Montag, 16.07.2018
 

Aus der jüdischen Welt | Beitrag vom 13.07.2018

Die Künstlerin Irina GerschmannMischtechniken des Lebens

Von Thomas Senne

Beitrag hören Podcast abonnieren
Ein Davidstern über einer Synagoge (Picture Alliance / dpa / Jan Woitas)
Irina Gerschmann ist praktizierende Jüdin. In vielen ihrer Arbeiten befasst sie sich mit dem Judentum. (Picture Alliance / dpa / Jan Woitas)

Kollagen, Grafiken oder surreal verfremdete Porträts: Irina Gerschmann verfügt über ein breites Repertoire. In ihren Werken befasst sich die Künstlerin und Modedesignerin immer wieder mit Motiven und der Geschichte des Judentums.

Die praktizierende Jüdin Irina Gerschmann schlägt in ihren Arbeiten den Brücken zwischen Vergangenheit und Moderne, zwischen freier und angewandter Kunst. Vielleicht hat das etwas damit zu tun, dass die Modedesignerin und Künstlerin aus der ehemaligen UdSSR nach Deutschland übersiedelte und nun in ihrer fränkischen Wahlheimat Höchstadt eine Kunstschule betreibt?

"Bei den großformatigen Arbeiten, da springe ich die Leiter hoch und runter. Manchmal fliegen auch die Eimer mit der Farbe umher. Mein Hund hat sogar gelernt ganz vorsichtig zwischen den Farbeimern umher zu gehen – nee, ich meine zwischen meinen Bildern! Ich male zuerst und dann nähe ich die Stofffetzen darauf, das ist unterschiedlich."

Verwobenheit von spirituellem und profanem Lebe

Das sagt Irina Gerschmann und beschreibt gestenreich ihre vielseitige künstlerische Arbeitsweise im Atelier.

"Es ist eine Mischtechnik. Ich benutze auch Stoff als Collage und ich male auch gerne mit Tusche und Acryl auf Leder. Das kombiniere ich auch mit den Jacquard-Stoffen mit den floralen Motiven. Durch die Stoffe kann man auch gut die Verwobenheit vom spirituellen und profanem Leben unterstützen."

Auf dem wohl größtem Werk von Irina Gerschmann, "Der ewige Zug der Jüdischen Geschichte", wird das besonders deutlich. Die Textilcollage in Gestalt einer stilisierten Arche Noah besteht aus einer Unzahl von kleinteiligen figurativen Szenen und Bildern - beispielsweise vom Exodus -, aus Schriftzügen und gezeichneten Gebäuden sowie aus herunterhängenden Kordeln und schwarzen Streifen, die an Gebetstücher und T‘fillin erinnern sollen - eine 2008 entstandene Melange aus Tusche und Acryl, Leinentuch, Leder, Stoffen, Garnen und Knöpfen.

Abstrakt verwurzelt

"Das ist eine großformatige Arbeit, die ist über zwei Meter hoch und drei Meter breit. Da habe ich fast das ganze Jahr über daran gearbeitet. Da sind alle Stationen der jüdischen Geschichte. Vom Anfang, dem Garten Eden bis zur modernen Zeit, bis zur Entstehung des Staates Israel, Auszug aus Ägypten und der Geschichte des modernen Judentums und natürlich des Holocausts."

Das ästhetische Spektrum der Jüdin, die sich gerne von der Farb- und Figurenvielfalt antiker Wandbilder der syrischen Synagoge von Dura Europos inspirieren lässt, reicht von abstrahierenden Werken, Stillleben und Landschaften über surreal verfremdete Porträts bis hin zu Arbeiten, in denen sich die Künstlerin, deren Großeltern unter Pogromen zu leiden hatten, auch mit dem verschwundenen Ostjudentum auseinandersetzt. Etwa auf der Collage von 2016 "Auf der Suche nach dem verlorenen Heim", auf der auch der zerstörte Tempel von Jerusalem auf einem Lederfetzen zu sehen ist.

Jüdische Grundlagen

Mit ihren Bildern, in denen immer wieder textile Elemente auftauchen, knüpft Irina Gerschmann an jüdische Handwerkstraditionen in Europa an.

"Das Textile, der Umgang mit Stoff, hat ja auch, gerade im europäischen Judentum, eine große Rolle gespielt. Die Juden durften nicht alle Berufe ausüben. Es gab hingegen viele Schneider. Der Schneider war ja auch besonders in Osteuropa ein jüdischer Beruf geworden. Und das ganze Textile und die Verwobenheit mit den Stoffen, die Ornamente und das Leder versuche ich hier auch zu kombinieren."

Mode und Kunst. Gerne spürt die in Russland geborene Künstlerin jüdischen Traditionen nach. Vielleicht auch deshalb, weil in ihrer Kindheit und Jugend - als noch die UdSSR bestand - das öffentliche Bekenntnis zum mosaischen Glauben offiziell verboten war.

"Ich habe ja immer gezeichnet und gemalt. Ich war als Kind in der Kunstschule, aber auch in der Musikschule. Ich wollte sogar Mathematik studieren, aber mit 15 Jahren bin ich mit meiner Mutter nach Moskau gegangen und wollte einfach ausprobieren, ob ich in der Kunsthochschule die Prüfung bestehe. Und das habe ich auch und plötzlich war ich mit 15 Jahren alleine in Moskau zum Studium und dann auch eine der Jüngsten. Das war ziemlich schwierig."

Die neue Welt Franken

Es folgten das Studium von Bildender Kunst und Modedesign, 1993 die Übersiedlung nach Deutschland und Entwürfe eigener Modekollektionen. Seit zwölf Jahren betreibt die 50-Jährige in Höchstadt an der Aisch bei Nürnberg eine eigene Kunstschule mit angeschlossener Näherei, eine Einrichtung, die von der Stadt und angrenzenden Schulen unterstützt wird. Rund 500 Schüler - Kinder, Jugendliche und Erwachsene - besuchen den Unterricht der Jüdin, der es vor allem auf eines ankommt.

"Auf Entfaltung der eigenen Kreativität bei den Kindern und auch bei den Erwachsenen. Bei der Mappenvorbereitung kommt es auch auf die Grundlagen der klassischen Kunstausbildung an. Wir geben auch Kurse der perspektivischen Verkürzung und der plastischen Anatomie."

Irgendwo zwischen Pädagogik, Kunst und Design ist das Schaffen von Irina Gerschmann angesiedelt: eine geschichtsbewusste Künstlerin zwischen Tradition und Moderne.

Mehr zum Thema

Globale Konflikte - Der Kampf um das Kulturverständnis
(Deutschlandfunk, Essay und Diskurs, 08.07.2018)

Orthodoxes Judentum - Stylisch, aber züchtig
(Deutschlandfunk, Tag für Tag, 06.07.2018)

Aus der jüdischen Welt

weitere Beiträge

Das könnte sie auch interessieren

Entdecken Sie Deutschlandfunk Kultur