Die neue Mitte
Cecilia Bartoli, Veselina Kasarova und Magdalena Kožena gehören pro forma dem gleichen Stimmfach des Mezzosoprans an – und sind dennoch untereinander so verschieden, dass jede der Sängerinnen in sehr eigener Weise die Musikszene der letzten anderthalb Jahrzehnte mitgeprägt hat. Denn auch wenn sie sich nicht, wie ihre Soprankollegin Anna Netrebko, von der Unterhaltungsindustrie managen lassen und entsprechend viel Raum auf den bunten Seiten erhalten – an Nachhaltigkeit sind sie der Russin und anderen Kurzzeit-Sternchen allemal überlegen.
Es scheint sogar so, als seien kreative Impulse für die Gesangskunst momentan am ehesten im Bereich dieser "neuen Mitte" und nicht mehr in den traditionellen Starfächern der Soprane oder Tenöre zu finden. Das ist eine interessante, allerdings womöglich auch zwiespältige Entwicklung. Der historische Witz bei den genannten drei Mezzostimmen besteht nämlich darin, dass es für jene Rollen des 18. und frühen 19. Jahrhunderts, in denen sie vor allem brillieren, zu deren Entstehungszeit noch ganz andere Stimm-Muster gab. Die Sängerinnen arbeiten also, historisch gesehen, auf ziemlich unsicherem Geläuf, und so sind manche ihrer Orientierungslinien riskant oder zumindest diskussionswürdig. Martin Wenske stellt, bei allem Respekt vor den hörbaren Leistungen, einige kritische Fragen – und kann sie aus seinem profunden Schatz historischer Vergleichsbeispiele auch klanglich untermauern.
