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Lange Nacht | Beitrag vom 04.01.2020

Die Lange Nacht über 40 Jahre Alternativer NobelpreisHoffnung entsteht im Handeln

Von Geseko von Lüpke

Die diesjährigen Preisträger des Alternativen Nobelpreises (v.l.n.r.): Die schwedische Klimaschutz-Aktivistin Greta Thunberg, Davi Kopenawa vom Volk der Yanomami, die chinesische Frauenrechtsanwältin Guo Jianmei sowie die Menschenrechtlerin Aminatou Haidar aus der Westsahara.
Die diesjährigen Preisträger des Alternativen Nobelpreises (v.l.n.r.): Die schwedische Klimaschutz-Aktivistin Greta Thunberg, Davi Kopenawa vom Volk der Yanomami, die chinesische Frauenrechtsanwältin Guo Jianmei sowie die Menschenrechtlerin Aminatou Haida

Seit 40 Jahren arbeitet die Right Livelihood Foundation daran, interessante und vielversprechende Zukunftsprojekte in aller Welt ausfindig zu machen und ihnen mit dem "Alternativen Nobelpreis" gebührende Publizität zu verschaffen.

Während Regierungen ineffektive Klima-Pakete schnüren und die Politik beim Umweltgipfel in Madrid die Geschichte ihres Scheiterns fortschreibt, gehen weltweit Millionen junge Menschen auf die Straße und fordern einen Systemwandel. Sie folgen einer schüchternen und gnadenlos konsequenten 16-Jährigen, die Politiker das Fürchten lehrt und Hierarchien auf den Kopf stellt. Greta Thunberg erhält am 4. Dezember 2019 von der Right Livelihood Foundation, der 'Stiftung für die richtige Lebensweise' den "Alternativen Nobelpreis".

Die schwedische Klimaaktivistin Greta Thunberg beim Schulstreik vor dem Parlament in Stockholm, aufgenommen am 20. Dezember 2019 (imago images/TT)Die schwedische Klimaaktivistin Greta Thunberg beim Schulstreik vor dem Parlament in Stockholm, aufgenommen am 20. Dezember 2019 (imago images/TT)

Wenn einer der wichtigsten Klimaforscher der Welt einen empörten Teenager als "Jeanne d'Arc des Klimas" feiert, ist das eine offizielle Anerkennung für die Zivilgesellschaft. Dieser wichtigste Preis der Zivilgesellschaft steht für Menschenrechte, Frieden, Freiheit und Umweltschutz.

Neben Greta Thunberg wurde eine Friedensaktivistin ausgezeichnet. Es ist Aminatou Haidar vom Volk der Sarhauis in der heißen Westsahara, die mittlerweile schon seit Jahrzehnten gewaltfrei für Selbstbestimmung und Freiheit kämpft. Hier wird nicht nur eine mutige Demokratin in die Weltöffentlichkeit gestellt, sondern ein vergessenes Volk. Aminatou Haidar wurde vier Jahre ohne Urteil in ein Gefängnis gesperrt und gefoltert.

Die Menschenrechtsaktivistin Aminatou Haidar (AFP / PIERRE-PHILIPPE MARCOU)Aminatou Haidar (AFP / PIERRE-PHILIPPE MARCOU)

Oft geht es darum, bedrohte Aktivisten mit dem "Alternativen Nobelpreis" unter öffentlichen Schutz zu stellen. So auch im Falle der chinesischen Rechtsanwältin Guo Jianmei, die sich seit Jahren um Frauenrechte in der Volksrepublik China kümmert. Die Preisverleihung an die Menschenrechtlerin Guo Jianmei brandmarkt den chinesischen Sozialismus. Guo Jianmei setzt sich seit 25 Jahren für die Rechte der 650 Millionen Chinesinnen ein, von denen im Reich der Mitte jede Vierte häusliche Gewalt und Missbrauch erlebt und sexueller Belästigung am Arbeitsplatz ausgesetzt ist.

Der vierte Preis ging am 4. Dezember an einen Aktivisten, der abseits der zivilisierten Welt, tief im Regenwald des Amazonas lebt, Davi Kopenawa, Häuptling und Schamane des Indianer-Volkes der Yanomami, die im Grenzgebiet zwischen Venezuela und Brasilien leben und erst vor rund 50 Jahren in Kontakt mit der modernen Welt kamen. Er nutzte in Stockholm das Interesse der Weltöffentlichkeit, um sein Volk, den brasilianischen Regenwald und seine uralte Kultur vor der Zerstörung zu bewahren.

