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Interview / Archiv | Beitrag vom 09.08.2010

"Die Menschen müssen etwas zu essen haben"

Hilfsorganisation: Flutopfern in Pakistan fehlt es an allem

Thomas Schwarz im Gespräch mit Hanns Ostermann

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Eine pakistanische Frau mit zwei Kindern (AP)
Eine pakistanische Frau mit zwei Kindern (AP)

Die vom Hochwasser betroffenen Pakistaner brauchen dringend Nahrungsmittel, sauberes Wasser und medizinische Versorgung, sagt Thomas Schwarz von der Hilfsorganisation CARE. Die Lebensmittelpreise seien schon drastisch gestiegen.

Hanns Ostermann: Es sind grauenhafte Bilder, die uns aus Pakistan erreichen. Das Jahrhunderthochwasser hat schon jetzt tausende Menschenleben gekostet, verzweifelt kämpfen Behörden und Hilfsorganisationen gegen die Wasserfluten an. Eine Besserung der Lage ist aber kaum in Sicht, denn der Regen hält in weiten Teilen des Landes weiter an und der Monsun hat ja auch noch gar nicht so richtig begonnen. Thomas Schwarz ist für CARE in Pakistan unterwegs, guten Morgen, Herr Schwarz!

Thomas Schwarz: Guten Morgen, Herr Ostermann!

Ostermann: Wo sind Sie derzeit eigentlich genau?

Schwarz: Nun, wir sind jetzt etwa 120 Kilometer nordwestlich von Islamabad, man könnte sagen zwischen Mardan und Nowshera, das ist ein Gebiet nicht weit vom Indus, der sich ja mehr als verdoppelt hat. Man konnte allerdings schon etwa 55, 60 Kilometer zwischen Islamabad und hier erkennen, da, wo wir über Brücken gefahren sind und wo der Fluss drunter hergeht, dass er unglaublich, unglaublich breit geworden war.

Ostermann: Sie sagten, Sie fahren, das heißt, Sie fahren mit dem Auto. Aber geht das überhaupt?

Schwarz: Ja, das geht. es ist so, dass die Nationalstraße, die dort hinführt, der Highway, vollkommen im Grunde normal befahrbar ist. Aber sobald man dann rechts oder links davon abbiegt und irgendwo hinkommt, wo Flussausläufer sind oder wo der Fluss deutlich als mehr über die Ufer getreten ist, da ist wirklich mit dem Auto, selbst mit einem vierradgetriebenen Auto, in dem ich jetzt sitze, kaum noch voranzukommen.

Ostermann: Herr Schwarz, als Sie nach Pakistan kamen, welche Eindrücke haben Sie da gewinnen können? Wie gehen die Menschen mit dieser Katastrophe um?

Schwarz: Ja, dann schildere ich vielleicht am besten, was ich gerade vor einer halben Stunde, einer Stunde oder so gesehen habe in einer Gemeinde, die mit zwei anderen Gemeinden etwa 26.000 Menschen ausmacht: Wir waren in Sharinabad, das ist hier ganz in der Nähe, wo wir jetzt gerade gehalten haben für dieses Gespräch, dort hat CARE Zelte verteilt, 250 Zelte insgesamt, damit können pro Zelt ungefähr zehn bis zwölf Menschen von zu Hause wegbleiben und da leben, weil ihre Häuser zerstört sind. Der Eindruck, den ich bekommen habe, ist, dass gestern erst die Flut wirklich dort angekommen ist.

Wenn ich mir ansehe, dass die Häuser zerstört sind, einzelne Steine einfach runtergefallen sind, die Häuser endlich zum Teil zusammengebrochen sind … Das hat natürlich auch damit zu tun, dass die Menschen keinen guten Zement benutzen können, weil sie das Geld nicht haben, den zu bezahlen, und mit Lehm einfach die einzelnen Steine miteinander verbinden. Und wenn dann eine solche Wucht von Wasser auf die Häuser kommt, brechen die zusammen. Ich hab viel Verzweiflung gesehen, viele Fragen, wann kommt mehr Hilfe, warum dauert das so lange? Das ist der überwiegende Eindruck, den ich jetzt von diesem ersten Besuch heute Morgen mitnehme.

Ostermann: CARE arbeitet schon seit etwa fünf Jahren in Pakistan. Wie funktioniert das Zusammenspiel mit den Behörden oder den lokalen Partnerorganisationen?

