„Evolution“ neu im Kino

Die Last des Überlebens

05:52 Minuten
Eine alte Frau und eine mittelalte Frau stehen am Fenster und rauchen.
Szene aus "Evolution": Mutter (Lili Monori) und Tochter (Annámaria Láng) am Fenster. © Yorick Le Saux / Match Factory Productions/Proton Cinema
Von Patrick Wellinski · 24.08.2022
Audio herunterladen
In drei Kapiteln zeigt der Filmemacher Kornél Mundruczó den Holocaust als generationenübergreifendes Trauma. „Evolution“ ist ein sehr beunruhigender Film, der die nicht aufgearbeiteten Leerstellen herausstellt.

Worum geht es?

In drei Kapiteln erzählt der Film vom Trauma des Holocaust. Im ersten Teil wird bei der Befreiung des Konzentrationslagers Auschwitz beim Reinigen einer Gaskammer ein Neugeborenes gefunden. Diese Eva ist im zweiten Kapitel des Films schon Ende 70 und gerät mir ihrer Tochter in einen heftigen Streit über eine fehlende Geburtsurkunde, da der Enkel ohne einen Nachweis seiner jüdischen Abstammung nicht in einen jüdischen Kindergarten aufgenommen wird. Das letzte Kapitel erzählt die Geschichte des Enkels, der an der Schule Opfer eines antisemitischen Übergriffs wird.

Was ist das Besondere?

Regisseur Kornél Mundruczó arbeitet gemeinsam mit seiner Lebenspartnerin Kata Weber zusammen, die auch das Drehbuch für „Evolution“ verfasst hat. Dafür hat sich Weber stark an der Biografie ihrer eigenen Mutter orientiert, die den Holocaust überlebte.
Das daraus entstandene Triptychon versucht, den Holocaust als Generationen übergreifendes Trauma zu begreifen. Es geht um die Last des Überlebens, das Unverständnis der nachfolgenden Generationen, der Schmerz der Aufarbeitung und die Angst vorm Vergessen.
Das erarbeitet der Film zunächst über fast theatrale Dialoggewitter, doch immer wieder traut sich Mundruczó, seine Szenen surreal aufzulösen, und findet so auch Kinobilder für das Grauen des Holocaust.

Bewertung

„Evolution“ ist ein sehr beunruhigender Film geworden, weil er nach dem Wert des Überlebens fragt und uns vor Augen führt, dass trotz breiter Erinnerungskultur weiterhin antisemitische Haltungen in der europäischen Gesellschaft verankert sind.

Redaktionell empfohlener externer Inhalt

Ich bin damit einverstanden, dass mir externe Inhalte angezeigt werden. Damit werden personenbezogene Daten an Drittplattformen übermittelt. Deutschlandradio hat darauf keinen Einfluss. Näheres dazu lesen Sie in unserer Datenschutzerklärung. Sie können die Anzeige jederzeit wieder deaktivieren.

Anhand konkreter biografischer Linien entsteht zwischen den drei Episoden des Films ein Panorama des 20. Jahrhunderts mit seinen ganzen Sünden, Verfehlungen und bis heute nicht aufgearbeiteten Leerstellen.
Ein Film, der genau deswegen noch lange nachwirkt.
Evolution
Drama, Ungarn/Deutschland 2021
Regie: Kornél Mundruczó
mit u. a. Lili Monori, Annamaria Lang, Goya Rego
Länge: 100 Minuten
Mehr zum Thema