Die Kunst des Recyclings

Der Schriftsteller und Dramatiker Bertolt Brecht auf einem undatierten Archivbild. © AP
Von Stefan Keim · 27.03.2011
Was in Oper und Ballett schon immer üblich ist, wird nun zur gängigen Praxis der Sprechtheater: Remakes von erfolgreichen Inszenierungen. Ein gelungenes Beispiel ist Stemanns - ursprünglich in Hannover gezeigte - "Dreigroschenoper" in Köln.
Am Anfang bleibt die Bühne dunkel. Eine rote Leuchtschrift läuft über ein Band. Das gesamte Vorspiel zu Bertolt Brechts "Dreigroschenoper" bleibt purer Lesetext, dargeboten in aller Stille. Als Nicolas Stemann vor neun Jahren in Hannover seine spielerisch das Stück zersetzende und wieder neu zusammen montierende Inszenierung heraus brachte, war dieser Lauftext das Zugeständnis an die auf Werktreue bedachten Brecht-Erben. Das Original blieb – ironisch - präsent in der Regiearbeit, die sich dadurch mehr Freiheiten nehmen konnte als andere Aufführungen.

Nun hat Stemann seine Inszenierung für das Schauspiel Köln neu einstudiert. Der Text läuft vollständig am Anfang und Ende, doch zwischendurch wird er reduzierter eingesetzt. Sonst ist fast alles geblieben. Drei Mackie Messers posen, tanzen, feixen wie vergnügungssüchtige Geschäftsleute auf Asienurlaub. Eine Japanerin (wie in Hannover Sachiko Hara) spielt Polly Peachum, aufreizend sexy gekleidet, unschuldig flötend in der Stimmlage. Die Rollen werden verdoppelt und verdreifacht, es geht nicht um einzelne Personen sondern um Vertreter eines Systems. Und nach der Pause zeigt Stemann das schockierende Bild eines verhungernden afrikanischen Kindes, was in Hannover große Diskussionen auslöste. Es ist ein notwendiger Moment, denn ohne ihn würde die Aufführung zu glatt und gut gelaunt durchlaufen. Hier spürt man, wie zynisch es ist, wenn wir Wohlstandsmenschen uns über den Satz "Erst kommt das Fressen, dann kommt die Moral" amüsieren.

Ein Remake also, und das ist kein Einzelfall. Was in Oper und Ballett schon immer üblich ist, wird nun zur gängigen Praxis der Sprechtheater. Das Schauspiel Köln ist da – wie bei vielem – der Vorreiter. Erst vor einigen Wochen hat die Engländerin Katie Mitchell hier ihre Londoner Aufführung von Virginia Woolfs "Die Wellen" mit deutschen Schauspielern adaptiert. Man mag die Theater schelten, erprobte Konzepte nochmals umzusetzen, sei risikomüde. Doch eben dafür steht das Kölner Schauspiel nicht. Nicolas Stemann spricht über dieses Thema bemerkenswert offen im Programmheft. Das Feuilleton verlange immer neue Geniestreiche, was dazu führt, "dass unglaublich viel Käse produziert wird, während funktionierende und gute Abende lange vor der Zeit in der Versenkung verschwinden. Das Ganze ist in höchstem Maße kunstfeindlich."

Damit hat Stemann Recht. Es ist dieselbe Gier nach Novitäten, die Theater dazu antreibt, von Dramatikern immer neue Stücke zu verlangen, gern im Stil der alten, anstatt die vorhandenen Texte nachzuspielen. Dahinter steckt aber auch eine Neubewertung der Bedeutung von Inszenierungskonzepten. Sie scheinen – nicht unlogisch in Zeiten des Regietheaters – langsam als eigene Kunstwerke anerkannt zu werden. Was ja bei präzise notierten Choreografien schon längst der Fall ist. Viele Regisseure, die Intendanten sind, schleppen ihre Herzensaufführungen von Haus zu Haus mit sich, verlieren auf dem Weg ein paar Schauspieler, üben die Rollen mit neuen ein. Und Roberto Ciulli nimmt schon lange in seinem Theater an der Ruhr in Mülheim immer wieder alte Inszenierungen zurück ins Repertoire, probt und überdenkt sie neu. Warum soll das nicht auch für die Arbeiten freier Regisseure gelten? Bis auf ein paar Experten hat kaum ein Kölner Theatergänger die Aufführung in Hannover gesehen. Dort lief sie sieben Jahre lang fast immer vor ausverkauftem Haus und bietet auch heute viel Diskussionsstoff.

Denn Stemann kommt mit seinem Aufbrechen des Stücks Brechts Intentionen überraschend nah. Verfremdungseffekte wie Szenentitel auf Texttafeln oder Musiknummern sind ja längst Allgemeingut. Es hat sich eine psychologisierende Spielart in der Brecht-Rezeption eingeschlichen, die den ursprünglichen Ideen des Autoren zuwider läuft. Wenn Stemann nun jede Identifikation verhindert, in dem mehrere Schauspieler eine Rolle verkörpern und er das Spiel selbst und die Auseinandersetzung mit dem Text zum Thema macht, erzielt er perfekte V-Effekte. Die zudem so unterhaltend sind, dass der Abend auch noch viel Spaß macht.

Insofern meckere niemand über Recycling-Inszenierungen aus dem gelben Sack. Natürlich sollte man genau überlegen, welche Aufführungen ein solches Niveau erreichen, dass sie ein Weiterleben verdienen. Sollten künstlerische Überlegungen in den Hintergrund treten und man nur eine Spielplanposition mit weniger Probenaufwand ausfüllen, wäre die Entwicklung fatal. Doch davon sind wir ja weit entfernt. Trotzen wir also dem Novitätenwahn und freuen wir uns, dass man Stemanns "Dreigroschenoper" und Katie Mitchells "Wellen" nun auch in Köln anschauen kann.