Die #Kunstjagd - Teil 2

Spurensuche in München

Engelberg-Eintrag im Adressbuch von 1938 aus dem Münchner Stadtarchiv © #Kunstjagd
TV-Doku / Radio-Podcast / Vimeo-Channel / WhatsApp-Broadcasting / Social-Media / Print-Reportage · 28.05.2015
Ein Bild verhilft der jüdischen Familie Engelberg zur Flucht aus Nazi-Deutschland. Wo steckt es heute? Die Spurensuche beginnt dort, wo Paula Engelberg das Bild versetzt oder verkauft haben könnte, um an Visa für die Flucht in die Schweiz zu kommen: in München.
"Herr Kerner hier ist Bachmann am Apparat, Herr Kerner ich hab ein ganz großes Problem. Es ist jetzt ein Filmteam da und wir haben für den Herrn Salewski Akten bestellt und sie wissen ja, ich fürchte fast, sie liegen noch bei ihnen draußen."
Vor zwei Wochen haben wir mit der Vollmacht von Eduard Engelberg die Rückerstattungsakte angefordert. Es ist die einzige uns bekannte Quelle, aus der wir direkt erfahren könnten, was Paula Engelberg damals im November 1938 mit dem Gemälde gemacht hat. Jetzt stehen wir wie verabredet im bayerischen Staatsarchiv in München, die Suche hat begonnen, aber die Akte 255/51 ist nicht da.
Die Akte kommt schließlich aus dem Magazin, mit dem Taxi. Im Lesesaal im ersten Stock schlagen wir die vergilbte Mappe auf.
Paula Engelberg hat den Antrag 1948 selbst ausgefüllt. Sie spricht jetzt direkt zu uns. Und beschreibt einen rot-braunen Koffer, den sie kurz vor ihrer Flucht im Dezember 1938 im Depot der Deutschen Bank einschließt. Handschriftlich listet sie den Inhalt auf: 13 Wertgegenstände, zum Teil ihr Heiratsgut. Unter anderem eine goldene Uhr, Halsketten, Tafelsilber. Sie nennt den Wert: 6365 Reichsmark. 1941 wird der Koffer beschlagnahmt und der Inhalt versteigert. Erlös für das Reich: 716 Mark.
Erst 1959, als Paula Engelberg schon verstorben ist, werden ihr posthum 3600 D-Mark zugesprochen. Damit seien alle ihre Ansprüche abgegolten, heißt es. Auf keiner der Seiten ist die Rede von einem Gemälde. Meine Kollegen und ich sind enttäuscht. Aber das wäre ja auch zu einfach gewesen. Das sieht der Archivdirektor Christoph Bachmann genauso.
"Was heißt unmöglich, Zufälle gibt's ja immer wieder, das ist ja kein Thema net, aber wie gesagt, da einen schriftlichen Nachweis zu finden, wenn die Erinnerung tatsächlich so stimmt wie sie das sagen, dann würde ich eigentlich aufhören, dann würde ich gar nicht erst zum suchen anfangen, weil es kann ja irgendwo sein, das ist ja logisch, wo wollen sie denn da ansetzen …"
Recherchen in der Gedenkstätte Dachau
Zwei Tage zuvor, es regnet. Wir treffen Dirk Riedel, Mitarbeiter der Gedenkstätte in Dachau. Wir wollen mehr über die Umstände erfahren, unter denen Jakob Engelberg ins KZ kam – und wieder entlassen wurde. Riedl erklärt uns, was die Nazis mit der sogenannten Schutzhaft bezweckten.
"Das heißt die Gefangenen im Lager durften trotz Haft nicht daran gehindert werden, Kontakt zu Konsulaten aufzunehmen, weil daran die SS ja Interesse hatte, dass die Juden das Land verlassen sollen, und das andere war, dass die Häftlinge ihren Besitz zurück lassen sollten."