Ökologiepreis mit globaler Wirkung

Mehr als vier Jahrzehnte ist es her, dass der deutsch-schwedische Briefmarkenhändler Jakob von Uexküll sich fragte, ob man guten Gewissens sein Leben mit dem Sammeln kleiner bunter Papierchen verbringen könne, während die Welt immer mehr in Stücke zerfiel. Er verkaufte seinen Briefmarkenhandel und bot der schwedischen Nobel-Stiftung den Erlös – eine gute Million Dollar – als Startkapital für die beiden neuen Nobelpreise an. Das Komitee winkte mit kühler Arroganz ab. Uexküll gründete daraufhin seine eigene Stiftung. Sie vergibt seit 1980 den Right Livelihood Award jährlich an vier Projekte, die sich in besonderer Weise einer lebenswerten Zukunft widmen. Der Preis wurde als Ökologiepreis eingeführt, insbesondere für die Weisheit und das Wissen der Menschen in der Dritten Welt.  

Der Alternative Nobelpreis versucht Themengebiete wie soziale Gerechtigkeit, stabile Gemeinschaften, Frieden, Bildung, Obdach, gesunde Nahrung, eine saubere Umwelt interdisziplinär abzudecken. Es geht um Projekte, die für ein holistisches Weltbild einstehen, bei dem der Mensch als Teil der Natur gesehen wird und die ein Umdenken erfordern. Eine neue Wirtschaftsform soll etabliert werden, die die Wirtschaft mit der Natur zusammenführt. Die Ökonomie kommt in der Zukunft nicht ohne Ökologie aus. Kleine isolierte Insellösungen während der Raubbau ansonsten systematisch und legal weitergeht, sind keine akzeptablen Lösungen.

Überall auf der Welt formen sich Koalitionen von Frauen, welche die Ausbeutung der Natur als Ausdruck einer männlich dominierten Welt sehen. Aktivistinnen wie die Inderin Vandana Shiva etablieren den "Öko-Feminismus" und weisen immer wieder auf die gemeinsamen Wurzeln der globalen Fehlentwicklung hin: Die Kolonisierung der Natur, die zur ökologischen Krise geführt hat, die Kolonisierung der Frauen und das Dritte-Welt-Problem können nur gemeinsam gelöst werden, sagt die indische Aktivistin Vandana Shiva. Es geht um einen Wechsel von der eher männlich geprägten Welt-Herrschaft zu einer eher weiblichen Haltung der Fürsorge.

Unter dem Schutz des Right Livelihood Awards

Der Preis hat vielerlei Funktionen: Er gibt den Preisträgern finanzielle Unterstützung, um ihre Projekte weiterzubringen. Außerdem verleiht er den Preisträgern Bekanntheit und Glaubwürdigkeit, wie ein unabhängiges Gütesiegel. Er unterstützt Veränderungen bis in höhere Ebenen der Regierungen. Wenn diese Projekte in Ländern der Dritten Welt bekannt werden,  öffnen sich Türen, die vorher verschlossen waren. Der Right Livelihood Award bietet auch Schutz: Decken Menschenrechtler Folter und staatlichen Mord auf, dann werden sie für die Schergen der Gewalt zur unmittelbaren Bedrohung.

Wer sich mit machtvollen Institutionen oder transnationalen Unternehmen anlegt, setzt sein Leben aufs Spiel und wird nicht selten wie ein lästiges Insekt beseitigt. Nachdem zum Beispiel die Menschenrechtlerin Helen Mack Chang aus Guatemala, die nach dem Mord an ihrer Schwester jahrelang die staatlichen Todesschwadronen verfolgt und angeklagt hatte, 1992 mit dem 'Alternativen Nobelpreis' aus Stockholm zurückkehrte, nahm sie der Polizeipräsident beiseite und ließ sie wissen, dass sie nun 'unangreifbar' geworden sei.  

Unter Einsatz des Lebens

Dennoch gibt es nach wie vor Aktivisten, die ihr Engagement mit dem Leben bezahlen. Wie in der Geschichte von dem Ölmulti Shell und dem Ogoni-Volk. Ledum Miteé von den Orgoni beschreibt die Folgen des Widerstands: "Wenn die Menschen bei uns sich gewehrt haben, dann schickte die Regierung, die am Öl verdient, ihre Truppen und brachte Folter, Gewalt und Tod. Das ist die Seite des Öls, die wir kennen." 1994 wird Ken Saro-Wiwa für seinen Kampf gegen die skrupellose Ausbeutung durch den Öl-Konzern Shell mit dem 'Alternativen Nobelpreis' ausgezeichnet. Der nigerianischen Geheimdienst veranlasst ein Blutbad, in dem sechs der Ältesten der Ogoni ermordet werden und schiebt die Tat mit gekauften Zeugen und gefälschten Beweisen der Führung von MOSOP, der "Bewegung für das Überleben der Ogoni", in die Schuhe. Saro-Wiwa wird zum Tode verurteilt und gehängt, trotz großer internationaler Proteste. 

