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Thema / Archiv | Beitrag vom 12.10.2010

"Die Leistungen des Feminismus werden nicht zur Kenntnis genommen"

Schriftstellerin Marlene Streeruwitz über das Verhältnis der Geschlechter

Marlene Streeruwitz im Gespräch mit Liane von Billerbeck

Mit ihren Buch "Das wird mir alles nicht passieren" richtet sich Streeruwitz an Frauen, Männer und "auch an alle anderen Geschlechter." (Stock.XCHNG / Constantin Kammerer)
Mit ihren Buch "Das wird mir alles nicht passieren" richtet sich Streeruwitz an Frauen, Männer und "auch an alle anderen Geschlechter." (Stock.XCHNG / Constantin Kammerer)

Männer haben es in der Vergangenheit erfolgreich geschafft, das Anliegen der Gleichberechtigung "als Emanzentum auszugrenzen", meint Autorin Marlene Streeruwitz. Deshalb bleibe der Untertitel ihres neuen Buches - "Wie bleibe ich Feministin?" - eine der zentralen Frage der Lebensgestaltung.

Liane von Billerbeck: Normalerweise ist ein Buch ein Buch, das gedruckt wird, und fertig aus. Nicht so bei dem neuen der Schriftstellerin Marlene Streeruwitz. Die lässt ihr fertiges Buch nämlich auch im Netz weiter schreiben, das ist das Projekt. Geschichten von neun Frauen und zwei Männern kann man in dem Buch lesen mit dem Titel "Das wird mir alles nicht passieren", und sie stellt die Frage, der auch als Untertitel auf dem Cover steht: "Wie bleibe ich Feministin?" Marlene Streeruwitz ist jetzt aus Wien zugeschaltet, schönen guten Morgen!

Marlene Streeruwitz: Guten Morgen!

von Billerbeck: "Das kann mir alles nicht passieren" – das ist so ein typischer Satz, den man als Mädchen oder junge Frau gedacht und vielleicht auch ausgesprochen hat, wenn man das Leben der eigenen Mutter beobachtet hat, weil man es eben so nicht leben wollte. Richten Sie sich vor allem an junge Frauen oder an einst junge Frauen?

Streeruwitz: Ach, ich richte mich an Frauen und Männer, also ich denke auch an alle anderen Geschlechter, die es da gibt, und stelle die Frage, was Geschlecht und Leben miteinander zu tun hat und wie das sich mit der Macht verbündet oder auseinanderdividiert und Macht kostet.

von Billerbeck: Bleiben wir mal bei Ihnen, was war es denn, was Ihnen alles nicht passieren sollte?

Streeruwitz: Ja, ich komme ja aus der Generation, die das Glück oder auch eigentlich die Notwendigkeit hatte, sich völlig neu zu erfinden und in allem gegen die Mutter vorzugehen. Also das ist die 68er-, Post-68er-Feminismusbewegung, in der es darum ging, Gesetze, die bei uns von 1811 an gegolten haben in dem Familienrecht, außer Kraft zu setzen. Und das war natürlich eine spannende, wunderbare und pionierhafte Zeit, in der dieser Satz gar nicht fiel, weil das Leben meiner Mutter mir so altmodisch und falsch erschien, dass da gar keine Frage aufkam. Heute bin ich da etwas vorsichtiger geworden.

von Billerbeck: Das heißt?

Streeruwitz: Ja, viele Linien ziehen sich in der Geschichte viel länger durch. Es gelingt nicht, von einem Tag auf den anderen, sich selbst oder andere neu zu erfinden, und es gibt natürlich diesen großen Druck, der Frauen vorschreiben möchte, wie sie gesehen werden und wie sie sich selbst zu sehen haben, und der das natürlich auch mit Personen tut, die emanzipatorische Lebensentwürfe sich vornehmen. Das kann ja nun der Mann sein, der auf die Kinder aufpasst, es kann aber auch ein Mann sein, der einfach ein anderes Leben führen möchte, eine andere, freundlichere Sexualität leben und sich nicht unbedingt in die vorderste Reihe des Machismo stellen möchte. Und da beginnt ein Gegendruck, der sehr schwierig ist, weil er sehr schwer zu erkennen ist.

von Billerbeck: Das klingt eigentlich so, als ob das, was man damals als Revolution empfunden hat – Sie haben es ja auch gerade geschildert: Ich konnte mich völlig neu erfinden, das war eine Pionierleistung –, also ob das gar nicht so solche Erfolge erzielt hat und wir in vielem noch sehr weit zurück sind, oder dass sich bestimmte Dinge eben einfach wiederholen, weil sie langfristiger wirken?

Streeruwitz: Ich glaube, es ist, es war damals eine Illusion, und ich finde, die ist auch schön, aufrechtzuerhalten, weil es ja wichtig ist, Illusionen zu haben. Aber die Vorstellung, innerhalb kurzer Zeit die Welt dazu zu bringen, Frauen als gleichwertige Wesen anzusehen, die Wesen sind, die anders sind als Männer, aber trotzdem die Gleichwertigkeit beanspruchen dürfen, müssen und können, da haben wir uns das zu schnell vorgestellt und wir haben vor allem nicht mit dem Widerstand eigentlich des linken Manns gerechnet, denen es ja gelungen ist, den Feminismus als Emanzentum auszugrenzen.