Wir gehen durch das Tor mit dem Schriftzug "Arbeit macht frei", hinüber zur ehemaligen Baracke 8, wo Jakob Engelberg, der von der SS nur als Häftling 19897 bezeichnet wurde, auf Nachrichten seiner Frau wartet.
Die Visabeschaffung war erfolgreich. Das wissen wir. Wer aber hat es ausgestellt und wann genau? Wir fragen im Schweizer Konsulat in München nach. Dort verweist man uns nach Bern, ans Schweizer Bundesrachiv. Die Bestellung der Akten dort wird allerdings etwas dauern.
Noch aber sind wir nicht am Ende unserer Recherche in München. Und begeben uns dorthin, wo der Ungeist verwaltet wurde, zum ehemaligen Sitz der NSDAP. Heute befindet sich hier, fast direkt am Königsplatz, das renommierte Zentralinstitut für Kunstgeschichte.
Wir erzählen dem Provenienzforscher Christian Fuhrmeister von unserer Suche.
"Nette Herausforderung aus dem Leben gegriffen … Man weiß ja vorher nicht, ob es eine kleine oder große Herausforderung ist, das stellt sich ja erst bei der Recherche heraus. Es ist schwierig, aber keineswegs unmöglich."
Fuhrmeister verschwendet weiter keine Zeit, setzt sich an seinen Rechner und beginnt in Katalogen und Datenbanken nach unserem Künstler Otto Stein zu suchen.
"Nee, ja, es sind die beiden, also mein Vorschlag wäre ich gehe jetzt in die Bibliothek. Wollen Sie mit? Ja? Gut."
Wir laufen Fuhrmeister hinterher, durch hallende Gänge und dann eine Wendeltreppe hinab, hinein in eine der größten kunsthistorischen Bibliotheken der Welt.
Verweise nach Nordböhmen
Seine Suche im Katalog hat gerade mal zwei Treffer ergeben. Der erste ist ein Aufsatz einer tschechischen Historikerin und verweist uns nach Liberec in Nordböhmen. In Tschechien verbrachte Stein seine letzten Jahre.
"... wäre möglicherweise ein Ort, wenn es da einen Nachlass gibt, wo man eventuell einen Connex zu Engelberg kriegt."
Den zweiten Treffer kannte auch Google schon. Eine Dissertation über Leben und Werk Otto Steins, verfasst von einem gewissen Olaf Thormann 1992. Fuhrmeister zieht das Buch aus dem Regal und blättert nach hinten ins Namensregister.
"Epping nein, Enderlein nein, das wäre auch zu schön und zu einfach."
Kein Engelberg. So oder so ist klar, dass wir Olaf Thormann treffen müssen.
Zurück in Fuhrmeisters Büro überlegen wir, wo Paula Engelberg das Gemälde damals hätte verkaufen können.
"Der gesamte Münchner Kunsthandel hat eine außerordentliche starke Konzentration auf einer Fläche von 200 mal 200 Meter. Ich zeige ihnen da gleich mal einen Plan."
Die historische Karte zeigt eine Galerie an der anderen. Mittendrin: die Ottostraße. Dort war 1938 auch das Schweizer Konsulat. Aber welche Adresse kommt für einen Ankauf des Gemäldes in Frage? Wir beschließen nach Auktionshäusern zu suchen, die in den letzten 25 Jahren Gemälde von Otto Stein versteigert haben.
"So, ich glaube die erste Recherche hat gezeigt, es ist kein schneller einfacher Treffer, man muss weiter buddeln und in die Information hinein, die noch nicht digital verfügbar sind, weil natürlich das Historische nicht eins zu eins abgebildet wird."
Wir verlassen das Institut mit einigen Antworten, aber auch einer Menge neuer Fragen.
Aber dann erreichen uns per WhatsApp schon die ersten Hinweise. Aus Österreich meldet sich ein Galerist. Eine Frau schickt uns ein Foto, meint vielleicht das Gesuchte zu kennen, aber es ist ganz offensichtlich kein Stein. Und eine Nachricht ist mysteriös. Sie lautet: Seit 1983 in Paraguay …
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