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Fazit / Archiv | Beitrag vom 03.02.2012

Die korrumpierte Mutterliebe

Maxim Gorkis "Wassa“ an den Münchener Kammerspielen

Von Christoph Leibold

Eine Büste von Alexei Maximowitsch Peschkow - in der Literatur bekannt unter dem Pseudonym Maxim Gorki ("der Bittere") (picture alliance / dpa / Stefan Sauer)
Eine Büste von Alexei Maximowitsch Peschkow - in der Literatur bekannt unter dem Pseudonym Maxim Gorki ("der Bittere") (picture alliance / dpa / Stefan Sauer)

Mit niederländischen Schauspielern hat der lettische Theatermacher Alvis Hermanis das Gorki-Stück "Wassa Schelesnowa" an den Münchener Kammerspielen inszeniert. Es erzählt von einer geschäftstüchtigen Mutter, die keine Liebe für ihre Kinder hegt. Eine Aufführung mit Unstimmigkeiten.

Die korrumpierte Mutterliebe hat den lettischen Theatermacher Alvis Hermanis an Maxim Gorkis Stück "Wassa" interessiert. Statt durch Gefühl wird Wassa Schelesnowas Familie durchs Geld zusammengehalten. Was das anrichtet, kann man in Hermanis‘ Inszenierung an den Münchner Kammerspielen sehr gut an Wassas drei erwachsenen Kindern studieren. Von ihren beiden Söhnen ist der eine ein trotziger Trauerkloß (sehr komisch in seiner wehleidigen Weinerlichkeit: Benny Claessens), der andere (Oliver Mallison) ein dekadenter Dandy, der nur darauf wartet, sein Erbteil ausgezahlt zu bekommen, um sich dann auf und davon zu machen. Einzig Wassas Tochter Anna hat Klugheit und Geschäftssinn der Mutter geerbt, ist aber bei Kaja Herbers von einer Kälte, die frösteln macht. Nähe lässt sie nur zu, wenn sie andere aushorchen will. Fast liebevoll schmiegt sie sich dazu an ihre Schwägerinnen und verwickelt sie samt Bruder in eine kurze, ausgelassene Kissenschlacht - bezeichnenderweise im Bett Wassas, das den Kindern die mütterliche Wärme zu spenden vermag, die die Mutter selbst nicht zu geben bereit ist.

Dieses Bett steht am rechten Rand des mit großer Akribie ausgestatteten Wohnraums, den sich Alvis Hermanis von der Bühnenbildnerin in die Spielhalle der Münchner Kammerspiele hat bauen lassen, mit knarzendem Holzdielenboden, Sprossenfenstern mit etlichen Topfpflanzen auf der Fensterbank davor, langer Speisetafel, die immer wieder reich eingedeckt wird, schwerem Schreibtisch voller Schreibwaren, eine hörbar tickende Wanduhr und allem Drum und Dran, bis hin zum unvermeidlichen Samowar. Diesem detailverliebten Hyperrealismus der Szenerie entsprechend bemühen sich die Schauspieler - weitestgehend mit Erfolg - um eine möglichst natürlichen, ganz und gar nicht theaterhaft tönenden Sprechduktus. Gorki auf Zimmerlautstärke.

Diesen radikalen Naturalismus hat Alvis Hermanis bereits in verschiedenen Inszenierungen vorgeführt, am eindrucksvollsten in seiner Wiener Inszenierung von Tschechows "Platonow". Dass seine Münchner "Wassa" nicht in gleichem Ausmaß zu faszinieren vermag, hat verschiedene Gründe. Elsie de Brauw in der Titelrolle vermag durchaus die Brüche ihrer Figur zu vermitteln, das Leiden der Mutter am eigenen Liebesversagen hinter der Fassade der taffen Geschäftsfrau. Das Problem ist nicht de Brauws darstellerisches Vermögen, sondern ihre Sprache. Sie ist Niederländerin, wie einige andere Darsteller der Aufführung auch, die Kammerspiele-Intendant Johan Simons bei seinem Amtsantritt im Herbst 2010 aus seiner Heimat mit ins Ensemble gebracht hat. In vielen Konzepten des modernen Regietheaters stört der holländische Akzent dieser teils großartigen Schauspieler nicht im Geringsten.

In Alvis‘ Hermanis auf größtmögliche Echtheit angelegter Inszenierung jedoch fragt man sich, wieso der Darsteller eines der beiden Söhne Wassas (Oliver Mallison , Deutscher) so ganz anders spricht als Mutter, Bruder und Schwester (de Brauw, Clasessens, Herbers, allesamt aus den Niederlanden). Der holländische Akzent eines Teils des Ensembles hebelt den Hyper-Realismus von Hermanis ein gutes Stück weit aus, der Unstimmigkeiten nicht verzeiht. Darüber hinaus läuft er Gefahr, auch Leerlauf zu produzieren. Im Theater von Alvis Hermanis kann man Menschen beim Leben zusehen, ihr Verhalten studieren. Im Wiener "Platonow" funktionierte das prächtig, dank der prallen Figurenfülle. In Gorkis "Wassa" mit vergleichsweise schmalem Bühnenpersonal gibt es weit weniger zu beobachten. So erzählt eine weitegehend stumme Frühstücksszene im ersten Akt, in der sich die Familienmitglieder nur wenige Satzbrocken zuwerfen, zwar viel über die Spannungen zwischen den Figuren. Die dramaturgische Spannung hängt dabei aber immer wieder mal gehörig durch.

"Das Theater", hat Alvis Hermanis unlängst in einem Interview gesagt, "ist wie ein Vampir, es braucht Leidenschaft. Je mehr davon, desto besser!" Maxim Gorkis "Wassa" an den Münchner Kammerspielen lässt diese Leidenschaft immer wieder Mal vermissen.

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