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Signale / Archiv | Beitrag vom 30.09.2007

Die lange Dauer zählt

Von Sinn und Nutzen der Öffentlichkeit

Von Wolfgang Sofsky

Menschenmenge (Stock.XCHNG / Joseph Zlomek)
Menschenmenge (Stock.XCHNG / Joseph Zlomek)

Öffentlichkeit ist das Forum für Angelegenheiten von allgemeinem Belang. Hier können sich die Bürger versammeln, um ungehindert ihre Meinung zu äußern, Ideen zu verkünden und ihre Interessen zu vertreten. Manchmal kann sich in der Öffentlichkeit der Nebel politischer Ideologien in Luft auflösen. Der Streit der Gegensätze sorgt für klare Sicht.

Solange die Debatte frei bleibt von staatlicher Aufsicht, parteilicher Borniertheit, finanzieller Bestechung und sozialem Druck, unterhöhlt sie den blinden Gehorsam der Untertanen. Vor der zersetzenden Kraft der Kritik kann zuletzt nur bestehen, was alle Gegenreden überstanden hat. Keine Meinung, kein Prinzip, kein Glaube, nicht einmal ehrwürdige Grundwerte sind vor den Waffen der Kritik sicher.

Als Forum gesellschaftlicher Gegenmacht ist Publizität ebenso begehrt wie gefürchtet. Auch die demokratische Eliteherrschaft misstraut den Wendungen des Zeitgeistes. Sie sucht daher treue Gefolgsleute in die Medien einzuschleusen, die Aufmerksamkeit zu monopolisieren und die kollektive Stimmung zu lenken. Notfalls appelliert sie an vermeintliche Tabus oder liebäugelt mit der Zensur im Namen guter Sitten. Eine freie Öffentlichkeit jedoch bleibt immer unwägbar. Schon manchen Präsidenten, Minister oder Lobbyisten hat sie Amt und Ansehen gekostet. Unversehens kann sich Widerspruch in Widerstand verwandeln, kann die Stimmung umschlagen und sich eine Opposition formieren. Und gelegentlich taugt die Öffentlichkeit sogar als Geburtshelfer sozialer Bewegungen und organisierter Rebellion.

Keineswegs geht es im öffentlichen Diskurs nur um die Sammlung ausgewogener Kommentare zu akuten Fragen. Die Inflation der Talkshows und Podiumsrunden mit altbekanntem Personal und entbehrlichem Geplauder bezeugt nur den Niedergang der Debatte. Der Widerstreit der Worte ist nicht dazu da, Meinungen auszutauschen, sondern die Zahl der Lügen und Irrtümer zu verringern. Auf die Idee der Wahrheit kann der Diskurs unmöglich verzichten. Der kleinmütige Appell an allseitige Toleranz kündigt diesen Anspruch auf. Solche Torheit treibt den Diskurs geradewegs seiner letzten Schwundstufe entgegen.

Eine Debatte, welche den Namen verdient, ist nicht auf Kompromiss angelegt. Sie soll vielmehr die wirkliche Sachlage feststellen. Nur wenn sie die Tatsachen kennen, lernen die Menschen, was sie tun können und was nicht, welche Anstrengungen sie unternehmen müssen, um das zu erreichen, was ihnen möglich ist. Deutungen und Wünsche versinken in haltloser Beliebigkeit, solange nicht der Streit für den direkten Kontakt zur Realität sorgt. Es ist der Schmerz des Irrtums, der den Weg zur Wahrheit weist. Hierzu bedarf es neben logischem Scharfsinn, begrifflicher Klarheit und empirischer Kenntnis manchmal auch der scharfen Zunge, der spitzen Feder, des Spotts, der Satire. Verblasenes Geschwätz, leere Worthülsen, Starrsinn und gemütvolle Illusionen zerplatzen erst, wenn die Tatsachen nicht mehr zu verleugnen sind.

Bloße Aktualität ist kein Maßstab für die Qualität öffentlicher Diskurse. Die Episoden und Begebenheiten sind nicht mehr als Wassertropfen im Strom der Geschichte. Die allermeisten Ereignisse sind schon nach Tagen vergessen. Diese kurze Zeit der Chronik, des Journals und Kommentars ist die eigenwilligste und täuschendste aller Zeitabläufe. Häufig regiert der pure Zufall: hier eine Katastrophe, ein Verbrechen, eine Kursschwankung, dort eine Verlautbarung, ein Urteil, ein Skandal, eine unkorrekte Wortwahl. Aber Bedeutung erlangt eine Neuigkeit nur, wenn sie Folgen hat. Daran bemisst sich, ob Kommentare sich überhaupt lohnen.

Die Zeit der Moden, Zyklen und Trends, der Krisen und Konjunkturen dauert etwas länger, eine Saison, ein paar Wochen, Monate vielleicht. Die Aufmerksamkeit steigt allmählich, erreicht einen Höhepunkt und klingt wieder ab. Dies ist die mittlere Zeit notorischer Debatten und forscher Gutachten. Aus diversen Perspektiven wird ein Thema besichtigt, bis endlich alles gesagt ist und Langeweile einkehrt. In diesem Diskurs konkurrieren Intellektuelle und Experten um die Deutungshoheit über den zeithistorischen Sinn der Neuigkeiten.

Die Erkenntnis der Strukturen schließlich verlangt eine Übersicht auf jene langlebige Wirklichkeit, die von der Zeit wenig abgenutzt und fortbewegt wird. Säkulare Geschichten wie jene des Klimas, des modernen Zentralstaates oder des Kapitalismus überdauern Generationen. Aber auch sie gründen zuletzt auf den unbewußten Formen des Sozialen. Diese bleibenden Strukturen blockieren Geschichten. Sie bieten nur einen begrenzten Raum historischer Möglichkeiten. Den Wünschen der politischen Einbildungskraft stellen sie unüberwindbare Barrieren entgegen. Aber sie stützen auch den Alltag, das Vertrauen in den Fortbestand der sozialen Welt.

Die Kenntnis dieser langen Dauer ist für öffentliche Debatten unverzichtbar. Sie erspart falsche Erregung und bewahrt vor alarmistischen Gesten, vor falschem Krisengerede und treuherziger Verharmlosung. Sie verschafft Abstand zu den Forderungen des Tages, Distanz auch zu den Ideologien und zur Rhetorik der Macht. Falsche Verheißungen entlarvt sie als leere Versprechen, Hoffnungen enttarnt sie als Illusionen. Kritische Debatten über langfristige Trends und Strukturen lehren Gelassenheit und Realismus. Sie sagen uns, wo zu handeln geboten und wo zu handeln aussichtslos ist, was zu ertragen und was untragbar ist. Eine politische Öffentlichkeit, die sich dieser Einsichten begibt, verfehlt ihre wichtigste Aufgabe: die Verringerung der Irrtümer über die Gesetze politischer Macht.

 Wolfgang Sofsky (privat)Wolfgang Sofsky (privat)Wolfgang Sofsky, Jahrgang 1952, ist freier Autor und Professor für Soziologie. Er lehrte an den Universitäten Göttingen und Erfurt. 1993 wurde er mit dem Geschwister-Scholl-Preis ausgezeichnet. Er publizierte u.a.: "Die Ordnung des Terrors. Das Konzentrationslager" (1993), "Figurationen sozialer Macht. Autorität - Stellvertretung - Koalition" (mit Rainer Paris, 1994) und "Traktat über die Gewalt" (1996). 2002 erschien "Zeiten des Schreckens. Amok, Terror, Krieg", "Operation Freiheit. Der Krieg im Irak" und 2007 der Band "Verteidigung des Privaten".

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