Das ist ja direkt innerhalb der 68er passiert, und damit hat es dem hegemonialen, konservativen bis reaktionären Mann einfach leichtgefallen, ist es ihm leichtgefallen, diese Ausgrenzung weiter zu denken. Die Medien haben kein, also die Populärmedien, haben kein Interesse an einer Selbstständigkeit weder des Mannes, noch der Frau, aber es gibt die Rollenbilder, und die verfolgen uns bis heute. Und zwar arbeiten da – nehmen wir jetzt mal die Fernsehserie her –, wird wirklich intensiv daran gearbeitet, uns keinen Freiraum zu lassen.

von Billerbeck: Nun schreiben Sie ja in Ihrem Buch Geschichten quasi über Prototypen, den Eindruck hat man jedenfalls schon, wenn man die Namen liest, die über den Geschichten stehen, da steht dann Christiane F. oder Renate S. oder Orhan Ü., Xenia M. Und das sind immer Geschichten von Menschen, die entweder im Fluss ihres Lebens bleiben, das alles mit sich machen lassen, oder aber eine Entscheidung treffen, anders zu leben. Was lernen wir aus diesen Geschichten?

Streeruwitz: Aus diesen Geschichten, das ist so etwas … Also ich glaube, dass Kunst heute in der spezifischen Situation, in der wir sind, in der Situation des Abstiegs des Mittelstands, des europäischen Mittelstands – Ihre ganzen Nachrichten waren gerade wieder voll von solchen Abstiegsnachrichten – geht es darum, Kunst dazu zu benutzen, eine Alphabetisierung des Moralischen wiederherzustellen, also die Frage zu stellen: Wie will ich mein Leben leben, wie will ich regiert werden, was will ich mit mir machen lassen?

Und da werden irgendwelche Punkte im Leben herausgenommen, das Leben ist immer. Wir können für jeden Punkt herausfinden, dass wir wieder an diesen, also dass wir die ganze Zeit diese Linie entlangtanzen müssen. Es ist nicht mit einer Entscheidung getroffen, es ist eine ununterbrochene Entscheidung, die getroffen werden muss und immer wieder neu gedacht, und darum geht es darin. Und es geht auch darum zu sehen, dass es alle betrifft, dass wir alle darin hineinfallen, und dass die literarische Figur eine Art Modell sein kann, an dem wir das abhandeln können. Weil über uns selber dauernd kritisch nachzudenken, das haben wir nun gelernt aus der Frauenbewegung, das ist etwas, was einfach überfordert und auch in sehr verhärtete Positionen führt. Also es sind Studiengegenstände.

von Billerbeck: Da haben wir, um ein Beispiel zu nennen mal, Andrea S., das ist die erste Geschichte in Ihrem Buch, eine Forscherin, die hat ihre Arbeitszeit auf 30 Stunden reduziert, aber nicht, um sich es dann nebenher nett zu machen, sondern um "nebenher", in Anführungsstrichen, ihre Habilitation zu schreiben, während ihr Mann dauernd und Vollzeit arbeitet und dauernd Geld verdient und der Ansicht ist, sie könne sich, weil sie ja ihre bezahlte Arbeitszeit auf 30 Stunden reduziert hat, nun um die Dekoration des Dachgartens kümmern – dass die Habilitation quasi ihr Privatspaß ist. Er wird immer dicker, sie kauft ihm dann Anzüge, um seine zeltartige, um da zeltartige Anzüge zu bekommen, die seine immer dicker werdende Figur zu umhüllen, und er findet, alles ist gut, weil er ist ja trotzdem weiter als Person erkennbar. Was sagt uns so eine Geschichte? Ist das so ein Beweis dafür, dass es eben nicht einen Entschluss braucht, um auszusteigen aus so einem Leben, sondern dass man immer wieder neu eine Entscheidung dafür oder dagegen treffen muss?

Streeruwitz: Eine der wichtigeren Erkenntnisse daraus finde ich, dass dicke Männer sich leichter anziehen können, weil – das ist ja recherchiert – die Frage, wie ein obeser Mann, ein fettsüchtiger Mann sich anziehen kann, ist bei Weitem einfacher als, und gelöst und stellt nicht diesen Ausschluss her. Weil das ist dann immer der blaue Anzug. Das fand ich sehr interessant. Und das haben wir für Frauen nicht. Und warum haben wir das nicht? Und diese Frau ist hineingerutscht. Wir rutschen ja in so was hinein, es ist ja, es geht ja darum, nicht rigide, moralische Kriterien aufzustellen, sondern einfach zuzuschauen, wie es passieren kann. Und ich denke, das könnte einem oder einer jederzeit auch passieren, ein Leben mit Kompromissen dahin zu bringen, dass es völlig falsch ist.