Schwarz: Nun, die Zusammenarbeit mit den lokalen Partnerorganisationen funktioniert gut. Deswegen, wie wir das nennen, implementieren wir jetzt auch – das heißt eher Pakistan – durch vor Ort tätige lokale Organisationen, die die Sprache sprechen, die die Mentalität der Menschen kennt, die genau wissen im Grunde genommen, wo welches Dorf welche Hilfe benötigt. Im Grunde genommen ist CARE darauf auch angewiesen, weil sonst würde CARE viel zu viele Leute beschäftigen müssen. Das machen wir durch lokale Partnerorganisationen, mit denen wir übrigens im vergangenen Jahr auch bei der internen Flüchtlingskrise, nach der Swat-Offensive zusammengearbeitet haben oder nach dem Erdbeben 2005.

Die Zusammenarbeit mit den Behörden funktioniert insoweit, dass ich erfahren konnte in einem der Dörfer, in denen ich vorhin war, dass immerhin die lokalen Behörden dort zwei- bis dreimal am Tag mit sogenannten Wassertankfahrzeugen dorthin kommen und den Menschen sauberes Wasser geben. CARE hat in den ersten Tagen unmittelbar Wasserreinigungstabletten verteilt, damit die Menschen nicht gezwungen sind, das Hochwasser sozusagen auch noch trinken zu müssen.

Ostermann: Denn sonst wäre ja – und davon wird ja immer wieder gesprochen – die Seuchengefahr ja viel zu groß. Ist diese Seuchengefahr eine der ganz großen Risiken, denen sich das Land derzeit gegenüber sieht?

Schwarz: Ich denke, ja. Ich denke, dass die Choleragefahr permanent da ist. Wir haben durchaus auch aus sehr seriösen Quellen gehört, dass es einige Cholerafälle gibt. Es ist sicher noch viel zu früh, von einer Epidemie zu sprechen, und man sollte da auch gar keine Panik machen, um irgendeine Schlagzeile zu produzieren. Aber es ist selbstverständlich so, dass wenn das Wasser nicht von oben kommt, wenn es regnet oder es nicht abfließt, sondern wenn es steht – und das ist in vielen Gebieten der Fall, das Wasser steht einfach auf der Stelle und bewegt sich nicht fort –, dass dann dort im Grunde genommen hervorragende Bedingungen sind für Keime, sich zu verbreiten, und für die Cholera. Das ist gar keine Frage.

Ostermann: Nun hat Pakistan auch die NATO um Hilfe gebeten. Kein Wunder, wenn etwa 15 Millionen Menschen betroffen sind. Aus Ihrer Perspektive: Was vor allem wird gebraucht?

Schwarz: Das ist relativ schnell gesagt. Erstens Essen für die Leute, denn die haben einfach zum Teil gar kein Essen mehr, und zweitens sauberes Wasser, das ist noch lange nicht überall gegeben und drittens medizinische Versorgung, das ist das, was gebraucht wird. Jetzt rede ich gar nicht von den Zelten, die auch aufgestellt werden müssen, damit die Menschen nicht im Freien campieren müssen, denn die haben ihr Haus und Hof und ihre Unterkunft und alles verloren. Das setze ich jetzt einfach mal voraus, dass jeder begreift, dass das sowieso sein muss. Aber die Menschen müssen was zu Essen haben.

Wenn man sich vorstellt, dass im Süden des Landes, in Punjab, der Kornkammer dieses Landes, unglaublich große, Tausende von Hektar von Feldern unter Wasser stehen, dann kann man sich vorstellen, was das bedeutet, dass nämlich die Ernten ausfallen. Ich war gestern in Islamabad auf dem Markt und habe mich erkundigt nach den Preisen für Tomaten, für Zwiebeln, für ganz normale Gemüsegeschichten, die die Menschen kaufen, Kartoffeln und so weiter. Man kann sagen, dass in den letzten acht bis zehn Tagen die Preise für diese Art von Lebensmitteln sich verdoppelt haben.

Ostermann: Thomas Schwarz ist für die Hilfsorganisation CARE in Pakistan. Herr Schwarz, danke Ihnen für das Gespräch!

Schwarz: Ich danke Ihnen!

Hilfe für die Opfer der Flutkatastrophe in Pakistan (tagesschau.de)

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