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Fazit / Archiv | Beitrag vom 20.11.2016

Die Münchner Kammerspiele-DebatteEnttäuschte Liebe und verkannte Fürsorge

Von Tobias Krone

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Matthias Lilienthal, aufgenommen, am 16.09.2013 in München (Bayern). (picture alliance / dpa / Tobias Hase)
Matthias Lilienthal, aufgenommen, am 16.09.2013 in München (Bayern). (picture alliance / dpa / Tobias Hase)

Etwa ein Jahr leitet Matthias Lilienthal die Kammerspiele in München. Die Bilanz ist durchwachsen. Einige Rezensenten sind frustriert. In München ist von einer Krise die Rede. Zeit also, um zu reden. Publikum, Ensemble, Theaterleitung und Presse diskutierten nun.

"Das möchte ich einfach vorher mal klarstellen, dass ich das Theater liebe, und dass ich überhaupt das Theater liebe." Ja, Liebe bricht sich da Bahn auf der kleinen Bühne der Kammerspiele, wenn auch enttäuschte - bei der Süddeutschen-Kritikerin Christine Dössel ebenso wie später auch im Publikum - wenn noch einiges emotionaler: "Theater ist ein Ort der Kraft, der Poesie, der Ästhetik. Wo ist dieses Theater?"

Die Diskussion um die Frage "Welches Theater braucht München?" von den Münchner Kammerspielen als Reaktion auf die große Feuilleton-Debatte eilig ins Leben gerufen, ist leidenschaftlich, teilweise hochemotional, aber vollkommen unzynisch. Da geht es um was, aber beginnen wir mit der Diagnose Dössels. Die freien Gruppen, von Lilienthal eingeladen, hätten schlechte Performances hingelegt.

Der Intendant und die Kritikerin auf einer Linie

"Manche Dinge wirken in diesem großen Rahmen plötzlich klein. Hätte man die in einem kleinen Raum gezeigt, hätten die vielleicht ihren Charme, wie sie früher auch hatten. Aber der Rahmen der Kammerspiele – durchaus auch der Goldrahmen, der Jugendstil-Rahmen, der Genius Loci… Ich mache Dinge klein, wenn die nicht groß genug dafür sind. Man muss diesem Theater standhalten." Intendant Matthias Lilienthal hat anfangs nicht viel zu entgegnen. Auch wenn er eingesteht, das vergangene Jahr sei durchwachsen verlaufen: "Natürlich sind uns Dinge misslungen. Und natürlich beschreibt Christine auch zurecht Dinge, die uns misslungen sind."

Die kleinen Gruppen auf der großen Bühne des großen Schauspielhaus seien Teil eines Theaterexperiments. Lilienthal bittet das Publikum um Geduld. Christine Dössel, als SZ-Kritikerin ein Dauergast, bleibt bei ihren Krisen-Diagnosen. Dafür, dass ein Jungregisseur wie Julien Gosselin seine Bühnenadaption von Houellebecqs Romanen Plattform und Unterwerfung abgebrochen hat, macht sie einen Grund aus: "Und da kommt – was man als Intendant auch leisten muss – eine gewisse Sorgfalt, die hier fehlt. Und da kommt für mich sogar dieses altmodische Wort Fürsorge mit rein. Da fehlt es. Man kauft schnell was ein und man hat die Labels und die Etikette, aber dann arbeitet man nicht mit den Leuten, redet man nicht."

Erläuterungen über die Arbeit des Ensembles

Hier widerspricht die Schauspielerin Annette Paulmann. Sie erläutert, dass Regisseur Julien Gosselin seinen monumentalen Houellebecq erst nach langer Diskussion abgebrochen habe: "Und wir haben uns nicht leichtfertig, kaltherzig davon verabschiedet und gesagt: Das funktioniert doch sowieso nicht, weil wir haben hier nicht die Produktionsmittel. Und es ist auch nicht so, dass man den Julien nicht drauf vorbereitet hat, dass hier ein Theaterbetrieb stattfindet, und dass es nicht so ist, dass er nur mit einer Gruppe arbeiten kann, die er 24 Stunden zur Verfügung hat. Darüber wurden unglaublich viele Gespräche geführt. Er hat gedacht, dass er das schafft."

Auch den Vorwurf, Schauspieler fühlten sich in ihrer Kunst allein gelassen, lässt Annette Paulmann nicht gelten: "Wir sind eine Truppe. Und so empfinden wir uns und so arbeiten wir miteinander. Und ich habe das noch nie erlebt, dass auf irgendeiner Probe, auf irgendeiner Produktion ein Satz kam wie: Ach, du bist ja die alte Schauspielerin, tanz doch. Das unterscheiden wir nicht. Wir sind: die Truppe." Diese Truppe schweigt denn auch darüber, ob die Kündigungen drei prägender Schauspielerinnen untereinander Diskussionen ausgelöst haben.

Kontroverse Themen über die das Publikum bereits einig ist

Eine andere Kritik kam von Robert Braunmüller, Journalist der Münchner Abendzeitung: "Wir haben in München die Willkommenskultur, im linksliberalen Milieu gibt es keine große Debatte über Migration. Und wenn Sie jetzt da in den Kammerspielen nochmal die Willkommenskultur weiterführen, dann rennen Sie offene Türen ein, dann predigen Sie zu den bereits Bekehrten."

Die Kammerspiele seien nicht mehr kontrovers genug. Eine auch in der anschließenden Publikumsdebatte gerade von Zuschauern jenseits der 40 immer wieder geäußerte Kritik. Intendant Matthias Lilienthal kontert gewohnt schnodderig: "Ehrlich gesagt, mir geht es nicht um Provokation, ich stehe nicht auf Provokation. Ich finde es gut, wenn sich aus einer strengen inhaltlichen Arbeit plötzlich Dinge entwickeln, die dann unfreiwillig provokativ wirken."

Auch für seine postkolonialen Stücke, häufig mit Schauspielern besetzt, die nicht Deutsch oder mit Akzent sprechen, muss sich Lilienthal rechtfertigen. Sehr wohl sei diese Debatte auch in München präsent: "München hat 37,2 Prozent Migranten. Und es ist eine Frage: Wer steht da auf der Bühne? Ist das eine rein deutsche Gesellschaft oder versucht man in Ansätzen eine zeitgenössische Repräsentation der Stadtgesellschaft Münchens zu schaffen?"

Eine spannende, emotionale, aber dennoch sachliche Diskussion. In seiner zweiten Spielzeit wird sich München an Lilienthals struppiges Programm gewöhnen müssen. Manche danken es ihm jetzt schon.

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