Eines Tages wachen Sie auf und es ist eben alles falsch, und dann stellt sich die Entscheidung ohnehin. Aber der Weg dahin ist eben wichtig. Und wir sehen das bei anderen ja sehr gut, wir tratschen ja auch mit allen Leuten darüber, und das ist ja, vielleicht auch eine der wichtigsten Selbsthilfegruppen, die wir in unserem Leben haben, sind die Tratschpartner, -partnerinnen, und genau so ist das hier gemeint. Nur ist das eben in literarischer Fassung so, dass es weit weg von einer oder einem gerät und trotzdem Identifikation ermöglicht. Und das finde ich an Literatur mittlerweile einen der spannendsten Aspekte, und da sehe ich auch den Grund, warum ich schreiben möchte.

von Billerbeck: Nehmen wir noch eine zweite Geschichte, Ulrike M.: Da gibt es am Ende so einen Satz, wo die Frau sich trennt, weil sie die Entscheidung eben freundlich für sich trifft, ein anderes Leben führen zu wollen: "Sie war eine Frau, sie konnte viele Entscheidungen treffen." Also ich den Satz gelesen habe, hab ich gedacht: Genau, so ist es! Ist das so ein Effekt, den Sie bei Ihren Leserinnen und auch bei Ihren Lesern erzielen wollen, dass Sie sagen, ich habe diese Geschichte gelesen – genau, diese Entscheidung könnte ich auch treffen?

Streeruwitz: Das ist doch eigentlich, also für mich ist das die grundlegende Leseerfahrung. Also voraus, als eher sehr junge Person Romane zu lesen, und vorauszuwissen, ja, so wird das sein, hat sich nicht immer so herausgestellt. Aber das ist genau der Punkt, an dem diese Gemeinschaft entsteht, die aber völlig in diesem Abstrakten einen nur da berührt, so Sie es wollen. Und das ist einfach eine sehr schöne Konstellation, nicht angetatscht zu werden, sondern es selber freizugeben. Und das halte ich halt für eine der, auch der netten Vornehmheiten, die Literatur anbieten kann.

von Billerbeck: Nun hatten wir gerade eine große Debatte um Mütterlichkeit, angestoßen von der französischen Philosophin Élisabeth Badinter, dass Frauen wieder inbrünstig stillen sollen, dass sie, selbst wenn sie hoch qualifiziert sind, jahrelang für die Kinder aus ihrem Beruf aussteigen sollen und diese Mutterrolle auch ganz stark akzeptieren. Nun steht unter Ihrem Buch: "Wie bleibe ich Feministin?" Das klingt für viele ja wie ein Begriff aus grauer Vorzeit, warum ist das so wichtig?

Streeruwitz: Weil Feminismus dieser grundlegende Emanzipationsentwurf immer noch ist. Das läuft von anderen Stufen weg, es muss also nicht von Grund auf begonnen werden. – Obwohl ich daran denke, dass es doch so sein muss, die Erziehung ist nicht so emanzipatorisch geworden, wie wir uns das vorstellen, ist auch zurückgekehrt in Rollenbilder, und es wird, die Leistungen des Feminismus werden nicht zur Kenntnis genommen und nicht gesellschaftlich eingebaut. Das heißt, wir leben heute doch ein Leben, in dem wir die Gleichberechtigung vertraglich mit der Gesellschaft durchaus tragen, machen, erfüllen. Wir bekommen es nicht zurück, es ist nicht anerkannt. Das ist eine sehr große Mühsal, wenn, zum Beispiel wenn ich mich heute scheiden lassen würde, würde ich mich ja nicht als das Opfer des 19. Jahrhunderts scheiden lassen, sondern als gleichberechtigte Partnerin, wo der Partner den Vertrag nicht eingehalten hat. Eine völlig andere Situation, die sich aber nicht niederschlägt, die ich nicht argumentieren könnte. Und da gibt es schon Probleme, die sich sehr verschneiden, und die Mütterlichkeit ist zum Beispiel eine der Möglichkeiten, einfach davor zurückzugehen. Und so sehe ich eigentlich immer, dass man, wie das so schön heißt, bei Adam und Eva beginnen muss und von da an weiterdenken. Ich halte es auch nicht für sehr schwierig, diesen Begriff weiter positiv erfüllen zu können, und ich bin diese Generation. Wenn eine jüngere Frau sich weigert, das so zu benennen, ist mir das ziemlich gleichgültig.

von Billerbeck: Die Schriftstellerin Marlene Streeruwitz über ihr neues Buch "Das kann mir alles nicht passieren" und die Frage "Wie bleibe ich Feministin?". Ganz herzlichen Dank für das Gespräch!

Streeruwitz: Ich danke!

Service:
"Das wird mir alles nicht passieren - Wie bleibe ich Feministin" von Marlene Streeruwitz ist als Taschenbuch im Fischer Verlag erschienen. Das Buch kann als cross media experiment weiter geschrieben werden.

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"Das ist keine Kultur"
Die Frau von der Mutterrolle befreien

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