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Politisches Feuilleton / Archiv | Beitrag vom 12.09.2006

Die neue Lust auf christliche Religion

Von Hans Christoph Buch

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Papst Bendedikt XVI.  im Marien-Wallfahrtsort Altötting (AP)
Papst Bendedikt XVI. im Marien-Wallfahrtsort Altötting (AP)

Das 20. Jahrhundert war das Zeitalter der Ideologien: Weltliche Heilslehren, deren Funktion als Religionsersatz klar zutage lag, während sie das Paradies auf Erden oder die Schaffung des Neuen Menschen versprachen und alles, was ihren Utopien im Weg stand, gnadenlos niedermachten.

Der Fall der Berliner Mauer markierte einen Paradigmenwechsel, der sich schon vorher, in Person und Werk des polnischen Papstes Wojtyla, angekündigt hatte: An die Stelle der politischen Konfrontation zwischen Totalitarismus und Demokratie trat die religiöse Herausforderung durch den islamischen Terrorismus, der den Westen an seiner empfindlichsten Stelle traf, indem er den asymmetrischen Krieg ins Herz der Metropolen trug. Anders als im konventionellen Krieg gab und gibt es gegen Selbstmordattentäter keinen wirksamen Schutz, und beim Einsturz des World Trade Center wurde Goebbels’ Vision des totalen Krieges Wirklichkeit. Die Antwort auf diese Herausforderung ist nicht nur militärischer Art, denn der Feldzug gegen den Terror funktioniert nur, wenn er mit einer Rückbesinnung auf westliche Werte gekoppelt ist.

Welches sind diese Werte? Schon George Orwell wies darauf hin, dass der Kampf gegen den Nationalsozialismus nicht im Namen abstrakter Ideen wie Freiheit und Demokratie gewonnen werden konnte. Um Hitler zu besiegen, mussten die Alliierten sich auf dumpfe Emotionen berufen, die Nazideutschland stark gemacht hatten: Heimatliebe und Nationalismus, Kampfeswille und Opferbereitschaft – Churchills Blut-Schweiß-und-Tränen-Rede und Stalins Slogan vom Großen Vaterländischen Krieg machten das deutlich.

Auf die Gegenwart übertragen, heißt dies, dass die Abwehr des Islamismus mit der Rückbesinnung auf christliche Werte einhergehen muss – ein Verfassungspatriotismus à la Habermas genügt nicht, um gegen Selbstmordattentäter gewappnet zu sein. Dass man deren aggressive Intoleranz dabei ein Stück weit übernimmt, ist eine Binsenweisheit, weil der Sieg über Drachen nur möglich ist, wenn man wie Siegfried in Drachenblut gebadet hat.

Die derzeitige Renaissance des Christentums aber ist nicht bloß strategisch oder taktisch motiviert: Die spontane Begeisterung, die dem Papst in diesen Tagen in Bayern entgegenschlägt, beweist, dass die religiöse Sinnsuche, von der Benedikt XVI. spricht, weite Teile der säkularen Gesellschaft erfasst und deren ideologische Übereinkünfte auf den Kopf gestellt hat. Die gleichen Leute, die seit Jahren über Dogmatismus und Reformfeindlichkeit der katholischen Kirche lästern, sind plötzlich dankbar dafür, dass diese sich nicht dem Zeitgeist angepasst hat: Nicht, weil sie in Sachen Homo-Ehe, Abtreibung oder Aids genauso denken wie der Papst, sondern weil sie begriffen haben, dass es eine Institution geben muss, die überzeitliche Werte vertritt und die nein sagt zu den Zumutungen der Tagesaktualität. Das heißt nicht, dass die Kirche starr am Überkommenen festhalten und Kritik unter den Teppich kehren darf, im Gegenteil: Die Null-Toleranz des Papstes gegenüber sexuellem Missbrauch und Pädophilie kirchlicher Amtsträger zeigt ein erfreuliches Umdenken an.

Prinzipienfestigkeit ist kein Hindernis für den Dialog mit dem Islam, sondern macht diesen überhaupt erst möglich. Die Tatsache, dass Bundeskanzlerin Angela Merkel sich für den Gottesbezug in der EU-Verfassung stark macht ist genauso bemerkenswert wie der Protest der evangelischen Bischöfin Käßmann, deren Kirche sich bis zur Profillosigkeit dem Zeitgeist unterwarf, gegen Madonnas Sex -Show mit dem Kruzifix. Das gilt auch für Karikaturen des Propheten Mohammed, denn das Gebot der Toleranz schließt die Herabwürdigung oder Verächtlichmachung religiöser Symbole aus.

Hans Christoph Buch, 1944 in Wetzlar geboren, wuchs in Wiesbaden und Marseille auf und las im Jahr seines Abiturs (1963) bereits vor der Gruppe 47. Mit 22 Jahren veröffentlichte er seine Geschichtensammlung "Unerhörte Begebenheiten". Ende der 60er Jahre verschaffte er sich Gehör als Herausgeber theoretischer Schriften, von Dokumentationen und Anthologien. Auch mit seinen Essays versuchte er, politisches und ästhetisches Engagement miteinander zu versöhnen. Erst 1984 erschien sein lang erwartetes Romandebüt: "Die Hochzeit von Port au Prince". Aus seinen Veröffentlichungen: "In Kafkas Schloß", "Wie Karl May Adolf Hitler traf", "Blut im Schuh". 2004 erschien "Tanzende Schatten".

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