnia" wurde also in anglikanischen Gotteshäusern aufgeführt. Gelegentlich passten die Pfarrer sogar ihre Sonntagsmesse an die thematischen Vorgaben des Blockbusters aus Amerika an. Von dem ganzen Wirbel versprachen sich die einen mehr Kirchgänger, die anderen noch mehr Profit.

Der evangelikale Medienmogul Philip Anschutz gilt selbst als medienscheu. Seit den 70er Jahren hat er kein Interview mehr gegeben und seine öffentlichen Auftritte sind rar. Wenn er aber einmal erscheint - wie anlässlich einer Preisverleihung des Hillsdale College in Naples, Florida vor wenigen Monaten - dann redet er Klartext:

"Wenn ich einmal nur als Geschäftsmann sprechen darf, dann ist es das Wichtigste, Produkte herzustellen, die das Publikum wirklich will. Ich glaube Hollywood versteht sich darauf im Augenblick nicht gerade gut. Sie machen nämlich immer dasselbe. Sie verstehen den Markt und die Stimmung eines großen Teils der Kinogänger nicht mehr. Das ist, so glaube ich, der Hauptgrund dafür, dass die Leute seltener ins Kino gehen, als sie das früher taten. Wir sollten diese Gelegenheit nutzen. Durch die digitale Revolution wird sich die Filmindustrie in den nächsten Jahren sowieso total verändern – und das ist schon wieder eine einmalige Gelegenheit."

Philip Anschutz, Ölmilliardär aus Kansas (AP Archiv)Philip Anschutz, Ölmilliardär aus Kansas (AP Archiv)Mit seiner Analyse Hollywoods hat Philip Anschutz durchaus nicht Unrecht. Die Besucherflaute des letzten Jahres war kein vorübergehendes Ereignis. Nach neusten Besucherstatistiken verliert das Kino gerade seine liebste Käuferschicht, die jungen Männer unter 25 - an das Internet, an Spielkonsolen oder die anderen neuen Medien. Auf diese Altersgruppe zielten aber bislang die großen und teuren Kassenknüller mit ihren Spezialeffekten.

Für diese "Kid-Pics" hatte man die erwachsenen Zuschauer vollkommen vernachlässigt. Die 35-50jährigen sind aber die einzige Gruppe, die zugelegt hat. Außerdem verfügt sie über durchschnittlich doppelt soviel Geld, um es für einen Abend außerhalb ihrer vier Wände ausgeben zu können. Das ergab eine kürzlich veröffentlichte Marktstudie der amerikanischen Filmakademie.

Auch wenn die Hollywoodstudios für 2006 also noch lauter Fortsetzungen und Remakes der Massenware von "Mission Impossible" bis "Superman" ankündigen, so bekennen weitsichtige Produzenten schon freimütig, dass es an der Zeit sei, sich umzustellen auf ausgesprochene "Erwachsenenfilme". Allerdings heißt das, die ganze Branche müsste umgekrempelt werden. Das neue Geschäftsmodell benötigt weniger Fabriken für Computerspezialeffekte, dafür gut gebaute Drehbücher und Charakterköpfe.

Auch das herrschende Starsystem müsste renoviert werden. Schlechte Zeiten für Brad Pitt und Tom Cruise. Dummerweise hatte man die Stars über 50 mit wenigen Ausnahmen kaum gepflegt. Nur Jack Nicholson und Clint Eastwood haben sich gehalten. Und so könnte es sein, dass Nicholsons Film "About Schmidt" - Regie Alexander Payne - eines Tages als Vorläufer des neuen Stils aus Hollywood gelten wird. Sie erinnern sich: Nicholson muss als Pensionär Warren Schmidt sein Leben noch einmal neu definieren. Die Rede bei der Hochzeit seiner Tochter lässt ihn das endlich erkennen.

Wahrscheinlich ist allerdings nicht, dass sich diese liberale Variante des neuen Geschäftsmodells durchsetzen wird. Zu Konsequent rüsten die evangelikalen Netzwerker zum Sturm auf Hollywood. PR-Profi Paul Lauer rechnet in Fünf-Jahres-Zyklen. So lange, sagt er, wird es dauern, bis man die Folgen der augenblicklichen Kampagnen sehen wird. Und bei "Act-One" glaubt man, dass vielleicht zehn weitere Jahre nötig sind, bis der Einfluss ihrer Absolventen zu einer realen Veränderung des Hollywoodestablishment führt.

Ob die Rechnung aufgeht. Auch Jesus müsste nämlich auf dem roten Teppich für die Oskar-Verleihung bestehen? Das meint der Karikaturist von "Atlantic Monthly". Seine Zeichnung zeigt Jesus unterm Kreuz. Auf dem roten Teppich im Blitzlichtgewitter. Er wird von Männern im Frack und Frauen in freizügigen Abendkleidern angefeuert. Darüber die Titelzeile: "Kann Jesus Hollywood retten?" Und meint: So jedenfalls nicht.

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