Mit einer Trauer-Mahnwache gedenken am 11.11.1995 Mitglieder von Greenpeace vor dem Brandenburger Tor des hingerichteten nigerianischen Bürgerrechtlers Ken Saro-Wiwa. Saro-Wiwa und seine acht Mitstreiter wurden am 10.11.1995 nach einem Schauprozess von der nigerianischen Militärdiktatur gehenkt. (pictute alliance / dpa / Peer Grimm)Mit einer Trauer-Mahnwache in Berlin gedenkt Greenpeace des hingerichteten nigerianischen Bürgerrechtlers Ken Saro-Wiwa. Er und seine acht Mitstreiter wurden am 10.11.1995 erhängt. (pictute alliance / dpa / Peer Grimm)

Auch der indonesische Menschenrechtler Munir Said Thalib fiel den Schergen eines Regimes zum Opfer, er wurde während eines Flugs nach Europa vergiftet. Der indonesische Rechtsanwalt, der mit seiner Organisation Contras seit Jahren Folteropfer betreute, dem Schicksal von verschwundenen  Regimegegnern nachgeforscht und die Taten der indonesischen Todesschwadronen verfolgt hatte, wusste, dass sein Leben ständig in Gefahr war. Nach Ende des Studiums 1989 wird Munir in der Organisation Legal Aid zum Anwalt für die Opfer staatlicher Willkür des Suharto-Regimes in Indonesien. Im Dezember 2000 wurde er in Stockholm "für seinen Mut im Kampf um die Menschenrechte und seine Erfolge bei der zivilen Kontrolle des Militärs" mit dem Alternativen Nobelpreis ausgezeichnet. Dadurch wurde er zur öffentlichen Figur von internationaler Bedeutung. 2001 erhielten Munirs Eltern eine Paketbombe, die entschärft werden konnte, 2002 zertrümmerten Schlägertrupps sein Büro, 2003 explodierte ein Paket vor seiner Haustür.

Im Frühjahr 2004 erhielt er von der Universität Utrecht das Angebot, mit einem Stipendium seine juristischen Studien in Holland fortzusetzen. Nach kurzer Bedenkzeit willigte er ein, über das Menschenrecht zu promovieren. Munir wollte dem alten System mit fundiertem Wissen entgegentreten. Es ist der 6. September 2004 als der 38-jährige Munir Said Thalib mit Freunden, Kollegen, seiner Frau und seinen zwei Kindern abends zum Jakarta International Airport aufbricht. Es scheint wie ein Start in eine neue Lebensphase. Doch es ist ein finaler Abschied.

Radikales Umdenken für die Zukunft

In einer Zeit der Zerstörung und des Zerfalls entstehen Bewegungen aus dem Volk, die eine neue Zukunftsvision erschaffen. Dabei scheinen die Aktivisten Zugang zu einer Kreativität zu haben, die tiefer reicht als die Gier nach Profit, Wachstum, Status und materiellem Glück. Wie im buddhistischen achtfachen Pfad überwinden sie ihre Ängste, stellen sich der Zerstörung entgegen, halten Rückschläge aus, um sich immer wieder aufrappeln und im Dienste und zum Wohle aller Menschen zu handeln. Wer im alten Weltbild mit all seinen materiellen Werten bleibt, kann nicht zu einem anderen Denken finden. Wir verhalten uns schizophren, wenn wir unsere Religionen nur zum Beten in Kirchen und Tempeln nutzen, im Alltag aber das Gegenteil tun. Spiritualität durchdringt das ganze Leben. Sie ist ein inneres Werkzeug für das Handeln im Außen. So verliert sie den Beigeschmack der süßlichen Räucherstäbchen-Romantik und fragt stattdessen: Wie lässt sich innere Transformation erreichen, um bei der Veränderung der Welt effektiver handeln zu können? Jede Aktion muss aus dem Hirn durch das Herz in die Hände gehen. Wir brauchen eine Veränderung in unseren Herzen, in unserem Bewusstsein, in unserem Denken, um eine Welt zu erschaffen, die sich von der jetzigen Welt unterscheidet.

Der Gründer von dem Preis, Jakob von Uexküll, überreicht den Preis an Kasha Jacqueline Nabagesera (AFP / VILHELM STOKSTAD)Jakob von Uexküll bei der Verleihung des Altnernativen Nobelpreises an Kasha Jacqueline Nabagesera (rechts) (AFP / VILHELM STOKSTAD)

137 Preisträger und Preisträgerinnen aus 58 Ländern haben gezeigt, dass eine andere Zukunft möglich ist. Sie haben viel erreicht bei ihrem Einsatz für Umweltschutz, Menschenrechte, für den Frieden, Nachhaltigkeit, Gesundheitsversorgung und für die Demokratisierung. Uexkülls Bilanz lautet: "Es ist ganz klar, dass wir die Wende nicht geschafft haben und dass das Leben für sehr viele Menschen auf der Erde in vielen Ländern noch schwerer geworden ist." Aber dieser Preis hat vielen Menschen Hoffnung, Inspiration und Motivation gegeben. 

Eine Produktion von Deutschlandfunk/Deutschlandfunk Kultur 2019. Hier erhalten Sie das Skript im PDF-Format.

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(Deutschlandfunk, Kultur heute, 25.09.2019)

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Die Weltverbesserer - Teil 1 - 300 Millionen Bäume aufziehen
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