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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 23.01.2012

Die Kunst des glücklichen Lebens

Alexander García Düttmann: "Naive Kunst. Ein Versuch über das Glück", August Verlag, Berlin 2012, 128 Seiten

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Düttmann wirft den Leser bei der Frage nach dem Glück auf sich selbst zurück (Stock.XCHNG / Sanja Gjenero)
Düttmann wirft den Leser bei der Frage nach dem Glück auf sich selbst zurück (Stock.XCHNG / Sanja Gjenero)

Der Philosoph Alexander García Düttmann schreibt in seinem Prosastück über das Glück als ein Kunstwerk, das sich jederzeit wieder auflösen kann. Ein mit philosophischen und kulturellen Querverweisen garnierter Text, spielerisch und ernsthaft zugleich.

Der Autor des Buches "Naive Kunst. Ein Versuch über das Glück", Alexander García Düttmann, ist Philosoph. Einer, der sich auch mit Film, Kunst und Oper beschäftigt, in Barcelona geboren, in London lehrend. Ein deutscher Kosmopolit, vielfältig und anspruchsvoll in seiner Auseinandersetzung mit Adornos Kritischer Theorie und der Dekonstruktion von Jacques Derrida, von dessen Arbeiten Düttmann einige aus dem Französischen ins Deutsche übertrug.

Bereits im Titel, obwohl er nur wenige Wörter umfasst, deutet sich die Tücke beziehungsweise der mehrfach doppelte Boden dieser - für einen Philosophen auf den ersten Blick ungewöhnlichen - Prosaarbeit an: "Naive Kunst", da denkt man an unbedarfte Darstellungen in der Malerei, die Versuche von Autodidakten, Kindern oder Geisteskranken. Um diesen, vom Kunsthistoriker Wilhelm Uhde Ende er der 20er-Jahre des vergangenen Jahrhunderts eingeführten Begriff geht es Düttmann jedoch nur insofern, als er anbietet, die Möglichkeit, glücklich zu sein, als "naive Kunst" zu verstehen: Glück als Kunstwerk, und zwar ein autodidaktisch hergestelltes, das sich wieder auflösen kann.

Das heißt, es ist nicht nach gesellschaftlich normiertem Bauplan zu konstruieren oder zu erhalten. Womit klar wird: Ein repräsentativer Ratgeber ist dieses Buch nicht. Vielmehr eine listige Verführung, sich dem Leben hinzugeben, der absichtslosen Verwirklichung eines Moments, der Übereinstimmung mit dem, was gerade ist.

"Naiv" ist die Protagonistin der Geschichte, Daphne. Naiv mit allen positiven Konnotationen: von natürlicher Heiterkeit, ungekünstelt, kindlich, "wo es nicht mehr erwartet wird" (Schiller), "sich selbst treu, ungezwungen, in seiner ordentlichen Konsistenz" (Herder).

Daphne unterrichtet in London an der Universität und vergegenwärtigt sich einen zehn Jahre zurückliegenden Aufenthalt an der Stanford University. Obwohl sie als Figur, wie auch der Autor, selbst in der Lage wäre, philosophische Glücksdefinitionen abzugeben, wird man diese im Text nicht finden. Stattdessen beschreibt Daphne ihr Leben in San Francisco - das sie wiederum erinnert an Kindheitserlebnisse in Barcelona oder ihren Aufenthalt in Paris.

In San Francisco, stellt Daphne rückblickend fest, war sie glücklich. Sie ist eine Reisende, die sich mit den Orten, an denen sie lebt, verwandelt, die sich in Städte und Menschen verliebt, deren Geschlecht vom Autor nicht eindeutig festgelegt ist. Auch dann, wenn sie detailliert die Topographie San Franciscos beschreibt, ihre eigenen Erlebnisse und Gefühle - fassbar ist sie nicht. Und zeigt sich damit als Verwandte jener gleichnamigen Göttin aus der griechischen Mythologie, der Verkörperung eines vermuteten Glücksversprechens.

Alexander García Düttmann gelingt mit all dem etwas ungeheuer Schönes: Naivität zu feiern und dadurch unseren Blick auf die Wirklichkeit zu weiten. Eine Figur zu erschaffen, die den Leser anzieht, ohne fassbar zu sein. Ein mit philosophischen und kulturellen Querverweisen garnierter Text, der spielerisch wie ernsthaft, der denkerische Essenz ist. Und den Leser bei der Frage nach dem Glück auf sich selbst zurückwirft, ohne dass dieser darüber unglücklich wäre.

Besprochen von Carsten Hueck

Alexander García Düttmann: Naive Kunst. Ein Versuch über das Glück
Mit einem Nachwort von Christoph Menke
August Verlag, Berlin 2012
128 Seiten, 9,80 Euro

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